Die Killer-Gangs von London

screenshot YouTube
Eines von unzähligen "Drill"-Video auf YouTube (screenshot YouTube)

London sieht sich einer nie da gewesenen Welle der Gewalt gegenüber. Fast täglich werden auf den Straßen Jugendliche Opfer von Messerattacken. Dahinter stecken meistens Gangs, bei denen es um Drogen, Revierkämpfe und Ansehen geht. Je mehr Messerattacken ein Jugendlicher vorweisen kann, desto höher steigt er in der Hierarchie der Kriminellen. 

von Marilla Slominski

„Je größer das Verbrechen ist, je höher die Punkte sind, je öfter man so etwas macht, desto mehr Reputation erhält man, desto mehr steigt man in der Rangliste nach oben“, weiß Chris Preddie, ein ehemaliges Bandenmitglied, der heute mit jugendlichen Straftätern arbeitet.

„Wenn Sie ein Kind sind und in die Rangliste aufsteigen, werden Sie ein Anführer. Der kontrolliert 15-20 Kinder unter sich und sagt ihnen, was sie tun sollen.“ Bereits 9-jährige spielen ein Spiel namens „Scores“ in dem sie sich durch Messerstiche und andere Verbrechen Punkte verdienen.

Das Eindringen in das Territorium einer rivalisierenden Bande bis hin zum Mord, jedes Vergehen hat seine eigenen Punktzahl. Extra-Punkte gibt es, wenn dem Opfer ins Gesicht gestochen wird oder eine sichtbare Narbe zurückbleibt.

„Es ist für alles gedacht, was man sich vorstellen kann, vom Kleindiebstahl über das Telefonieren bis hin zu Bandenvorfällen. Man sieht die Punkte nicht, aber man sieht die Gangmitglieder mit den Messern und mit dem großen Geld posieren … das ist Teil des Punktesystems. Es ist eine systematisierte Kultur,“ so der 30-jährige Chris Preddie.

Er machte auch „Drill“ -Musik für die Verherrlichung der Gewalt verantwortlich. Diese Variante des Gangster Rap zeigt maskierte Darsteller, die auf YouTube über Drogen, Schießereien, Messerstechereien und das Töten ihrer Feinde rappen.

„Wenn ein Kind in der britischen Stadt Slough plötzlich über Scores Bescheid weiß, dann hat es das auf YouTube gefunden. Youtube ist die Plattform für diese Drill-Rapper, um in die Köpfe der jungen Leute zu kommen“, so Preddie.

Bandenmitglieder hätten ihm selbst erzählt, dass sie keine andere Wahl gehabt hätten, als mitzumachen, erzählt der zweifache Vater, der die Organisation mit dem Namen Make Dreams Reality gegründet hat. Selbst Grundschüler im Alter von neun oder zehn Jahren hätten keine Chance, den Gangs zu entgehen.

„Sie sagen:“ Ich bin lieber in einer Gang als nicht. Es spielt keine Rolle, ich werde sowieso getötet. Wenn du unter 25 bist, bist du automatisch involviert. Wenn du aus dem Londoner Bezirk Tottenham kommst und nach Wood Green kommst, wird dich keiner anhalten und fragen, ob du zu einer dortigen Gang gehörst. Wenn er dich nicht kennt, wird er dich erstechen“, erklärt Preddie. In den sozialen Netzwerken sei inzwischen jeder Schritt, den ein Jugendlicher tut, öffentlich sichtbar. Sich in der „falschen Gegend“ aufzuhalten, kann umgehend zum Angriff führen.

Auf Youtube gibt es unzählige „Drill“-Videos von „Rappern“, die die Gangkultur verherrlichen. In ihnen inszenieren sich die kriminellen Jugendlichen, prahlen mit Schießereien und Messerattacken.

Viele dieser YouTube Kanäle werden von Google „monetarisiert“, so dass die Mitglieder der Gangs von der Werbung profitieren, die beim Betrachten der Videos gezeigt wird.

Die Metropolitan Police hat eine Datenbank zusammengestellt, in der mehr als 600 mutmaßliche Gangster verzeichnet werden, die in 1.100 meist Musik-Videos auftauchen und YouTube gebeten, einige dieser Inhalte zu entfernen – doch YouTube hat mehr als ein Drittel solcher Anfragen abgelehnt. Solange das Messer nicht offen geschwungen wird, sieht der Konzern bisher keinen Grund zum Einschreiten. Nun scheint Google angesichts des täglichen Blutbads auf den Straßen der britischen Hauptstadt ein Einsehen zu haben:

Man suche nach Experten für London Slang, um die Sprache der britische Gangs verstehen zu können und so Videos besser identifizieren zu können, die Androhung von Gewalt enthalten, heißt es.

Der mit Rücktrittsforderungen konfrontierte muslimische Bürgermeister Sadiq Khan, unter dessen Regentschaft London zur gefährlichsten westlichen Stadt geworden ist, die mittlerweile bei der Anzahl der Morde sogar New York überholt hat, veröffentlicht unterdessen nette Videobotschaften, in denen die Jugendlichen aufgefordert werden, keine Messer bei sich zu tragen. „London braucht mich lebend“, so lautet seine offizielle Botschaft gegen das Verbrechen.

Ermordete in diesem Jahr bis heute: 56.

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