Offener Brief an den SPIEGEL: „Wollen Sie die Leser weiterhin belehren?“

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Immer dieze Nazis! (Foto: Collage)

Sehr geehrte Damen und Herren Redakteure,

der Rückgang Ihrer Leserzahlen ist wohl inzwischen dramatisch und existenzbedrohend, daß Sie sich entschlossen haben, Ihre Leser grundlegend dazu zu befragen. Das (überwiegende) Ergebnis war voraussehbar: „Ich finde es widerlich, dass ich ständig belehrt werde, was ich zu denken habe.“ Dabei ist ganz sicher anzunehmen, daß es neben den inzwischen weitaus mehr als 2.500 eingegangenen Meinungsäußerungen dazu noch sehr viel mehr ehemalige SPIEGEL-Leser gibt, die genauso denken und deswegen eben den SPIEGEL gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Ich habe da noch nicht alle Hoffnung fahren lassen. Meine Meinung ist Ihnen bekannt (https://www.journalistenwatch.com/2018/03/11/spiegel-trotz-spesen-kaum-gelesen-2/), gedruckt haben Sie diesen Text und die anderen (untern), die Ihnen stets zuerst angeboten wurden, nicht. Okay, aber überhaupt nicht darauf zu reagieren ist einfach unhöflich.

Von Lothar W. Pawliczak 

Ihre Hinwendung zum Leser gibt etwas Hoffnung – allerdings: Wenn ich die von einigen Ihrer Autoren auf SPIEGELonline veröffentlichten Hetzartikel gegen Herrn Tellkamp (Meine Meinung dazu ist Ihnen auch bekannt: https://www.journalistenwatch.com/2018/03/16/die-tellkamp-affaire-wird-zu-einer-spiegel-affaire/) lese, ist das eigentlich Anlaß genug, die gleich wieder fahren zu lassen. Oder haben Sie da jetzt eine Arbeitsteilung vereinbart: Online wird der Leser weiter belehrt und gedruckt wird sachlich berichtet?: „Der Riss“ in SPIEGEL Heft 12/2017 ist ja ganz ordentlich.

Zweifel bleiben mir auch, ob Sie wirklich einen Dialog mit Ihren Lesern „auf gleicher Augenhöhe“ führen wollen, wie das z.B. auf der Medienkonferenz vom 9./10. November 2017 gefordert wurde (Auch dazu ist Ihnen meine Meinung bekannt: https://www.journalistenwatch.com/2017/11/21/49576/.). Warum Zweifel: Wenn Sie die Leserzuschriften nicht alle ungekürzt veröffentlichen, was ja auf Ihrer Internetseite kein Problem wäre, haben Sie einen erheblichen „Augenhöhe-Vorsprung“ gegenüber Ihren Lesern und den Teilnehmern auf der angekündigten Konferenz am 25. Mai. Wie planen Sie diese Konferenz? Wer stellt da eine Auswertung der Lesermeinungen vor? Wird da wirklich ein objektives Meinungsbild gegeben werden, so daß sachgerecht diskutiert werden kann? Eine neutrale Auswertung durch SPIEGEL-Redakteure ist ja wohl nicht möglich, was man Ihnen auch nicht vorwerfen kann. Wie wäre es, wenn z.B. Hans-Joachim Maaz  oder Frank Richter das auswerten? Die dürften hinreichend neutral sein. Wie werden Sie es mit der Berichterstattung zu dieser Konferenz halten? Leider bin ich zu dieser Zeit im Ausland. Werden Sie die Konferenz als Lifestream ins Internet stellen? Dann könnte ich sie natürlich auch verfolgen. Aber es werden sicher genügend Nicht-SPIEGEL-Journalisten anwesend sein, die hoffentlich ausführlich darüber berichten.

Wie auch immer: Diese Konferenz wird wohl über das Schicksal des SPIEGEL entscheiden: Rückkehr zu „sagen, was ist“ oder weiter so mit Belehrung des Publikums.

Übrigens: Die Berliner Zeitung, die damals bekanntlich noch das Presseorgan der Berliner SED-Parteiführung war, hatte im Oktober 1989 eine Seite für die demokratische Opposition in der DDR eingerichtet, auf der sie unzensiert Artikel veröffentlichen konnte. Wie wäre es, wenn Sie es mit einigen Seiten da gleichtun würden?

Sie sehen, ich habe noch Hoffnung mit Ihnen.

 

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