Des Kaisers Ausflug (oder: Man wird ja wohl noch träumen dürfen)

Foto durch Autor vermittelt
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Märchen haben mir bereits öfters als Grundlagen für Text-Beiträge gedient ( meist moderne Märchen wie z. B. „Dem deutschen Volk ging es nie so gut, wie jetzt“, oder „Wir haben keinerlei Integrationsproblem“, oder „Die progressive Abgabe von staatlicher Souveränität an Brüssel ist zum Wohle Deutschlands“). Neuerdings wird auf Themensuche auch schon mal der überlieferte deutsche Sagenschatz angezapft und ich möchte mich heute diesem  Trend anschließen und ebenfalls in die Schatzkiste der deutschen Sage greifen – wobei ich mir die Freiheit nehme, den verwendeten Sagenstoff etwas der derzeitigen deutschen Realität anzupassen.

Von Quo usque tandem

 Das Krächzen der drei Raben weckt ihn aus dem Schlaf. Wo bisher nur ein Hauch von Helligkeit durch die kleine Öffnung drang, welche die Vögel für ihr Kommen und Gehen benutzen, flutet jetzt Tageslicht die felsige Kammer, den Ort seiner langen Ruhe: der Fels muss sich aus irgend einem Grund gespalten haben, um jetzt eine zweifach mannshohe Öffnung nach draußen freizugeben.

Er blinkt gegen die ungewohnte Helligkeit und versucht von seinem steinernen Sitz aufzustehen, doch sein – zwar immer noch roter, aber erstaunlich lang gewordener – Bart scheint sich irgendwie in dem vor ihm stehenden, ebenfalls steinernen Tisch verfangen zu haben. Nachdem der Versuch ihn mit den Händen frei zu bekommen fehlschlägt, zieht er das mächtige Schwert, welches er an vertrauter Stelle an seiner Seite findet, schneidet den Bart zwei Handspannen unter seinem Kinn ab und erhebt sich in seiner ganzen, immer noch imposanten Größe. Die drei Raben haben sich während der ganzen, seit seinem Erwachen vergangenen Zeit darin abgewechselt, krächzend um seinen Kopf und dann zu der neu entstandenen Ausgangspforte zu fliegen – ganz offensichtlich fordern sie ihn auf, sich nach draußen zu begeben.

Ins volle Tageslicht tretend, und nachdem sich seine Augen der ungewohnten Helligkeit angepasst haben, findet er sich auf einer erhöhten, offensichtlich von Menschenhand geschaffenen Terrasse, mit Blick auf eine weite Waldlandschaft wieder. Hinter ihm ragt eine Art Bergfried auf, welcher aber – ein aus militärischer Sicht unverzeihlicher Mangel – von keinerlei Ringmauern oder Palisaden umgeben ist. (Anm. d. Erzählers: Unser Schläfer kommt aus dem Untergrund des Kyffhäuser-Denkmals im Harzvorland ans Tageslicht; einschlägige Abbildungen sind bei Google verfügbar). Auf halber Höhe des Bergfrieds steht die metallene Figur eines Reiters, tiefer, in einer Nische, sitzt eine überlebensgroße Gestalt – diese aus Stein gehauen – welche seltsamerweise ein Abbild der ihn so vertrauten Krone des Heiligen Römischen Reichs trägt.

Den Kopf schüttelnd geht er zum Rand der Terrasse und blickt, etwas tiefer, auf einen großen freien Platz, welcher menschenleer ist, auf dem sich aber mehrere gedeckte Fahrzeuge von seltsamer Form befinden; Fahrzeuge müssen es ja wohl – angesichts der jeweils vier Räder – sein. Er steigt eine breite Treppe hinunter und schickt sich an den Platz zu überqueren, um die eigenartigen Vehikel in Augenschein zu nehmen, als er ein sich näherndes, brummendes Geräusch wahrnimmt, welches von den Klängen einer Art von Musik überlagert wird. Die Musik weckt lange verschüttete Erinnerungen, bis es plötzlich dämmert: Er hat Klänge dieser Art auf seinem nie vollendeten Kreuzzug, im Land der Seldschuken (Anm.: Historische Vorläufer der heutigen Türken) gehört.

Ein weiteres der seltsamen Fahrzeuge birst, offenbar von Geisterhand bewegt, in vollem Lauf auf den Platz, hält auf ihn zu, schert erst wenige Schritte von ihm entfernt aus und kommt, schlitternd und Staub aufwirbelnd, dicht vor ihn zum Stehen. Während dieses Manövers dringen weiterhin ohrenbetäubende Klänge der fremden Musik aus dem Vehikel. Türen mit offensichtlich gläsernen Scheiben (von einem Flächen-Ausmaß. welches jeden Glasmacher seiner Zeit vor Neid hätte erblassen lassen) öffnen sich und vier junge Männer in seltsamer Gewandung entsteigen dem Gefährt. Ihre Haare sind, nach der Art von Hörigen, kurzgeschoren, nicht höfisch lang; ebenso wenig höfisch ist ihre Art sich zu bewegen und, ganz allgemein, ihr gesamtes Gebaren.

Einer der Vier ist von sehr dunkler Hautfarbe und erinnert Friedrich Barbarossa (denn das ist der Mann aus dem Kyffhäuser) an einen Sklaven, den der Almoraviden-Sultan von Marokko  ihm einst als Freundschafts-Geschenk gesandt hat.

Der Dunkelhäutige baut sich vor Barbarossa auf; die anderen drei gruppieren sich, den  Beta-Männchen eines Wolfsrudels gleich, hinter ihm. Der Anführer ist zwar massiv gebaut, aber mindestens einen Kopf kleiner als sein Gegenüber.

Das Alfa-Männchen gibt sich zunächst „jovial“ und eröffnet den Dialog mit „Du von Zirkus, Opa? Wo Rest von Clowns?“

Barbarossa, verständnislos blickend, erwidert: „Was ist dein Begehr mit mir, Schalk?“  (Anm. d. Erzählers: Angesichts der Haartracht und des wenig höfischen Gebarens der Gruppe, wählt er die während seiner Lebenszeit im Umgang mit den niederen Schichten gebräuchliche Form der Anrede. Das Wort „Schalk“ ist nicht dahingehend zu verstehen, dass der Kaiser sein Gegenüber besonders amüsant oder verschmitzt findet – es ist vielmehr die altdeutsche Bezeichnung für „Knecht“ bzw. generell eine Person von niedriger sozialer Stellung.)

Der Anführer bemerkt jetzt eine rotes, auf den Mantel des Kaisers aufgenähtes Kreuz, welches bisher durch die Falten des Mantels verborgen war. Hierzu muss man wissen, dass Barbarossa auf einem Kreuzzug gestorben ist und das rote Zeichen ihn als Kreuzfahrer ausweist.

Der Anblick des Kreuzes löst bei dem Alpha-Männchen eine Reaktion aus, welche in Deutschland inzwischen als „Blitz-Radikalisierung“ bekannt ist. An seinem Mund erscheint Schaum und er beginnt schrille, inkohärente Laute auszustoßen. Man versteht lediglich einige Wortfetzen wie „Das weg! Haram! Kuffar totmachen! Alahu Akbar!“ Dann erscheint plötzlich ein offenes Butterfly-Messer.

Der Kaiser, aus einer Zeit stammend, in welcher Deutschland noch nicht von schafs-ähnlichen Wesen bewohnt war und in welcher der Anblick einer gezückten Waffe einen energischen Gegen-Reflex (statt hilflosen Rufens nach der, in der Regel nicht verfügbaren Ordnungsmacht) zu erzeugen pflegte, tritt einen Schritt zurück. Sein Schwert macht ein schnarrendes Geräusch, als es aus der Scheide fährt, ein verirrter Lichtstrahl lässt die breite Klinge kurz aufblinken, gefolgt von einem dumpfen, Schlachthof-Besuchern vertrauten Laut. Die beiden, von der Hirnschale bis zum Schritt säuberlich getrennten Hälften des Anführers stehen noch einen Augenblick aufrecht da, ehe sie nach rechts und links zu Boden sinken. Barbarossa nimmt aus dem Augenwinkel wahr, dass ein zweites Mitglied  der Gruppe in seine Jacke greift, verkehrt die Richtung seiner Klinge mit einer Drehung des Handgelenks und ein Kopf rollt über die festgestampfte Erde des Platzes, während ein zweiter Körper, Blut fontänen-gleich aus dem Hals spritzend, zu Boden fällt. Die beiden restlichen Mitglieder der Gruppe starren den Kaiser für einige Sekunden mit aufgerissenen Augen an, geben dann unisono ein Geräusch von sich, welches halb Wimmern, halb Entsetzensschrei ist, drehen sich auf den Hacken um und rennen in den Wald.

Barbarossa schickt ihnen ein „Steht und kämpft, ehrlose Neidinge!“ hinterher, schüttelt den Kopf, reinigt sein Schwert an der Kleidung eines der beiden Toten ehe er es wieder in die Scheide steckt und beginnt nach der Quelle der weiterhin laut schallenden Musik zu forschen, mit dem Ergebnis, dass diese wohl aus der Innenwand der seltsamen Vehikels kommen muss. Seine Untersuchung wird von den drei Raben unterbrochen, welche beginnen unter lautem Krächzen um seinen Kopf und von diesem immer wieder hin zu der Architektur auf dem Hügel zu  fliegen: sie wollen ihn mit dieser Gestik ganz offensichtlich auffordern, dorthin zurückzukehren.

Während er sich, dieser Aufforderung folgend, wieder auf die Terrasse und zur ins Berginnere führenden Felsöffnung begibt, vernimmt Barbarossa aus verschiedenen Richtungen rasch näher kommende Geräusche, welche an den Klang von Kriegs-Hörnern erinnern. Wie sich rasch herausstellt, werden diese Geräusche durch weitere Gefährte der seltsamen Art erzeugt, welche sich auf den großen Platz vor der „Burg“ ergießen;  im Gegensatz zu dem ersten Vehikel sind diese jedoch uniform weiß und blau gefärbt. Die Fahrzeuge spucken Scharen von  – ebenfalls uniform gekleideten – Männern aus, die teils seltsame Armbrüste ohne Bogen und Sehne, teils kompakte schwarze Gegenstände in den Händen halten und sich rasch im Kreis und im Schutz der diversen Vehikel verteilen.

Eine Person, die über beträchtliche Stimmgewalt verfügen muss, ruft: „Hier spricht die Polizei! Werfen Sie die Waffe weg, legen Sie die Hände hinter den Kopf und gehen Sie langsam in die Knie.“ Während der Kaiser noch verständnislos blickt, wird die Aufforderung wiederholt und, als er immer noch nicht reagiert, vernimmt er einen hellen Knall. Irgend etwas trifft die Mauer neben ihm und ein abgesprengter Steinsplitter ritzt seine Wange. Das Krächzen der Raben ist inzwischen zum Crescendo angeschwollen, sie zerren mit den Schnäbeln an seinen Haaren und und ihre Absicht ihn in den Berg zurückzuholen ist inzwischen unmissverständlich. Da ruft Barbarossa der uniformierten Schar zu: „Was für ein Narrenschiff habt ihr Ärschlinge aus dem Reich gemacht, das ich euch wohlbestellt zurückgelassen habe. Ihr könnt es haben, ich will keinen Teil daran.“ Spricht’s und tritt zurück in die Felswand, welche sich mit einem donnernden Knall von Stein auf Stein hinter ihm schließt.

So endet der erste Ausflug des Schläfers vom Kyffhäuser in sein einstmaliges Reich. Vielleicht kommt er ja nochmals wieder, um – wie es die Sage verheißt – dieses Land zu retten. Aber, falls Du diese Absicht haben solltest, o Friedrich, dann komme bald – sonst wird es nichts mehr zu retten geben!

Nachwort: Mancher Leser der vorstehenden Zeilen wird sicher fragen „Hat der alte Quo jetzt endgültig einen Sprung in der Schüssel?“ Hierzu sei mir die Gegenfrage erlaubt „Hat man in diesen Zeiten des Verfalls und  Ausverkaufs von Nation, Heimat und eigener Kultur nicht das Recht, ab und zu ein wenig zu träumen?“

Wandere aus, solange es noch geht!
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