Wegen Auschwitz: Heiko Maas will den Friedensnobelpreis

Foto: Imago
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Das Elend hat einen Namen. „Ich bin wegen Auschwitz in die Politik gegangen“, sagt der neue Bundesaußenminister Heiko Maas jetzt überall. Es ist dieser eine Satz, der alles erklären soll – und tatsächlich vieles erklärt, aber ganz anders als Maas es meint. Es ist eben so, dass schwere Sätze mit höllischem Gewicht auch erst einmal gestemmt werden wollen. Genau dazu aber ist das politische Leichtgewicht von der Saar gar nicht fähig. Das Elend dieser Erklärung besteht im Irrglauben an die selbst verliehene moralische Überlegenheit, welche solche Erklärungen implizieren soll. Doch der Satz ist vor allem auch unvollständig, er führt ins Nichts, weil Maas ihn auch gar nicht zu Ende gedacht hat.

Von Hans S. Mundi

Das Elend bleibt, wenn man nichts erklärt. Man kann wegen Hitler, Honecker oder Heinrich Heine in die Politik gehen, auch wegen Al Capone, den Atomkraftwerken oder eben Auschwitz – es sagt alles und nichts, wenn dahinter nicht explizit erklärt wird, was Name oder Begriff konkret für einen bedeuten und was man in diesem Zusammenhang zu tun gedenkt. Mehr Prohibition mit Al Capone? Atomkraftwerke wieder ans Netz? Mehr Auschwitz wagen? Wenn keine klare Erklärung folgt, bleibt hier gewollt eine für Beliebigkeit freie Projektionsfläche – bei Heiko Maas eher ein leerer Raum.

Das Elend von Auschwitz endete 1945 als Deutschland von den Alliierten besiegt wurde. Anschließende verließen die „letzten überlebenden“ deutschen und europäischen Juden den Kontinent und gründeten den Staat Israel. Das Elend der Deutschen setzte sich fort durch die danach folgende Teilung des Landes im Rahmen eines Ost-West-Konfliktes, der hierzulande für reichlich Verwirrung in den Köpfen sorgte. Das Elend der Deutschen bestand und besteht auch weiterhin in ihrer blinden Gefolgschaft gegenüber dem Staat, der Obrigkeit und „denen da oben“, die mit dem deutschen Michel immer ein leichtes Spiel hatten. Der Deutsche hat die Bedeutung des Wortes „Faschismus“ nämlich bis heute nicht begriffen, das ist das größte Elend.

Das Elend des Heiko Maas begründet sich durch seinen lupenreinen Linksextremismus, die alte Saarländer Schule von Honecker bis Lafontaine, die Maas in Kreisen der dortigen SPD als artiger Musterschüler absolvierte. Die „reine Lehre“ an der Saar fühlte sich der DDR ganz nah, was man auch noch nach 1989 gut beobachten konnte. Ex-Saar-Ministerpräsident Oskar Lafontaine (erst SPD, dann SED/PDS/Linkspartei) gehörte in der SPD zu jener Linksfraktion, die längst die Anerkennung der DDR zum Teil offen forderten, für die eine Zweistaatlichkeit Deutschlands als Kriegsfolge ganz natürlich war. Außerdem waren doch gerade alle Linken „wegen Auschwitz“ in der Politik, also seit 1945 die Gralshüter der denkbar höchsten politischen Moral, im geistigen Verbund mit den Genossen in der Stasi-DDR, die auch irgendwie wegen Auschwitz an der Macht waren – in ihrem linksfaschistischen „Arbeiter- und Bauernstaat“. Diese Saarländer Kreise um Oskar Lafontaine waren es auch, welche durch Linksbündnisse schließlich zur gesamtdeutschen PDS/Linkspartei im Westen alte DKP-Kader und andere schräge Genossen (ausgerechnet nach dem Fall der DDR-Mauer) in Bundespolitik und Bundestag holten – und damit die radikalen Linken wieder rehabilierten und sogar zurück an die Macht auf Ministerpräsidentensessel oder in Rot-Rot-Grüne Landesregierungen brachten.

Das Elend der Deutschen war das Hauptthema des deutsch-jüdischen Schriftstellers Ralph Giordano, einer der politisch klügsten Köpfe des Landes, eine authentische Persönlichkeit, ein Mann voller Wissen über Historie, Hintergründe, Zusammenhänge. Giordano rechnete den Deutschen ihre „zweite Schuld“ penibel vor, jene schreckliche deutsche Mentalität aus Duckmäusertum, Mitläuferei und Wendehalsigkeit, die man nach zwei Diktaturen (also nach 1945 und nach 1989) nicht nur bei politischem Personal gut studieren konnte. Giordano hatte Angehörige in deutschen KZ’s verloren, war selbst unter der Folter der NS-Schergen gewesen, kaum einer konnte den Deutschen nach dem Krieg so viel glaubwürdig über Auschwitz, Mitschuld und die Gefahren einer Diktatur erzählen wie er. Jetzt dürfte sich Giordano vor Wut im Grab drehen und wohl am liebsten seinen Sargdeckel in Richtung Maas werfen.

Das Elend findet im deutschen Kopf statt. Heute. Nicht 1945. In der Berliner Republik. Nicht in Auschwitz. Es war Ralph Giordano, der in zahllosen Interviews immer wieder die Linken vor ihrer Einäugigkeit und ihrem falschem Faschismus-Begriff warnte. Giordano war zu Lebzeiten ein scharfer Kritiker des DDR-Unrechtssystems, welches sich gerne mit dem „Antifaschismus“ als Tarnmantel umhüllte. Es war der Jude und KZ-Überlebende Giordano, der immer wieder erklärte, dass Faschismus nicht nur von Rechts sondern auch von Links (wie unter Stalin oder in der DDR) kommen kann, oder eben – ganz aktuell! – auch in einer fanatischen Religion existiert. Giordano war bis zu seinem Tod Gegner des Kölner Großmoscheebaus, er fetzte sich mit der Ditib als Erdogans „fünfter Kolonne“, er nannte es „Landnahme“, was radikale Muslime hier in Deutschland praktizieren würden – er war bis zum Tod Warner und Mahner vor dem im Westen heraufziehenden Islamofaschismus, begünstigt durch eine völlig ohne Sinn und Verstand praktizierte „Toleranz“.

Das Elend des Heiko Maas ist unübersehbar. Wenn er wegen Auschwitz in die Politik gegangen wäre, weil Auschwitz ein Synonym für staatlichen Terror, politischen Vernichtungswillen gegen unliebsame Bevölkerungsgruppen, ein Symbol für Diktatur und politisch-fanatische Barbarei ist, dann wäre er ein anderer. Dann hätte er Seit‘ an Seit‘ auf Facebook die Meinungsfreiheit der Islamkritiker mit diesen verteidigt statt diese durch sein NetzDG sperren zu lassen; dann hätte Maas jetzt alles getan, um die Lieferung von Panzern an das faschistoide Erdogan-Regime aus Deutschland zu beenden, dann würde er den Völkermord an den Armeniern und jetzt an den Kurden durch Osmanen und Türken jetzt erneut thematisieren, dann würde er nicht russische sondern türkische, iranische und saudi-arabische Diplomaten ausweisen.

Das Elend dieses einen Satzes ist offenkundig. Dieser Satz wird Maas nun verfolgen. Denn Heiko Maas ist wegen irgendwas in die Politik gegangen. Nicht wegen Auschwitz. Vermutlich aus Eitelkeit. Und wegen des fetten Verdienstes. Und weil man via linker Hypermoral jeden morgen vor dem Spiegel jenen Gesichtsausdruck proben kann, den man aufsetzt, wenn man den Friedensnobelpreis, den Aachener Karlspreis oder das Bundesverdienstkreuz erhält. Wegen der Verdienste um Auschwitz. Oder so. Irgendwas wird da den Redenschreibern aus der Liga der Selbstherrlichen schon einfallen.

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