Kretschmann und der 7-jährige Messerstecher – oder: Der galoppierende Verlust unserer Zivilisation

Foto: Durch showcake/Shutterstock
Foto: Durch showcake/Shutterstock

Der dramatische Vorfall in einer Baden-Württembergischen Grundschule erschüttert die Gemüter seit Tagen. Ein siebenjähriger, kleiner Junge stach seiner Lehrerin ein Messer in den Bauch. Die Frau musste operiert werden. Sie steht immer noch unter Schock.

Von Niki Vogt

In der Folge setzte der alte, leidige Sport des Verantwortungs-Polos ein. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) schubste den Ball mit kühnem Erstangriff in das Tor der Schulaufsicht, man habe ja gewusst, dass der Bub hoch aggressiv sei und man hätte schneller auf Hinweise zu seinem Verhalten reagieren müssen. Ein Brief an das Freiburger Schulamt stellte schon früh fest, dass die Lehrer nicht mehr für die Sicherheit der Schüler garantieren könnten. Denn der Junge sei aufgrund der täglichen Vorfälle – Beißen und Schlagen von Mitschülern und Lehrern, Werfen von Stühlen – nicht berechenbar und schwer zu kontrollieren. Eine „engere und aufmerksamere Begleitung des Vorganges durch die örtliche Schulaufsicht“ sei angebracht gewesen, legt das Schulamt nach. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft tummelt sich ebenfalls auf dem Polo-Platz und tut das, was sie am besten kann: sie fordert. Diesmal eine sorgfältige Aufarbeitung des Falls. Und, natürlich, Psycho-Betütelung: Schulpsychologische Beratungsstellen müssen sich jetzt in Gesprächen um das Befinden der Schüler, Eltern und Lehrer kümmern: „Die Betroffenen dürfen in einer solchen Situation nicht alleine gelassen werden.“ „Vorschnelle“ Antworten oder „Vorverurteilungen“ dürfe es nicht geben. Wichtig seien Schulsozialarbeit und Schulpsychologen, um Streitigkeiten entschärfen zu können.

Jugendamt und Bürgermeister sind ebenfalls eingeschaltet, man spüre eine „Verunsicherung“ bei Eltern, Lehrern und Schülern. So richtig dramatisch sei das Ganze aber nicht. Der Junge habe die Lehrerin „leicht mit dem Obstmesser verletzt“.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann meldete sich am 20. März zu Wort: „Wir müssen nicht wegen jedem Einzelfall glauben, wir müssten die Welt ändern. Das ist nicht der Fall.“ Und er fügt hinzu: „Ich selbst habe früher als Lehrer keine Gewalt gegen Lehrer erlebt.“

Die Polizei selbst spielt den Vorfall ebenfalls herunter: „Wir haben versucht, die Dramatik herunterzustufen, die letztendlich gar nicht vorhanden war.“   Laut Polizei habe der Bub mit einem kleinen Obstmesser hantiert und es habe sich nicht um einen gezielten Angriff gehandelt. Die Lehrerin habe nur wegen einer oberflächlichen Verletzung behandelt werden müssen. Die BILD-Zeitung veröffentlichte aber ein Foto der „oberflächlichen Verletzung“ ohne gezielte Angriff:

Stichwunde der Lehrerin, Foto: Screenshot der Webseite zum Artikel

Man mag über die Frage des Geschmacks streiten, das Foto der Stichverletzung öffentlich zu zeigen. BILD muss das Foto allerdings von der verletzten Lehrerin selbst bekommen haben. Die Frau sieht die ganze Sache ganz anders und beschreibt einen sehr wohl gezielten Angriff. Ihre Schilderung wird durch das Foto eindrucksvoll unterstützt. Dies ist keine oberflächliche Schnittwunde oder stärkerer Kratzer sondern eine tiefe Stichwunde, die so nur entsteht, wenn ein Messer senkrecht in den Körper gerammt wird. Dazu muss ein Siebenjähriger schon Kraft aufwenden. Eine oberflächliche Schnittwunde hätte auch nicht operiert werden müssen.

Die Lehrerin leidet seitdem nicht nur an der physischen Verletzung, sondern fast noch mehr an der psychischen Misshandlung durch die Verantwortlichen öffentlichen Stellen: „Ich leide noch heute unter dem Angriff und finde es schlimm, dass das so verharmlost wird.“

Die verkrampften Verharmlosungs-Tänze, die um diesen Fall gemacht werden, sind, um es vorsichtig zu sagen, höchst erstaunlich und verdächtig. Drücken wir es einmal so aus: Angenommen, ein deutscher Bub aus einer eher rechtslastigen Familie, hätte eine solche, dokumentierte Geschichte von Gewalt und Aggressivität – Jugendamt und Polizei wären längst eingeschritten, und die Presse hätte die Story vom traumatisierten Kind als Ergebnis einer faschistischen Schurkenfamilien-Erziehung mit -zig Fotos abgefeiert.

Aber darum geht es hier eigentlich nur am Rande.

Was dieser Fall wirklich offenbart, ist der galoppierende Verlust der Zivilisation.

Denn in einem muss man Ministerpräsident Kretschmann Recht geben: Es gab früher keine Gewalt gegen Lehrer. So etwas war einfach nicht denkbar. So etwas machten zivilisierte und erzogene Kinder und Jugendliche nicht. Heute ist das an der Tagesordnung. Das Novum in diesem Fall ist nur, dass es jetzt schon ein Siebenjähriger ist, der auch noch gleich mit einem Messer zusticht. Insofern ist es auch relativ gleichgültig, welcher Herkunft der Junge ist. Es ist sowieso nur eine Frage der Zeit, wann die sich ausbreitende, wahllose Barbarei auf alle Kinder und Jugendlichen übergreift. Jeder, der in so einem Umfeld groß wird, lernt, dass rohe Gewalt immer siegt und er der Brutalste sein muss – oder er geht unter und wird zum Opfer. Es ist das Kennzeichen der Barbarei, dass die Brutalsten die Oberhand erkämpfen und dass deren Banden die Herrschaft an sich reißen.

Was bedeutet Zivilisation und zivilisiertes Verhalten?

Mit dem Begriff Zivilisation meint man die Entwicklung des Zusammenlebens von Menschen, die zu einem möglichst friedlichen und aggressionsfreien Miteinander führen soll. Eine Grundlage dafür ist die Achtung der Grund- und Menschenrechte.
Ausdruck der Zivilisation ist die Ausbildung bestimmter Verhaltensweisen in einer Gesellschaft (z.B. Schamgefühl oder Peinlichkeitsschwellen oder aber auch das Gewissen). Ein zivilisierter Umgang miteinander bedeutet, dass man anderen mit Achtung und Würde gegenübertritt und dabei nicht beleidigend oder verletzend handelt.
Zur Zivilisation gehört auch technischer oder wissenschaftlicher Fortschritt. Jede Generation kann dabei auf die Errungenschaften früherer Generationen aufbauen. Nicht alles, was neu erfunden oder entdeckt wird, gilt aber tatsächlich auch als zivilisatorischer Fortschritt.“
(Aus: Politik-Lexikon für junge Leute)

Man muss nicht tief in die Philosophie eintauchen, um die Grundzüge des Begriffes Zivilisation zu verstehen. Die obige Beschreibung erfüllt ihren Zweck.

Das Wort stammt vom lateinischen „Civis“, Bürger. Darin liegt schon die Konnotation einer Gemeinschaft von Menschen, die sich Regeln für ein Zusammenleben gibt, welche für alle gelten unter denen sie gemeinsam leben, miteinander umgehen und arbeiten können. Diese Regeln müssen eingehalten werden, um den Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit zu erhalten und den Schutz des Schwächeren gegen den Stärkeren zu gewährleisten. Dies gelingt nur, wenn die Gemeinschaft der Bürger (durch Institutionen, gewählte Regierungen) oder ein Oberhaupt (Landvogt, Könige, Kaiser,) die Einhaltung der Regeln auch durchsetzt.

Egal, welcher Kultur eine Zivilisation angehört, welche Religion sie hat oder auf welchem technologischen Stand sie steht: Der Kern jeder Zivilisation sind die gerechten Regeln des Zusammenlebens, die den Einzelnen und die Gemeinschaft schützen und Verbrechen, Willkür und Gewalt entschieden Einhalt gebieten. Auch technologisch hochstehende Gesellschaften können, wenn das Recht und die Gerechtigkeit und der zivilisierte Umgang miteinander zerfällt, zur Barbarei verkommen. (Weitere Beispiele für grauenhafte Barbarei, nur aus diesen Tagen: In Kiel überschüttete ein Afrikaner seine Frau und Mutter seiner Kinder auf offener Straße mit einer brennbaren Flüssigkeit und zündete sie an. … In Dessau vergewaltigten zwei Afrikaner eine 56jährige stundenlang auf brutalste Weise …)

In dem Moment, wo eine Zivilisation durch Schwäche, Feigheit oder Bestechung vor Faustrecht und Verbrechen kapituliert oder wegschaut, öffnet sie das Tor zum Untergang. Es gibt immer brutale und gewissenlose Elemente, die ständig die Standhaftigkeit der Zivilisation herausfordern. Beobachten diese eine Schwäche, werden sie mehr … und dreister. Die Geier und Hyänen sammeln sich und rücken immer enger auf den schwachen Löwen zu. Kann er sich nicht mehr gegen die Attacken wehren, zerfleischen sie ihn lebendigen Leibes.

Das, was wir Bürger seit Jahren mit ansehen müssen, ist genau dieser sich beschleunigende Zerfall. Der Fall des siebenjährigen Messerstechers ist eine unübersehbare Wegmarke. Das hat es – meines Wissens – noch nie in der deutschen Geschichte gegeben, dass ein Siebenjähriger in der Schule einen Lehrer ersticht. Das ist in über Tausend Jahren nicht passiert. Diese Tat findet aber in einem Umfeld von Gewalt und Barbarei statt, in der es nur eine Frage der Zeit war, wann so etwas geschieht. In den meisten Schulen ist das „Hantieren mit Messern“ und Brutalität gegen Mitschüler und Lehrer schon Alltag. Das nächste Todesopfer wird nicht lange auf sich warten lassen. Hier schon wieder von einem „Einzelfall“ zu sprechen, ist absurd.

Kretschmann verrät sich auch ungewollt selber: „ Wir müssen nicht wegen jedem Einzelfall glauben …“. Oh ja, Herr Ministerpräsident Kretschmann, jeder dieser tausende Einzelfälle – und derer gibt es täglich viele – viel zu viele! – ist es wert, die Welt zu ändern!

(Außerdem, Herr Lehrer Kretschmann, steht hinter „wegen“ der Genitiv und es muss heißen „wegen jedes Einzelfalls“. Merke: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod!)

Wie wenig die Schulen, die schulpsychologischen Dienste, die GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) und andere Institutionen hier an den absolut einmaligen Einzelfall glauben, kommt zum Ausdruck, wenn die GEW-Landesvorsitzende Baden-Württembergs, Doro Moritz, sagt, dass Experten von schulpsychologischen Beratungsstellen das Gespräch mit den Betroffenen suchen sollten. Dabei gehe es auch um die generelle Frage, wie ähnliche Fälle in Zukunft gehandhabt werden können.

Das zu erraten ist nicht schwer. Gerechtigkeit, Recht und Gesetz sind schon lange außer Kraft. Es gibt nur noch Willkür-Urteile, die die Wehrlosen über Gebühr bestrafen und die Barbaren gewähren lassen. Die zerfallende Gesellschaft kennt in ihrer Hilflosigkeit maximal noch das Psycho-Betüteln der Opfer, um diese irgendwie mit ihrem Opferdasein zu versöhnen, damit sie sich still in ihr Schicksal ergeben.

Anzeige