Facebook-Skandal: Wie Steve Bannon 220 Millionen Amerikaner ausspähte

Der Guardian inszeniert Mittäter Christopher Wylie als "Whistleblower"

Die Mainstream-Medien berichten atemlos über den „Facebook-Hack“, nach dem Daten von Usern benutzt sein sollen, um die U.S. Wahl zu gewinnen. Das alles ist uns schon seit 2016 bekannt. jouwatch sagt Ihnen was wirklich passiert ist.

von Collin McMahon

Der linke britische „Guardian“ veröffentlichte vor drei Tagen ein Interview mit „Whistleblower“ Christopher Wylie, der aber im Wesentlichen nur verriet, was schon 2016 das schweizer „Magazin“ in einem lesenswerten Artikel „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“ berichtet hatte. Der „Guardian“ spricht von „Hacks“ und möglichen „Russenverbindungen“ um etwas zu skandalisieren, was eigentlich selbstverständlich ist: Facebook-Nutzer dürfen die soziale Plattform kostenlos nutzen, und zahlen dafür mit ihren Daten, die der Internet-Riese auch anderen Firmen zur Verfügung stellt. Wer das nicht möchte, sollte Facebook meiden.

Die Firma Cambridge Analytica, die von Trump-Wahlkampfhelfer Steve Bannon geleitet und von Milliardär Robert Mercer finanziert wurde, hatte über einen „Online-Persönlichkeitstest“ Daten über US-Wähler gesammelt. Cambridge Analytica hatte diese Daten von einem Forscher namens Aleksandr Kogan gekauft, was wohl vertragswidrig war. Das ist die ganze Enthüllung von Christopher Wylie, der jetzt damit durch alle Medien tingelt.

Aleksandr Kogan hatte eine Firma namens Strategic Communications Laboratories (SCL) gegründet, um Wahlverhalten zu erforschen. Dafür rekrutierte er den Warschauer Psychometrie-Guru Micah Kosinski. Die Mitarbeiter brachte Kosinski von der Cambridge University mit, daher der Name der neuen Firma Cambridge Analytica. Hannes Grassegger und Mikael Krogerus schrieben im Dezember 2016 im schweizer „Magazin“:

„Psychometrie, manchmal auch Psychografie genannt, ist der wissenschaftliche Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen zu vermessen. In der modernen Psychologie ist dafür die sogenannte OCEAN-Methode zum Standard geworden. Zwei Psychologen war in den 1980ern der Nachweis gelungen, dass jeder Charakterzug eines Menschen sich anhand von fünf Persönlichkeitsdimensionen messen lässt, den Big Five: Offenheit (Wie aufgeschlossen sind Sie gegenüber Neuem?), Gewissenhaftigkeit (Wie perfektionistisch sind Sie?), Extraversion (Wie gesellig sind Sie?), Verträglichkeit (Wie rücksichtsvoll und kooperativ sind Sie?) und Neurotizismus (Sind Sie leicht verletzlich?). Anhand dieser Dimensionen kann man relativ genau sagen, mit was für einem Menschen wir es zu tun haben, also welche Bedürfnisse und Ängste er hat, und aber auch, wie er sich tendenziell verhalten wird. Das Problem aber war lange Zeit die Datenbeschaffung, denn zur Bestimmung musste man einen komplizierten, sehr persönlichen Fragebogen ausfüllen. Dann kam das Internet. Und Facebook. Und Kosinski.

Das Verfahren, das Kosinski mit seinen Kollegen über die nächsten Jahre entwickelt, ist eigentlich recht einfach. Zuerst legt man Testpersonen einen Fragebogen vor. Das ist das Onlinequiz. Aus ihren Antworten kalkulieren die Psychologen die persönlichen Werte der Befragten. Damit gleicht Kosinskis Team dann alle möglichen anderen Onlinedaten der Testpersonen ab: was sie auf Facebook gelikt, geshared oder gepostet haben, welches Geschlecht, Alter, welchen Wohnort sie angegeben haben. So bekommen die Forscher Zusammenhänge. Aus einfachen Onlineaktionen lassen sich verblüffend zuverlässige Schlüsse ziehen. Zum Beispiel sind Männer, die die Kosmetikmarke MAC liken, mit hoher Wahrscheinlichkeit schwul. Einer der besten Indikatoren für Heterosexualität ist das Liken von Wu-Tang Clan, einer New Yorker Hip-Hop-Gruppe. Lady-Gaga-Follower wiederum sind mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit extrovertiert. Wer Philosophie likt, ist eher introvertiert.“

Michal Kosinski bekam 2014 Skrupel, als er verstand, dass Kogan sein Modell benutzen wollte, um Wahlkampf zu führen. Kosinski verließ die Firma und lehrt jetzt an der Stanford University. Kogan hatte zu diesem Zeitpunkt Steve Bannon kennengelernt, der den Milliardär Rober Mercer mit 15 Milionen $ an Bord holte und Donald Trump das Modell präsentierte. In einem ersten Testlauf stellten sie ihre Dienste Nigel Farage und der Leave.EU-Kampagne zur Verfügung, die am 23. Juni 2016 einen ersten Überraschungssieg aus dem Hut zauberten: den Brexit. „Bald werden Sie mich Mr. Brexit nennen“, twitterte Trump am 18.8.2016, wobei keiner damals so richtig verstand was er damit meinte.

Cambridge Analytica benutzte nach dem sensationellen Erfolg in UK ab Juni 2016 im US-Wahlkampf das Kasinski-Modell, um Psychogramme aller 220 Millionen erwachsenen Amerikaner zu erstellen und deren Wahlverhalten zu beeinflussen. Hillary Clinton und Bernie Sanders machten mit demokratischen Datenkraken-Firmen wie NGP VAN etwas Ähnliches, aber nach einem viel gröberen Raster: Anstatt alle Frauen oder alle schwarzen Wähler in einen Topf zu werfen, konnte Cambridge Analytica tatsächlich Persönlichkeiten unterscheiden.

„Wir können Dörfer oder Häuserblocks gezielt erreichen. Sogar Einzelpersonen“, sagte Cambridge Analytica-CEO Alexander Nix zu „Das Magazin“. Einwohner von Miamis Little Haiti erhielten Nachrichten über das Versagen der Clinton-Stiftung nach dem Erdbeben in Haiti. Ziel waren Clinton-Wähler – zweifelnde Linke, Afroamerikaner, junge Frauen. In Facebook-Anzeigen bekamen zum Beispiel Afroamerikaner Videos, in denen Hillary Clinton schwarze Männer als Raubtiere bezeichnete. Insgesamt habe Cambridge Analytica für die Kampagne 15 Millionen Dollar erhalten.

Ab Juli 2016 bekam jeder Trump-Wahlhelfer eine App auf sein Handy, die ihm anzeigt, bei wem er oder sie an der Tür klingelt: Was für eine Persönlichkeit und was für eine politische Einstellung derjenige hat, der gleich die Tür öffnen wird. Die App wurde wiederum von den Wahlhelfern mit neuen Infos gespeist. So machen sich die Trump-Fußsoldaten daran, vor allem zwei Bundesstaaten zu erobern, die mit ihrer großen weißen Arbeiterklasse früher fest in demokratischer Hand waren: Michigan und Wisconsin. Es stellt sich raus: Das beste Indiz dafür, ob jemand für Trumps Botschaft empfänglich sein wird, ist ein Chevy oder Ford vor der Haustür. Da hätte man wahrscheinlich auch ohne 15-Millionen-Dollar-App draufkommen können.

 

Der Guardian interviewt Christopher Wylie:

 

 

Collin McMahon ist Autor und Übersetzer. Er schreibt ein Buch über Donald Trump und die konservative Revolution, das im Mai im Antaios Verlag erscheint. Dies ist ein Auszug daraus.

 

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