Die Tellkamp-Affäre wird zu einer Presse-Affäre

Foto: Imago
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Der Suhrkamp-Verlag hat sich von seinem Autor Uwe Tellkamp distanziert. Man kann das als Verrat auffassen, muß es nicht. Aber was bedeutet dabei die Berufung auf eine „Verlagsmeinung“? Das erinnert mich an Erlebnisse in der DDR: Als junger Wissenschaftler hielt ich an der Humboldt Universität in Ostberlin Ökonomie-Seminare und gegen mich wurde dann bald von Marxisten-Leninisten der Vorwurf erhoben, ich vertrete nicht die „Lehrmeinung“. Der damalige Studiendirektor, Dr. Dieter Dohnke, rette mich da: Er wisse nicht, was eine „Lehrmeinung“ sei. Später bekam ich dann wegen „Revisionismus“ in der DDR Lehr-, Publikations- und Berufsverbot. Ich war nicht der einzige und ganz sicher einer der unwichtigsten Betroffenen. Folgt der Verurteilung, ein Autor vertrete nicht die „Verlagsmeinung“, bei uns jetzt auch irgendwann ein Publikationsverbot? Was bezweckt der SPIEGEL damit, mehrfach gegen Herrn Tellkamp nachzutreten? Auch andere Zeitungen treten zu.

Karikatur Bernd Zeller

Von Lothar W. Pawliczak

SPIEGELonline hat eine regelrechte Kampagne gegen Uwe Tellkamp gestartet (Beiträge vom 9., 13., 15. und 16. März). Wo soll das hinführen? Wer ist als nächstes dran, der fertiggemacht wird, weil unangenehme Wahrheiten gesagt werden? Oder meint man, es in vorauseilender Unterwürfigkeit der Frau Bundeskanzlerin ersparen zu sollen, wieder „nicht hilfreich“ verlauten zu lassen? Eine beabsichtigte Wirkung ist schon eingetreten: Uwe Tellkamp hat seine im März geplante Lesereise in Norddeutschland nach Angaben des Eichthal-Verlags abgesagt. „Der Autor Uwe Tellkamp fühlt sich nach den Vorkommnissen bei der Diskussion in Dresden momentan nicht in der Lage, Lesungen vor Publikum durchzuführen“, teilte der Verleger Jens-Uwe Jess am 15. März mit.

Die taz diagnostizierte bei Herrn Tellkamp „verhaltensauffällig“, nannte auch gleich als Therapie „Ende der Schonfrist“ und schloß ihren Artikel mit einer Todesanspielung gegen ihn: „… wenn er noch lebte.“ Gewalttätige Angriffe auf „unliebsame“ Autoren [und „unliebsame Politiker“, wäre wohl noch hinzuzufügen], angezündete Autos oder beschmierte Veranstaltungsorte seien keine Kollateralschäden der Meinungsfreiheit, stellte Stefan Locke in der FAZ fest, und fügte hinzu: „Es sind Straftaten, die vom Rechtsstaat konsequent verfolgt werden.“ (http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kommentar-zur-tellkamp-debatte-in-einem-freien-land-15498089.html#void) Werden sie das? Fakt ist: Der Suhrkamp-Verlag meint, es gehöre nicht zur den Verpflichtungen gegenüber seinen Autoren, deren Meinungsfreiheit auch dann zu verteidigen, wenn die Verlagsleitung diese Meinung nicht teilt. „Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, daß Sie sie äußern dürfen“ (Voltaire), soll nicht mehr gelten.

In einem SPIEGELonline-Artikel vom 16. März brachte Stefan Berg gegen Herrn Tellkamp vor, der verfalle zeitweilig „in einen Droh-Ton, wie man ihn von Vernehmern oder Unteroffizieren kennt.“ Er entblödet sich nicht, ihm den NVA-Unteroffizier und Panzerkommandanten vorzuhalten. Diesen Tenor hatte SPIEGLonline schon am 9. März vorgegeben, indem Herr Tellkamp einem rechten Schläger zugesellt wurde. „Gegen solche Stiefelträger ist Tellkamp machtlos“, kommentierte Thoms Assheuer (ZEITonline 14. März 2018, 16:59 Uhr Editiert am 15. März 2018, 18:09 Uhr) dessen Roman „Eisvogel“ nun zerreißend, der doch einst von Rezensenten mehrheitlich gelobt worden war. SPIEGELonline-Autoren ist offensichtlich völlig klar, Herr Tellkamp kann mit seinen Äußerungen nur ein NAZI sein – oder ein kommunistischer Unterdrücker-Typ – am besten beides! Die Süddeutsche Zeitung erklärte immerhin am 9. März Herrn Tellkamp zum dämonisierten Gartenzwerg, was man ihr vielleicht zugutehalten könnte. Am 13. März diagnostizierte sie bei dem aber anfangende „Wahnsysteme“ und „Bürgerkriegsfantasien“.

Ich meine, der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer in Gestalt von solchen-Artikeln hervor. Am 9. März erschien die Mitteilung über die Distanzierung des Suhrkamp-Verlages von Uwe Tellkamp in SPIEGELonline unter „kultur/literatur“, der Kommentar von Georg Dietz dazu vom 13. März erschien unter der Rubrik „kultur/gesellschaft“ und war als Meinung gekennzeichnet. Mit einem Faktenscheck (ebenfalls unter der Rubrik „kultur/gesellschaft“) gibt sich SPIEGELonline am 15. März objektiv: „Hat Uwe Tellkamp recht – oder nicht?“ Einen Tag später wird an selber Stelle nachgelegt: „Wie kann ein Mensch so unerbittlich sein?“

Ich habe einen Gegenscheck gemacht:

  1. Nicht alle Immigranten wandern direkt in die Sozialsysteme ein und auch nicht alle kommen als (potenzielle) Arbeitnehmer. Es verbleibt aber ein erheblicher Rest, der von der zuständigen Behörde aufgefordert wird, Deutschland wieder zu verlassen. Von denen kann man wohl sagen, sie wandern in das Sozialsystem ein, insbesondere dann, wenn sie dennoch im Land bleiben. Inhaltlich könnte also Herrn Tellkamps Aussage richtig sein. Ob sie richtig quantifiziert ist, wäre genauer zu untersuchen. Die bei SPIEGELonline angeführten „wichtigsten Fluchtursachen“ ergeben 150 %. Wieviel Prozent betragen die „nicht-wichtigsten Fluchtursachen“, darunter Einwanderung in das Sozialsystem?

 

Fazit: Die Argumentation des SPIEGEL geht am Kern der Sache vorbei und ist daher irrelevant.

 

  1. Der SPIEGEL schreibt ausdrücklich, daß die illegale Einreise von Flüchtlingen der Normalfall sei („Einem Asylantrag in Deutschland geht fast immer eine illegale Einreise voraus, denn das ist ja ein zentrales Merkmal von ‚Flucht‘.“). Woraus wird geschlossen, daß sich alle illegal Eingereiste registrieren lassen? In der Vergangenheit war das nach offiziellen Angaben (Es war von rund 500.000 „Verschwundenen“ die Rede.) nicht der Fall. Wir wissen nicht genau, welche und wieviele Leute in unser Land kommen und warum.

 

Fazit: Die Angst, die Herr Tellkamp nur ausspricht und die viele Bürger haben, ist vollauf begründet.

 

  1. Es wird immer noch im Land mit zweierlei Maß gemessen. Leuten wie Herrn Tellkamp, die bestimmte Probleme im Land ansprechen, wirft man vor, die Angst zu schüren und die Gesellschaft zu spalten. Herr Özdemir, Herr Gabriel, Herr Steinmeier, Herr Kahrs haben mit Mischpoke, Pack, Dunkeldeutschland, rechtsradikale Arschlöcher (Entschuldigung, das ist nicht mein Sprachgebrauch, letzteres eine Zitat des SPD-Haushaltssprechers.) zur Ausgrenzung dieser Bürger aufgerufen und der Suhrkap-Verlag, SPIEGELonline und weitere Zeitungen betreiben genau das mit ihrer Kampagne gegen Herrn Tellkamp und erklären ihn zum Feind (So Georg Dietz in SPIEGELonline vom 13. März: „…wie eine freie Gesellschaft mit ihren Feinden umgeht“.).

 

Fazit: Man will Leute wie Herrn Tellkamp entsorgen, sagt es aber nicht.

Gesamtfazit: In gewissen Redaktionen sitzen also Journalisten, die sich offenbar durch Angst, ihren Job zu verlieren, den klaren Blick auf die Wirklichkeit ein gutes Stück verbauen lassen.

Nachtrag: Einen sachlichen Bericht zur Affaire kann man z.B. in der Neuen Züricher Zeitung lesen: „Neue deutsche Härte: Uwe Tellkamps Wutausbruch war kein Ausrutscher“ von Marc Felix Serrao (Dresden 17.3.2018, 05:30 Uhr https://www.nzz.ch/feuilleton/neue-deutsche-haerte-ld.1366737). Und nein, die NZZ ist nicht politisch tendenziell, sie läßt z.B. auch Merkel-Schönredner wie Herrn Prof. Münkler ausführlich zu Wort kommen. Will auch der SPIEGEL dazu beitragen, daß deutschsprachige Medien der Schweiz und Österreichs für die Bundesrepublik zu dem werden, was in der DDR das Westfernsehen war? Inzwischen hat die Frauenbewegung „Kandel ist überall“ die ausländische Presse um Hilfe gebeten: „WIR FRAUEN brauchen SIE, die internationale Presse, die uns hilft im Kampf für Schutz, Sicherheit und Freiheit! Unsere deutschen Staatsmedien und Pressehäuserverweigern uns unsere Freiheitsrechte und wollen uns die Freiheit, wie die freie Rede und das Versammlungsrecht mit böser Hetze aberkennen.“ Das gab es schonmal in der DDR, daß Autoren sich an die ausländische Presse wenden mußten, um an die Öffentlichkeit zu dringen.

Soweit sind wir in der Bundesrepublik – nicht zuletzt dank des Internet – noch nicht: Der jüngst gedruckte SPIEGEL Heft 12/2017) rudert mit einem Artikel „Der Riss“, den immerhin sieben Autoren gezeichnet haben (S. 115), zurück: „Der Konflikt zwischen Tellkamp und Grünbein war nur das Donnergrollen in der Vorwoche der [Leipziger Buch]Messe. Es folgte der Aufgalopp, in dem die Lager sich in Stellung brachten.“ (S. 113) Allerdings: Es ist nicht so, „als ginge ein Riss durch dieses Land“ (Ebd.), sondern ES GEHT EIN RISS DURCH DIESES LAND und für diesen Riß sind nicht die verantwortlich zu machen, die ihn benennen, wie etwa Herr Tellkamp! Haben Sie, liebe sieben SPIEGEL-Redakteure, nicht vor Fertigstellung Ihres Berichts den Kommentar von Markus Feldkirchen für das gleiche Heft gelesen? Der stellte fast beiläufig fest, das Hartz-IV-System ist, „neben der Flüchtlingspolitik, die zweite große Ursache für die Entfremdung des Volkes von ihrer Regierung.“ (S. 8) Und Seite 37 liest man: „Die Bruchlinie der europäischen Gesellschaften verläuft heute durch die Mittelschicht.“ Dem Bericht über die Tellkamp-Affaire folgt im SPIEGEL ein Interview mit Rüdiger Safranski. „Die Distanzierung durch den Suhrkamp Verlag ist ein Fall von betreutem Denken, jämmerlich […], als müsste man einem leicht Wahnsinnigen ruhigstellen, unerträglich, diese Betreuungsattitüde, übrigens besonders den Ossis gegenüber: Man muss die Leute abholen, heißt es. Nein! Man muss die Politik ändern, das ist der Punkt.“ (S. 118) Hat da etwa die „Wut der klugen Köpfe“ beim SPIEGEL etwas bewirkt? Was den SPIEGEL angeht, laß ich noch nicht alle Hoffnung fahren.

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