Dem Heinerhofbauern sein Knecht: Ein Karpfen namens Adolf

Dem Heinerhofbauern sein Knecht (Foto: Pixabay)

Anruf vom Heinerhofbauern seinem Knecht erhalten. Zwei Weiberleut seien auf ihrer Bergwanderung beim Heinerhof vorbeigekommen und wollten ein Glas Wasser haben. Wenn ich sehen wolle, wie zwei lesbische Feministinnen einen Mordsdurst haben, solle ich vorbeikommen. Ich schwang mich auf meine Moto-Cross Maschine und nahm den direkten Weg durch die Vorgärten der Nachbarn. Die Reportage vom Land.

von Max Erdinger

Drei Minuten und 48 Sekunden. Neuer Rekord. Als ich auf der letzten Kuppe vor dem Heinerhof zum finalen Sprung über den Misthaufen ansetzte, konnte ich sie bereits sehen. Die beiden Durstweiber knieten vor dem Heinerhofbauern seinem Knecht, der auf der Bank neben der Haustür saß. Ihrer Körperhaltung nach zu schließen, flehten sie ihn an. Der Knecht selbst schien derweil eine Rede über ihre Köpfe hinweg zu halten. Ein interessantes Bild.

Ich stellte die knisternde Maschine auf dem Seitenständer ab. Während ich mich der Szene näherte, wurde deutlich, wovon dem Heinerhofbauern sein Knecht redete. Daß er ein Heilkundiger sei, sagte er, und daß er Feministinnen und Naziphobe von ihren Leiden erlösen könne. Mir kam der Verdacht, der Knecht könnte das Glas Wasser davon abhängig gemacht haben, daß ihm die beiden Wandersfrauen vorher andächtig bei seiner Rede zuhören. So war es dann auch, wie sich später herausstellte.

Dem Heinerhofbauern sein Knecht räsonierte über etwas, das er im Fernsehen gesehen hatte. Ein belgischer Fernsehkoch, der allwöchentlich vor Publikum die Lieblingsspeisen bedeutender Personen der Zeitgeschichte nachkochte, erzählte der Knecht, hätte angekündigt, in der nächsten Woche Forelle mit Mandeln in Buttersauce zu kochen. Bis dahin sei alles ganz normal gewesen. Als der Fernsehkoch aber anfügte, Forelle mit Mandeln in Buttersauce sei Hitlers Leibspeise gewesen, sei das absolute Chaos ausgebrochen und letztlich habe der gute Mann in der Woche darauf etwas anderes nachgekocht. Vom Sender war ihm verboten worden, Forelle mit Mandeln in Buttersauce zu kochen, weil niemand sehen wollte, wie man zubereitet, was dem Hitler schmecken würde, wenn er nicht schon so lange tot wäre.

„Diese Leute sind geisteskrank“, echauffierte sich dem Heinerhofbauern sein Knecht. Seit er aber im Kreisboten gelesen habe, daß es heutzutage einen Haufen Leute mit völlig irrationalen Ängsten der unterschiedlichsten Art gibt, sogenannte Phobiker, führte der Knecht weiter aus, habe er sich entschlossen, den gepeinigten Seelen zu helfen. Es habe auch nicht lange gedauert, bis ihm eine Idee gekommen ist.

Heilkundiger für Naziphobie könnte er werden. Das sei es, was ihm eingefallen ist, so der Knecht. Man braucht keine besondere Ausbildung dafür, sagt er. Ein paar Frauenzeitschriften müsse man halt lesen, wo der ganze Psychokram von den Ängsten und den Süchten, ihrer Überwindung, den Kochrezepten und den Abführmitteln drinsteht. Das reicht schon. In der Zeitschrift „Adel & Schnack“, welche die Bäuerin auf dem Häusl herumliegen hat, habe er einmal so einen Psychoartikel gelesen. Man muß die Gestörten mit ihren Ängsten konfrontieren, habe es da geheißen, sagt er, damit sie merken, wie ihnen gar nichts passiert. Die beiden Wandersfrauen verdrehten die Augen.

Er fasse die Möglichkeit ins Auge, so der Knecht weiter, langfristig den Heinerhof in ein Therapiezentrum für Naziphobe umzubauen. Die Mistgrube auf dem Hof könnte er für den Anfang ganz leicht in ein Angstkonfrontationsbecken verwandeln. Dann fiel sein Blick kurz auf die beiden durstigen Lesbenseelen – und er fügte ein „lassen“ an.

Der ganze Mist müsse raus, sagte er, die Mistgrube sei betoniert. Einmal richtig durchkärchern, mit Wasser füllen, einem fetten Karpfen mit wasserfester Farbe eine rote Bauchbinde mit Hakenkreuz auf die Schuppen pinseln, ihn Adolf nennen und ins Angstkonfrontationstherapiebecken einsetzen. Die Naziphoben müssten dann mit hochgekrempelten Hosenbeinen im Becken herumwaten und dem Adolf beim Schwimmen zuschauen, während er selbst mit einem Megaphon in der Hand am Rand der alten Mistgrube hin- und herspaziert und Wörter wie „Vorsehung“, Kümmelhändler“ und „Autobahn“ ruft. Kurze Zeit später würden sie dann merken, daß ihnen der Karpfen nichts tut und sie bekommen Appetit auf Forelle mit Mandeln in Buttersauce.

So sei sein Plan, sagte der Knecht. Zaghaft erhoben die durstigen Seelen ihre krächzenden Stimmen: „Dürfen wir jetzt endlich das Glas Wasser haben, Herr Heinerhofbauern sein Knecht?“ Der Knecht aber tat so, als habe er nichts gehört und fuhr mit seinen Ausführungen fort.

Das Schlimmste und Überflüssigste an der ganzen Naziphobie, sagte dem Heinerhofbauern sein Knecht, sei, daß sie sich an einem Wahnbild festmacht. Die Naziphoben träumen immer von irgendwelchen toten Nazis, die aus ihren Gräbern auferstehen und die Vergangenheit in die Gegenwart zurückbringen. Das mache es ihnen unmöglich, zu erkennen, wo die wirklichen Nazis der Gegenwart herkommen und wo sie sitzen. Weswegen er jetzt auch zum schmerzhaften Teil seines Therapieplans komme.

Wenn die Naziphoben nach ein paar Tagen völlig arglos in Karpfen Adolfs Therapiebecken hineinsteigen, sagt er, und sich entspannt über Belanglosigkeiten unterhalten, ist es Zeit für die eigentliche Lektion. Er tauscht nämlich in aller Herrgotts Früh den Karpfen Adolf gegen die Piranhas Heiko und Angela aus. Ratzfatz fressen die beiden den Naziphoben die Unterschenkel weg bis auf die Schien- und Wadenbeine. Dann müssten sie in eine richtige Klinik, weil sie echte Schmerzen haben. Zwar müssten sie dann auch im Rollstuhl sitzen, wären aber von ihrer Naziphobie geheilt und könnten wieder klar sehen. Das sei die Sache wert, sagte dem Heinerhofbauern sein Knecht, weil: Die Naziphoben vernebeln allen anderen dauernd die Sicht und das sei letztlich katastrophal.

Die beiden lesbischen Feministinnen waren kurz vor dem Verdursten und stammelten wie im Delirium „Wasser …“. Dem Heinerhofbauern sein Knecht schaute sie mitleidslos an und blaffte unvermittelt los: „Mutterkreuz!“. Da fielen sie mit einem letzten Seufzer in Ohnmacht. Der Knecht stand auf, schlurfte gemächlich hinüber zum Wasserhahn und füllte den großen Eimer. Den schüttete er dann über ihren Köpfen aus. Als sie sich aufrappelten, reichte er ihnen endlich das Glas Wasser.

Ich verabschiedete mich mit einem kurzen Gruß, ging nachdenklich zur Moto-Cross Maschine hinüber und machte mich gemächlich auf den Rückweg. Diesmal nahm ich die Straße. Dem Heinerhofbauern sein Knecht hatte schon recht: Wenn es Islamophobe, Homophobe und Xenophobe gibt, dann gibt es auch Naziphobe. Und wenn es Strategien zur Heilung der Einen gibt, kann man die Anderen nicht einfach unbehandelt lassen, weil es nicht anständig wäre hinsichtlich der sozial gerechten Teilhabe an der Heilkunde.

Dem Heinerhofbauern sein Knecht erkennt halt immer die Zeichen der Zeit und denkt mit.

 

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