Michael Klonovsky: Abschottenrock

Foto: Durch Zhao jian kang/Shutterstock
Foto: Durch Zhao jian kang/Shutterstock

Wir sind „weltoffen“ und dürfen uns nicht „abschotten“, lautet bekanntlich das Mantra der Willkommenskulturschaffenden und ihrer Führungsoffiziere. Aber welches Land „auf der Erde Rücken“ (Wanderer, „Siegfried“, 1. Akt) ist nicht „weltoffen“ und „schottet sich ab“? Nordkorea, gewiss – doch weitere Beispiele sind nicht so einfach zur Hand. Gut, die Australier schicken sämtliche Boote mit Migranten zurück, weshalb wohl auch keine mehr aufkreuzen, doch sonst herrscht Down Under ein reges Kommen und Gehen. Die Saudis lassen weder Israelis noch Touristen bei sich einreisen, dafür aber Frauen sogar ohne Begleitung, sofern sie am Flughafen von ihrem Ehemann oder einem männlichen Gastgeber abgeholt werden. Ähnliche Restriktionen dürfte es auch in einigen anderen Ländern geben, wo noch rechtgeleitet geglaubt wird, doch dass diese Länder sich regelrecht abschotten, wird gleichwohl niemand behaupten. Nicht einmal die Schotten schotten sich ab. Bei Lichte besehen hat niemand vor, sich abzuschotten, doch sogar der weltoffenste Grüne schließt seine Tür ab.

Von Michael Klonovsky

In der Semantik des gesinnungsethischen Lagers wird dem Imperativ, wir dürften uns nicht „abschotten“, gern die Feststellung beigesellt, dass „Zäune keine Menschen aufhalten“. Das erscheint zwar nicht besonders logisch – warum sollten wir ermahnt werden, uns nicht abzuschotten, wenn es sowieso unmöglich ist? –, aber Logik ist ja Glaubenssache. Allerdings führt uns dieser Widerspruch mitten hinein in eine Argumentation, wie sie die Kanzlerin im Januar in Davos in die funkelnden Worte fasste: „Seit der chinesischen Mauer, seit dem römischen Reich wissen wir: Reine Abschottung hilft nicht, um Grenzen zu schützen.“ Und Abschottung durch Unreine wahrscheinlich auch nicht! In der Gegenwart findet man zwar keine abschreckenden Beispiele von exzessiver Weltverschlossenheit mehr, speziell nicht im besten Deutschland, das es je gab, aber der schottende Schoß ist gewissermaßen fruchtbar noch, weshalb unsere Fremdenführerin auch rhetorisch mit dem Grenzzaunpfahl der beiden historisch krassesten Exempel reiner Abschottung winkte. Andere Geschichtsexperten aus ihrer Entourage griffen die Beispiele auf und brachten sie unter diejenigen, die schon länger hier leben. Seither weiß jeder: China, Rom, Abschottung – so geht’s einfach nicht.

Die Errichtung des Limes begann mit den ersten Kastellen unter Kaiser Claudius, unter Domitian (81-96) wurde ein Wachsystem mit Türmen und Patroullien etabliert, Trajan (98-117) und Hadrian (117-138) ließen schließlich jenen Grenzwall errichten, der heute als Limes verrufen ist. Setzen wir als Grundsteindatum für den Beginn der reinen Abschottung der Einfachheit halber das Jahr 100 an. Geholfen hat es den alten römischen Männern nicht. Die Goten plünderten Rom anno 410, die Vandalen 455, und im Jahr 476 setzte der Germane Odoaker den letzten weströmischen Kaiser ab. Das heißt, der Limes konnte das Imperium gerade mal reichlich 300 Jahre lang abschotten, zumindest nach Norden, zur See hin nutzte er praktisch überhaupt nichts. Immerhin: 300 Jahre darbten Bürger und Senat in teilweiser Weltverschlossenheit. Die Germanen mussten die Willkommenskultur förmlich erzwingen. Erst als Rom aufhörte, sich abzuschotten bzw. zu verteidigen, wurde es divers, fahrende Völkerschaften veranstalteten multikulturelle Events, und wenig später begann jene Epoche, die fortschrittliche Historiker „das bunte Mittelalter“ nennen.

Noch früher als die Römer, angeblich schon 700 Jahre vor dem islamischen Propheten Isa ibn Maryam, begannen die Chinesen mit der Abschottung, ebenfalls nach Norden und mit einem ähnlichen kulturellen Dünkel wie die Römer. Ihre Grenze stand nicht nur viel länger als die römische, mehr als siebenmal so lang, sie war auch viel ausgedehnter und stärker befestigt. Anstatt in eine Zukunft der Offenheit zu investieren, zahlten die Chinesen einen hohen Preis für ihre Ausgrenzungspolitik und wurden zu einem der rückständigsten Länder der Erde. Nur im 13. Jahrhundert kam es zu einer Öffnung, und die Kultur der Mongolen erlebte eine kurze Blüte im sogenannten Reich der Mitte. Danach kehrte das Ungarn Asiens zur Abschottungspolitik zurück. Unter den Ming-Kaisern wurde die Mauer zu ihrer heutigen Gestalt ausgebaut. Aber obwohl in „Inzest degeneriert“ (W. Schäuble), überlebte dieses Volk gerade noch so dank der Einführung des Kommunismus. Wer heute durch Peking oder Shanghai fährt, kann sich überzeugen: Bunt ist dort nichts. Überall bloß Schlitzaugen. Sogar die Slums sind voll davon. Aber kein Schwarzer, keine Nafris, nur wenige Muslime, kaum Frauen mit bunten Tüchern auf dem Kopf oder vorm Gesicht, „Gruppen“ ohne Ende, doch keine ist bunt.

Merkt euch Kinder: Abschottung hilft nicht, die Grenzen zu schützen. Beziehungsweise nicht länger als ein paar hundert Jahre. Grenzen schützt man am besten, indem man auf beiden Seiten ähnlich unattraktive Verhältnisse herstellt. Danach kann man sich teure Sicherungsmaßnahmen sparen, und es kommt auch kaum mehr direkt an den Grenzen zu hässlichen Bildern.

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