SPIEGEL: Trotz Spesen, kaum gelesen

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Und wenn der "Spiegel" kommt, dann laufen wir! (Foto: Collage)

Karikatur: Bernd Zeller

 Ist es richtig, als kritisch-besorgter Bürger die Maistream-Medien nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen? Das liest man oft und man hört es noch öfter: „Heute lese ich solche Zeitungen nicht mehr.“ „Die alten Journalisten sind auch nur eine feige Bande!“ „Ich brauche weder den STERN noch den SPIEGEL auch nicht den FOCUS. Die Tagesschau läuft bei mir oft ohne Ton.“ Schließt nicht die Meinungsfreiheit aus, die andere Meinung – auch wenn man sich durch ihre Präsentation beleidigt und für Dumm verkauft fühlt – einfach zu ignorieren? Wenn man mit seiner Kritik etwas bewirken will, muß man das Kritisierte kennen. Allerdings: Irgendwann ist ein gerüttelt und geklopft Maß erreicht und das vielleicht noch vorhandene Mitleid(en) aufgebraucht.

Von Lothar W. Pawliczak

Heutzutage liest man ja zuerst in Internet, zumal, wenn man im Ausland ist, die Ankündigung eines Artikels oder gar schon über einen Artikel, bevor er im Print erscheint und man den selbst gelesen hat. Jaja, auch (!) das Internet ist nicht immer zuverlässig und manchmal irreführend. So ließ ich mich, „SPIEGEL in Angst: ‚Die Wut der klugen Köpfe‘ ist unaufhaltsam“ (Jouwatsch 25. 02. 2018) kommentierend, dazu hinreißen, eine Rezension zum SPIEGEL 9/2018 anzukündigen, „wenn mir was Originelles dazu einfällt“. Hans S. Mundi teilte gegen den SPIEGEL kräftig aus. Seine Wortwahl ist meine Sache nicht, aber wenn so kräftig ausgekeilt wird, muß das Objekt der Keilerei doch ein lohnendes sein. Außerdem: Das schlechte(ste) Journal ist immerhin noch gut, als abschreckendes Beispiel zu dienen.

Endlich zu Hause wieder angekommen, den SPIEGEL aus dem Briefkasten befreit, zu dem sich inzwischen Heft 10/2018 hinzugesellt hatte, Heft 9 durchgeblättert: „Leidenschaft für die Pflicht [zu regieren]“ (S. 8), „Union“ (S. 16-23), SPD (S. 30-33): Gähn! „#MeToo“ (S. 46-57): Dazu hatte doch Ulrich Tukur im SPIEGEL-Interview (Heft 6) bereits alles gesagt, was dazu zu sagen ist. Heft 10 „Der Autofahrer ist kein Mensch“: Ojojoj! „Linke“: Naja; „Martin Schulz“: Wer war das nochmal? Längst vergessen! „Putin“: Puh! Sport auf 7+9 Seiten, „Besser Essen“ auf 5+5 Seiten: Muß wohl sein. Interessiert mich nicht. Ein, wie immer gut geschriebener, informativer Wissenschafts-Artikel (Heft 9, S. 102-103), ist für den Preis zweier Hefte etwas wenig

Klar, ich habe doch mehr gelesen: Peer Steinbrücks Unfugsinterview (Heft 10, S. 36-38) zum Beispiel. Nun hat also ein hoher SPDler auch gesagt, was viele sagen und wohl noch sehr viel mehr denken: „Die Debatte in der Partei entspricht nicht mehr der Debatte in der Gesellschaft.“ Und 14 Tafel-Helfer dürfen reden (Heft 10, S. 46-49). Es ist schon alles gesagt, nun auch im SPIEGEL.

Das Problem der Tafeln mit Einwanderern, die sich nicht benehmen können, scheint mir grundsätzlicher zu sein: Es muß wohl deutlich klargestellt werden, was zur europäischen Kultur gehört. Andere Kulturen sind da anders und die wissen das vielleicht nicht. In Europa haben sich über ca. 1.000 Jahre bestimmte Verhaltensweisen herausgebildet, über die man eigentlich garnicht mehr nachdenkt und die man selbstverständlich auch von Einwanderern erwartet. Da ist auch Frau Beyer zu widersprechen: Doch, es gibt eine „kulturelle Sicherheit“ (Heft 10, S. 123)! Nämlich: Man ist in Europa „höflich“, nimmt aufeinander Rück-Sicht. Wenn viele Menschen zu einem gleichen Ziel wollen, reiht man sich ein, stellt sich an und drängelt nicht. Man gibt einander bei der Begrüßung die Hand und zeigt so, daß man keine Waffe hält. Man zeigt sein Gesicht, gibt sich „mit offenen Visier“ zu erkennen und demonstriert so, daß man nichts Unredliches „im Schilde“ führt. Der Mann geht vor der Dame durch die Tür und hinter ihr hinaus, um eventuelle unangenehme Vergegenwärtigungen abzufangen.

Der Mann steigt hinter der Dame die Treppe hoch und geht vor ihr hinab, um sie möglicherweise auffangen zu können. Und der Mann geht nicht drei Schritte vor seiner Dame und läßt sie das Gepäck schleppen. Wenn auch die Ursprünge dieser europäischen Kulturtechniken nicht mehr vorhanden sind, die daraus hervorgegangenen Verhaltensweisen machen Sinn und geben kulturelle Sicherheit, wie es umgekehrt z.B. Sinn macht, in heißen Klimagegenden kein Schweinefleisch zu essen, weil es schnell verdirbt und leicht parasitenverseucht ist. (Nur nebenbei in Richtung Zensur-Maas gesagt: Ja, zur Heimat gehören „Ideen und Überzeugungen, die uns verbinden“,  und zwar auch solche, die – das zeigt die Kulturgeschichte – nicht grenzenlos sind.). Kultur und Heimat gehören zusammen und sind nicht überall in der Welt, sondern konkret verortet. Ja, beide sind auch immer etwas schöngedacht und so Gegenstand von Sehnsucht und heimeligem Weh. Es wäre wohl sinnvoll, eine Kurzfassung von Norbert Elias „Über den Prozeß der Zivilisation“ in „leichtem“ Deutsch und in entsprechenden Übersetzungen an Einwanderer und Noch-nicht-Integrierte, die schon länger hier leben, zu verteilen. Das wäre doch was für ein SPIEGEL-Sonderheft.

Es gab mal eine Zeit, da konnte man ziemlich sicher sein: Die wichtigen Themen, über die man im SPIEGEL gelesen hatte, waren die, die die folgende Woche die Medien beschäftigten. Früher wußten SPIEGEL-Leser mehr. Heute läuft der SPIEGEL hinterher.

Nun also zum SPIEGEL-Beitrag „Medien: Die Wut der klugen Köpfe“ (Heft 9, S. 68-71), auf den sich Hans S. Mundis Philippika bezieht. Ehrlich: Ich hatte gedacht, da wäre mehr, gegen das es sich zu polemisieren lohnte. Hat denn der SPIEGEL die Entwicklung der letzten 20 Jahre verschlafen? Wir erleben einen Strukturwandel der Öffentlichkeit, der vom Internet ausgeht und die gesamte Medienlandschaft betrifft. Voraussetzungen wie Wirkungen politischen Handelns werden dadurch verändert. Ein bislang weitgehend schweigender Teil des Publikums tritt in die Öffentlichkeit. Meinungsfreiheit ist nicht mehr auf Pressefreiheit reduzierbar. Ein Artikel der Neuen Züricher Zeitung ist untertitelt: Demokratie ist die Staatsform, in der nahezu alles jederzeit verhandelbar ist. Das muss in der Öffentlichkeit geschehen, und sie muss ein Ort sein, an dem sich jeder frei äussern darf, ohne Nachteile in Kauf zu nehmen.“ (Thomas Ribi, 07. 03. 2018) Ist solch ein Artikel unter der Überschrift „Sprechverbote sind Denkverbote – und sie sind der Tod jeder demokratischen Öffentlichkeit“ noch im SPIEGEL denkbar? Oder haben wir schon die Situation, daß deutschsprachige Medien der Schweiz und Österreichs für die Bundesrepublik das sind, was für die DDR das Westfernsehen war?

Der Bürger hat immerwährend Dank des Internet schnell und ungefiltert Zugriff auf Informationen wie nie zuvor. Jeder kann sich sachkundig und unabhängig eine Meinung bilden. Okay, man kann auch repräsentativ einen Juniorprofessor bemühen: „Ich finde es widerlich, dass ich ständig belehrt werde, was ich zu denken habe.“ Damit ist vieles, aber nicht alles gesagt. Es gab eine große Medienkonferenz „Formate des Politischen. Medien und Politik im Wandel“, wo auch Vertreter des SPIEGEL anwesend waren. Den Bericht, der ihnen dazu angeboten wurde (dann in Jouwatsch 21. 11. 2017), wollte der SPIEGEL nicht drucken. Dabei hätte er gut gepaßt, zumal man sich grade im Streit mit ARD/ZDF befand. Aber das möchte man als Mainstream-Medium wohl nicht vor dem Publikum austragen. So tut man also ganz überrascht: Mit dem ehrenwerten Herrn Jungprofessor hätte „das Misstrauen gegenüber Medien ein neues Milieu und eine neue Qualität erreicht.“

Man tut so, als müsse man hier nicht selbstkritisch in eigener Sache schreiben: Wer bitte sind die üblichen Leser des SPIEGEL? Neuigkeit: Das eher linksorientierte Bildungsbürgertum, wie eben z.B. Jungprofessoren (Nebenbei: Wieso ist man in Deutschland eigentlich mit 37 Jahren immer noch JUNG-Professor?). Das ist doch ein altbekannter Hut, den man plötzlich als neu entdeckt verkaufen will. Und seit wann gehen die Leserzahlen zurück? Überraschung: Schon lange! Worin besteht dann aber „die neue Qualität“ des „Unbehagens am Journalismus“? Keine Ahnung, will der SPIEGEL glauben machen. Gleich läßt man sich vom Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen beruhigen: Es gäbe ein „Lügenpresse-light-Milieu“. Und: „Eine aktuelle Umfrage des Instituts für Publizistik der Universität Mainz macht zumindest Hoffnung: ‚Je mehr Leser über die Arbeitsweise des Journalismus wissen, desto größer ist ihr Vertrauen.‘“

Dann ist ja alles gut! Oder etwa doch nicht? Hätte der SPIEGEL da nicht in sich gehen müssen?: Gab es irgendwann eine Wende, weg von „Sagen, was ist“ hin zum Meinungsprothesenbasteln, das anpassen will (nicht etwa die Prothese dem Leser, sondern den Leser der Prothese)? Oder war das ein schleichender Prozeß, mit dem man sich dem Mainstream angepaßt hat? Könnte es sein, daß der deutsche Medien-Mainstream und das „Unbehagen am Journalismus“ einander bedingende, aber in verschiedene Richtung laufende Trends sind? Stimmt der Ausweis bei WIKIPEDIA, daß es seit 2017 die FAZ-Annoncen „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ nicht mehr gibt? Nun hat die FAZ auch angekündigt, daß der Blog des klugen Kopfes Don Alphonso eingestellt wird. Die FAZ teilte mit, man wolle „Platz schaffen“. Wie bitte? Platz schaffen im Internet? Oder ist jetzt auch bei der FAZ die vorauseilende Unterwürfigkeit vor dem Internet-Zensurgesetz ausgebrochen? Die ZellerZeitung interviewte S. 554 den örtlichen Typ, der „gespannt wie ein Flitzbogen“ ist und es kaum erwarten kann, wie die FAZ Podcasts integriert und Blogs thematisch neu ordnet. „So muss Journalismus. Nur Profis können Medien.“ Don Alphonso läßt ja selbst erkennen, daß er kein Medien-Profi ist – jedenfalls nicht einer, der Meinungsprothesen fertigt. Zugesellt den „Rebellen ohne Markt“ teilte er mit: „So eine Zeitung ist nun mal keine basisdemokratische Schwatzbude, sondern ein mitunter recht robuster Gutshof mit klaren Hierarchien.“

Karikatur: Bernd Zeller

Ein Beispiel gefällig, wie eine Meinungsprothese funktioniert? Bitte: „Aber von Anfang an mischen sich [bei der AfD] berechtigte politische Anliegen mit der Lust am Hohn und an der Verächtlichmachung all jener, die nicht die eigene Meinung teilen.“ Das ist richtig, aber das ist doch wohl bei fast allen Politikern so (Stichworte: Mischpoke, Pack, Dunkeldeutschland, auf die Fresse, Mann mit den Haaren im Gesicht). Dem zitierten Satz folgt unmittelbar als nächster Satz (Heft 10, S. 33): „Als sollte der politische Gegner [der AfD] nicht nur besiegt, sondern beseitigt werden.“ Da soll offensichtlich dem Leser suggeriert werden, die AfD habe politische Mordphantasien. Das ist eine böswillige Strohmann- oder Popanz-Argumentation – oder für gehobene SPIEGEL-Ansprüche: Verdachtshermeneutik.

Ich kann nicht umhin, angesichts der darin enthaltenen Perfidie, noch folgendes Beispiel hinzuzufügen: In einem Redaktionellen Bericht informierte SPIEGELonline am 09. 03., daß sich der Suhrkamp-Verlag wegen einer als rechts eingestuften Äußerung von seinem Autor Uwe Tellkamp distanziert hat. In diesem Bericht wird dann auch ein Vorfall auf der Frankfurter Buchmesse 2017 erwähnt, der mit dem zu Berichtenden überhaupt nichts zu tun hat, und das in einer denunziatorischen Weise: „Unter anderem [wurde] der Leiter des linksalternativen Verlags Trikont, Achim Bergmann, von einem rechten Messegast ins Gesicht geschlagen“. Im gleichen Satz (!) folgt die Mitteilung, daß „Tellkamp die sogenannte Charta 2017 unterzeichnet“ hat, die sich gegen den Ausschluß bestimmter rechter Verlage von der Buchmesse richtete. Auf diese Weise wird Herr Tellkamp den „vielen“ rechten Schlägern (Die Formulierung, der linksalternative Verlagsleiter sei „unter anderem“ geschlagen worden, suggeriert, daß es viele solcher Schläger gab.) zugeordnet. Indem man Personen, die unerwünschte Meinungen äußern, was ihnen aufgrund des im Grundgesetz garantierten Rechts der freien Meinungsäußerung nicht verwehrt werden kann, rechten Schlägern zuordnet, sollen sie offensichtlich moralisch diskreditiert werden, was zumindest bei manchem anderen Bürger, der ähnlich denkt, dazu führt, daß er sein Recht auf freie Meinungsäußerung nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt wahrnimmt. Ganz offensichtlich ist beabsichtigt, die Diskussion zu bestimmten Fragen zu unterdrücken.

Immerhin aber stellt der SPIEGEL fest: „Viele Leser jedoch haben offenbar Diskussionsbedarf, wo viele Journalisten keinen mehr sehen.“ So kann man die Unterdrückung von Diskussion und Meinungen auch umschreiben: Man sehe keinen Diskussionsbedarf. Allerdings läßt ich die Diskussion nicht unterdrücken. Sie findet statt und sie ist dem SPIEGEL bekannt, wird aber mit keinem Wort erwähnt: Leserzuschriften, Kommentare auf der Journal-Internetseite und bei Facebook. Hallo, liebe SPIEGEL-Redakteure, solange die Leser Ihnen noch kritisch schreiben, gibt es ein Fünkchen Hoffnung! Aber hinterläßt diese Diskussion auch Wirkung bei den Journalisten? Wieso beteiligen Sie sich nicht an dieser Diskussion? Haben Sie Ihre Berichte oder Kommentare nicht zu verteidigen? Sind Sie sich stets Ihrer Sache so sicher, wie Sie sie präsentieren? Könnten Sie nicht wenigstens zu Kommentaren Gegenkommentare bieten („Augstein und Blome“ läßt grüßen!)? Haben Sie nicht manchmal was aus den Leserzuschriften gelernt? Ist es unter Ihrer Würde, auch mal einzuräumen, daß Sie sich gelegentlich korrigieren müssen? Wieso werden die Leserzuschriften nicht dokumentiert, veröffentlicht und ausgewertet? Klar, im Print ist der Platz begrenzt und wenn man auch noch Beiträge von Nicht-Journalisten drucken würde, hat der Journalistenjob noch weniger Nahrung.

Aber im Internet ist doch genügend Platz. Oder sollen das auch nur Journalisten können? Es müßte doch ein Fest für unsere gutbezahlten Medienprofessoren sein, diesen Meinungs-Fundus wissenschaftlich und nachprüfbar (!), was eine ungekürzte Veröffentlichung voraussetzt, auszuwerten (Bei Meinungsumfragen dagegen sind die Ergebnisse kaum nachprüfbar.). Stattdessen versichert man dem erstaunten Leser, „es gibt vermutlich wenige Redaktionen, in denen Journalisten nicht immer wieder anmahnen, das eigene Blatt brauche eine klare Haltung, damit der Leser wisse, wo das Medium seines Vertrauens steht.“ Fein, daß Journalisten das anmahnen! Mahnen das auch Leser/Fernsehzuschauer an? Was ist, wenn der Leser bzw. Zuschauer meint, es könne zu dieser klaren Haltung eine ebenso berechtigte entgegengesetzte klare Haltung geben, und genau deswegen das Vertrauen zum Medium verliert, weil es das nicht wiederspiegelt? Dann kauft er wohl irgendwann die Zeitung oder Zeitschrift nicht mehr. Das Fernsehen schaltet er ab, muß es aber dennoch bezahlen.

Unseren SPIEGEL-Autoren fällt zu Letzterem nur ein: „Kritik gab es immer, auch weil sich die Zuschauer wegen der Gebühren als Miteigentümer von ARD und ZDF wähnen.“ Liebe SPIEGEL-Autoren, der Zuschauer wähnt sich nicht als Miteigentümer, er IST als Bürger und Gebührenzahler Miteigentümer der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten. Die hinreichend bekannte Selbstbeweihräucherung der ARD/ZDF, die hier als Äußerung von Herrn Claus Kleber erscheint, man berichte „kritisch, aber unparteiisch“, muß man nicht weiter kommentieren: Das ist einfach nur noch lächerlich, wenn es nicht so traurig wäre. Die Schweizerische Rundfunkgesellschaft zeigt, wie gefordert, „öffentlich sichtbar Demut“ (Heft 10, S. 78), obwohl die Volksabstimmung nicht die Gebührenfinanzierung abgeschafft hat. ARD/ZDF betätigt und bestätigt sich dagegen weiter als Besserwisser und fordert immer weiter höhere Gebühren. The rest is silence.

Immerhin rafft sich der SPIEGEL auf, seine Leser zu fragen: „Was denken Sie über die deutschen Medien, die Arbeit von Journalisten und die Berichterstattung des SPIEGEL? Bitte schreiben Sie uns unter [email protected]“. Im Heft 10 wird allerdings an keiner Stelle erneut daran erinnert. Immerhin erhält man E-Mail-wendend auf seine Meinung diese Antwort: „Liebe Leserin, lieber Leser, haben Sie vielen Dank für Ihre E-Mail – wir freuen uns, dass Sie uns schreiben. Wir sammeln nun alle Anregungen, Kritikpunkte und Vorschläge, um uns als Redaktion ein Bild davon zu verschaffen, was unsere Leser sich wünschen. Und wir werden darüber im SPIEGEL, gedruckt wie digital, berichten. Ihnen schon jetzt einen ganz herzlichen Dank für die Teilnahme, beste Grüße, Isabell Hülsen.“

Es war gut, diesen Text etwas liegen zu lassen und das Heft 11 abzuwarten: Dort gibt es S. 74 bis 77 eine Auswahl der Leserzuschriften unter der Überschrift „Haltet Ihr uns für dumm?“. Die Frage stellen, bedeutet wohl, sie zu beantworten. Man will weiter auswerten, „was unsere Leser bemängeln und was sie wünschen. Wir werden darüber intern diskutieren – und mit unseren Lesern. Für den 25. Mai wird der SPIEGEL alle, die uns in dieser Sache geschrieben haben [derzeit mehr als 2.500], zu einer SPIEGEL-Leserkonferenz einladen.“ Na denn man tau!

Da habe ich mich also mit Internet-Lektüre täuschen lassen. Das soll ja auch beim Lesen des Maistream gelegentlich vorkommen. Die alternative Internet-Presse bringt meine Ent-Täuschung, ohne sich zu zieren. Um den Mainstream-Journalismus zu einer Korrektur zu bewegen, braucht es oft eines Gerichtsbeschlusses. Das Maas’schen Zensurgesetz zielt darauf, die gerichtliche Überprüfung eventuell problematischer Mitteilungen im Internet abzuschaffen. Ist das ein Grund, daß der Mainstream-Journalismus nicht im Sturm gegen die Internet-Zensur anrennt?: Man ist ja nicht negativ betroffen. Im Gegenteil, diese Bevormundung des Bürgers dient auch dazu, unerwünschte Konkurrenz niedrig zu halten.

Was aber sage ich denn nun meinen besorgten Mitbürgern, warum ich noch den SPIEGEL abonniert habe und warum man ihn wenigstens manchmal lesen sollte? Dazu fällt mir nichts Originelles mehr ein. Haben Sie etwas Geduld und man soll jedem – auch einem politischen Magazin – eine zweite Chance geben, ist nicht wirklich originell.

Wandere aus, solange es noch geht!
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