Maurice Philip Remy: Der Fall Gurlitt – Die wahre Geschichte über Deutschlands größten Kunstskandal

Foto: Cover
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Eine Leseempfehlung von Michael Genniges

 

„Sonntag, der 3. November 2013 war der Tag, an dem Cornelius Gurlitt aus seiner Anonymität gerissen wurde. Um 8 Uhr morgens erschien die Digitalausgabe des Magazins Focus, auf der Titelseite stand in fetten Lettern: DER NAZI-SCHATZ“

 

So beginnt Remy seine so überaus spannende Rekonstruktion der „…größten Kunstraubaffäre der Nachkriegszeit…“ und der Geschichte einer großen deutschen Familie.

 

Beginnend mit den drei Söhnen des Golddrahtziehers Johann August Wilhelm Gurlitt, dem Maler Louis, einem Star unter den Landschaftsmalern des 19. Jahrhunderts, dem Komponisten Cornelius und dem späteren Husumer Bürgermeister und Mundartdichter Emanuel. Der zweitgeborene Sohn von Louis, Cornelius Gurlitt, ist namensgleicher Großvater des letzten Eigentümer der großartigen Kunstsammlung, die dessen Vater Hildebrand als Kunsthändler zusammengetragen hat.

 

Großvater Cornelius war Kunsthistoriker mit bedeutenden Werken insbesondere zur Architekturgeschichte. Der Technischen Hochschule Dresden stand er 1905 und 1915 als Rektor vor. Sein Bruder Wilhelm lehrte als klassischer Archäologe an der Universität zu Graz, der nächstgeborene Fritz gründete die Galerie Gurlitt in Berlin und der jüngste, Ludwig, war als Reformpädagoge ein Impulsgeber der Wandervogel-Bewegung.

 

Cornelius Sohn Hildebrand war schon als Kind von der modernen Kunst fasziniert. Er studierte Kunstgeschichte und befreundete sich als Frontsoldat in WK1 sowie in den intellektuellen Zirkeln der Nachkriegszeit mit vielen bedeutenden Schriftstellern und bildenden Künstlern wie Arnold Zweig, Ludwig Renn oder Karl Schmidt-Rottluff. Die Künstler des Expressionismus, speziell des deutschen, waren seine erste Liebe. Ihnen bot er den Raum als Museumsdirektor in Zwickau und Hamburg, dem wachsenden Unmut der Nationalsozialisten zum Trotz. Die von ihm 1933 im Hamburger Kunstverein platzierte Ausstellung der Hamburger Sezessionisten war denn auch die erste Kunstausstellung, die im „Dritten Reich“ verboten wurde. Dass er auch die auf dem Gebäude des Kunstvereins installierte Fahne der Nationalsozialisten eigenhändig absägte, kostete ihn seinen Posten.

 

Seine Versuche, sich dem Regime dennoch wieder anzudienen – er war inzwischen verheiratet und Vater – blieben erfolglos, auch weil er keinen lückenlosen „Ariernachweis“ erbringen konnte. Hildebrand war „Vierteljude“. Sein Weg in den Kunsthandel also war der Not geschuldet. Neben vielen einzelnen Ankäufen und Verkäufen bestimmten zwei große Themen seine Laufbahn als Kunsthändler und Sammler. Zum ersten erhielt er einen Auftrag des Propagandaministeriums, einen Teil der von den Nationalsozialisten aus den Beständen deutscher Museen entnommenen und als „Entartete Kunst“ ausgestellten Werke im Auftrag zu verkaufen, zum zweiten hielt er sich von 1941 bis 1944 immer wieder in Paris auf, wo er Werke französischer Künstler – seitdem seine zweiten großen Liebe – für deutsche Sammler kaufte. Hier erhielt er zuletzt den Sonderauftrag, für Hitlers in Linz geplantes Museum einzukaufen, es wurde Gurlitts mit Abstand bestes Geschäft.

 

In all den Jahren baute Gurlitt mit Kennerschaft eine eigene Sammlung auf, weit überwiegend Graphiken und Zeichnungen auf Papier, nur wenige Ölgemälde darunter. Wie Remy überzeugend darstellt, hat er sie rechtmäßig erworben. In Dresden wohnend, rettete er die Sammlung rechtzeitig vor dem Feuersturm und konnte sie wie seine Familie vor den Russen ins oberfränkische Aschbach bei Geiselwind in Sicherheit bringen. Nach seinem tödlichen Autounfall 1956 – er war damals Direktor des Kunstvereins Düsseldorf – ging die Sammlung an seine Frau Helene über und von dieser auf den Sohn Cornelius. Während Hildebrand selbst und später auch Helene immer wieder bedeutende Leihgaben für Ausstellungen zur Verfügung stellten, igelte sich Cornelius mit den Werken in seiner Münchener Wohnung und seinem Salzburger Haus ein. Nur gelegentlich verkaufte er ein Bild über Auktionshäuser.

 

Cornelius war früh und dann zeitlebens Einsiedler mit misanthropischen Zügen. Dabei war er allseits gebildet und Kenner klassischer Musik, besonders das Werk Wagners hatte es ihm angetan.

 

„Tür aufgebrochen. Zollfahndung Lindau.“ Mit diesen knappen Worten beschreibt Cornelius Gurlitt die dramatischen Ereignisse vom 28. Februar 2012, als Zollbeamte in seine Münchner Wohnung eindringen und seine Sammlung aus über 1500 Kunstwerken beschlagnahmen – eine Aktion, die später als „Schwabinger Kunstfund“ Eingang in die Medien findet. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Bei den Bildern soll es sich größtenteils um NS-Raubkunst handeln.

 

Vollends verloren ist Gurlitt jedoch, nachdem die Beschlagnahme öffentlich wird und zu einem weltweiten Politikum. Jüdische Organisationen, die US-Regierung und viele mehr verlangen Restitution der Werke. Jetzt tritt auch die Bundesregierung, um deutsche Reputation bedacht, auf den Plan.

 

Doch die Wahrheit sieht anders aus. In jahrelangen Recherchen findet die von Staatsanwaltschaft und Ministerien eingesetzte „Task force“ nur 5 Werke, die als „Raubkunst“ eingeordnet werden können. Dass Hildebrand Gurlitt das bei seinen Ankäufen wusste, ist nicht nachzuweisen und eher unwahrscheinlich. Seine Bereitschaft, Werke aus NS-Raub zurückzugeben, erklärt Gurlitt, obwohl er dazu gar nicht verpflichtet wäre. Der Besitz ist kein Straftatbestand, selbst zivilrechtliche Ansprüche wären verjährt. So begründet die Münchener Staatsanwaltschaft ihr Handeln auch immer mit wechselnden Verdachtsmomenten, gerne mit Verdacht auf Steuerhinterziehung, Gurlitt aber ist in Österreich gemeldet und zahlt dort Steuern. Es ist sein Schicksal, dass der Misanthrop es ablehnt, einen Rechtsanwalt mit der Vertretung seiner Interessen zu beauftragen. So kann die Staatsanwaltschaft ihr unrechtmäßiges Handeln lange ungestört fortsetzen und Gurlitt seines Eigentums berauben. Unter staatlichem Druck, schon im Sterben liegend, vermacht Gurlitt die Sammlung dem Kunstmuseum Bern, seine Erben gehen leer aus. Gurlitt ist tot. Noch immer ist die Sammlung größtenteils in Händen des deutschen Staates, auch wenn es ruhig geworden ist um die Sache.

 

All das, die Familiengeschichte der Gurlitts und den als „Fund“ deklarierten staatlichen Raub schildert der Dokumentarfilmer und Sachbuchautor Remy (Holocaust, Mogadischu) minutiös und spannend. Ein Zeitdokument von Rang.

 

Eine Einordnung unterlässt Remy. Doch wie kommt es zu solch staatlichem Raub? Für mich zeigt sich in den Handlungen der Zollbeamten, der Polizeidirektionen und Staatsanwaltschaften, der Kunstexperten und der Ministerien in München und Berlin bis hin zu Monika Grütters, Wolfgang Schäuble und Angela Merkel, welche Verheerungen ein jahrzehntelanger Schuldkult in den Köpfen und Herzen angerichtet hat. Die „gute Absicht“, die rechte Gesinnung, vielleicht nur das Wort NS-Raubkunst lassen alle Hemmungen fallen, die Gesinnungsethik triumphiert. Somit ist dieser Kunstraub beispielhaft, denn nicht nur für diesen gilt: Rechtsstaat Deutschland ade.

 

http://www.europa-verlag.com/buecher/der-fall-gurlitt/

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