Alltagsbeobachtungen im Zeitlupenland (II)

https://cdn.pixabay.com/photo/2014/11/21/17/32/clock-540821__480.jpg
Vergehende Zeit (Foto: Pixabay)

Vieles von dem, was man in den Nachrichten erfährt, erscheint einem zunächst unerklärlich. Leute wie ich können sich zum Beispiel nicht erklären, wie es zu einer Regierung Merkel IV kommen konnte. Weil das nicht mit dem überlieferten Selbstverständnis des Europäers zusammenpaßt, demzufolge der Mensch die Krone der Schöpfung sein soll. Meinereiner sitzt aber durchaus gern irgendwo auf einer Bank und beobachtet die Krone der Schöpfung in ihrem Alltag. Das spendet Trost insofern, als daß einem Merkel IV nicht mehr so mysteriös vorkommt.

von Max Erdinger

Vor einiger Zeit habe ich hier schon einmal von den bestürzenden Einsichten erzählt, die zu gewinnen sind, wenn man Leute beobachtet, die beispielsweise vor einer geschlossenen Aufzugstür stehen und auf den Lift warten. Oder was einem einfällt, wenn man sich Gedanken macht über die stetig wachsende Zahl an Prozessionen derer im Geiste der Lahmarschigkeit, die in langen Schlangen pietätvoll hinter großen LKW herschleichen, ohne jemals ans Überholen zu denken. Besonders eindrucksvoll sind auch diejenigen Zeitgenossen, die erleichtert den OFF-Schalter in ihrem Kopf umlegen, wenn sie eines Schildes angesichtig werden, auf dem zu lesen ist, was sie tun sollen. Das sind die Schildbürger der Gegenwart.

Die Fräskanten des Schildbürgers

Vor einiger Zeit auf der Bundesstraße: Ich lief von hinten her auf zwei Autos auf, die ihre liebe Not hatten, die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h zu erreichen. Die Strecke war gut ausgebaut, übersichtlich, die Straße war griffig, das Wetter bestens. Wegen des Gegenverkehrs waren die beiden Gasophoben aber nicht zu überholen. Also mußte ich nolens volens hinterherfahren und hielt dabei einen Abstand von knapp 50 Metern ein. Dann passierten wir ein Warnschild, auf dem das Wort „Fräskanten!“ zu lesen war. Irgendwo weiter vorne wurde wohl der Straßenbelag ausgebessert. Oft wird dabei zunächst die oberste Teerschicht abgefräst, was dann zu diesen Fräskanten führt, die meist etwa halb so hoch sind wie ein durchschnittlicher Bordstein. Man fährt also langsam über diese Fräskanten hinein in eine Art Wanne und nach ein paar Metern hoppelt man über die zweite Fräskante wieder heraus.

Hundert Meter nach dem ersten Hinweisschild „Fräskanten!“ kam das zweite Schild „Fräskanten!“, dieses Mal schon komplettiert mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50km/h. Die beiden Autos vor mir fuhren 45. Dann das dritte Schild „Fräskanten!“, maximal noch 30 Sachen erlaubt und die Gefährlicheit des vorausliegenden Ereignisses insofern noch einmal drastisch unterstrichen, als daß nun schon rotweiße Warnbaken in der Straßenmitte dazugestellt worden waren. Dann „Fräskanten!“ und 20 km/h. Inzwischen konnte man sehen, worum es genau ging. Vom rechten Fahrbahnrand her waren kurz nacheinander zwei Wannen aus dem Asphalt herausgefräst worden, die bis kurz vor die Straßenmitte verliefen. Die Warnbaken an der Gefahrenstelle waren nun sogar noch durch gelbe Blinklichter obendrauf komplettiert worden.

Die beiden Autos vor mir fuhren inzwischen Schrittgeschwindigkeit. Die Fahrer bereiteten sich mental auf die vor ihnen liegende Herausforderung vor. In wenigen Sekunden würden sie sehr vorsichtig die Vorderachsen ihrer Gefährte in die erste Wanne hineinplumpsen lassen. Ich beschloss, mir die Gesichter der beiden Kandidaten vor mir genauer anzuschauen und wechselte in die entgegenkommende Fahrspur. Der Gegenverkehr war abgerissen und bis kurz vor Moskau war auch keiner mehr zu sehen.

Wie ich also langsam und vollkommen erschütterungsfrei links an den beiden Fräskantengläubigen vorbei fahre und nach rechts schaue, wird mir Merkel IV erklärlich. Eng hinter das Lenkrad geklemmt, die Nasenspitzen nach oben gereckt, sind zwei ältliche Damen im Zustand höchster Anspannung zu beobachten, wie sie die Herausforderung meistern und sehr vorsichtig über die Fräskanten in die beiden Wannen hinein und wieder heraushoppeln, obwohl sie eigentlich ebenfalls hätten links daran vorbeifahren können. Völlig entgeistert blicken sie zu mir herüber. Ich beschleunige, ziehe wieder in die rechte Spur und beobachte, wie sie im Rückspiegel rapide kleiner werden.

So, wie man Deutsche auf „Fräskanten!“ abrichten kann, lassen sie sich vermutlich auch auf „Merkel!“ dressieren, denke ich mir. Und dann fällt mir ein, wer Merkel statistisch eigentlich gewählt hat. Dem Vernehmen nach sollen es über 70-Jährige gewesen sein, die mit dem Internet („Neuland“) nichts am Hut -, dafür aber die lokale Tageszeitung abonniert haben, den Direktor der Raiffeisenbank und den Chef der örtlichen AOK-Geschäftsstelle für so etwas wie besonders vertrauenswürdige Staatsbeamte halten – und denen ein amtlich aufgestelltes Blechschild ebenso viel Respekt abnötigt wie eine Rede des Bundespräsidenten am Volkstrauertag.

In gewisser Weise erleichtern mich solche Beobachtungen trotz all´meiner Verzweiflung, beweisen sie mir doch, daß die Entfernung zwischen Volk und Regierung nicht so groß ist, wie immer wieder gerne behauptet wird. Merkel ist Bundeskanzlerin und an ihr führt mental genauso wenig ein Weg vorbei wie an den Fräskanten. Deutschland, Deutschland über alles …

 

 

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.