Schweden: Wettrüsten unter den kriminellen Migranten-Gangs

Foto:screenshot Twitter
Daniel Cuevas Zuniga mit seiner Ehefrau (Foto:screenshot Twitter)

Im Stockholmer Vorort Varby Gard war der Anblick des 63-jährigen Mannes, der nach dem Ende seiner Schicht als Gehilfe für behinderte Erwachsene, auf seinem Fahrrad im eisigen Wind des schwedischen Winters in die Pedale trat, nicht ungewöhnlich. Daniel Cuevas Zuniga hatte an diesem Sonntag am 7.Januar seine Nachtschicht beendet und fuhr mit seiner Frau nach Hause, als er ein kugelförmiges Objekt auf dem Boden liegen sah. Er blieb stehen blieb und hob es auf. Kurz darauf war er tot.

von Marilla Slominski

Es war eine M-75 Handgranate. Die Granaten wurden in großer Zahl für die jugoslawische Nationalarmee hergestellt und dann während des Bürgerkriegs in den 1990er Jahren von Paramilitärs beschlagnahmt. Die Granaten sind mit Plastiksprengstoff und 3.000 Stahlkugeln gefüllt, die sich gut für Angriffe auf feindliche Schützengräben und Bunker eignen. Als Zuniga sie berührte, löste er den Zünder aus.

Die Schockwelle war so stark, dass seine Frau Wanna, die vor ihm fuhr, von ihrem Fahrrad flog und mit diversen Schrapnellwunden auf dem Boden landete. Sie rappelte sich auf und versuchte zu ihrem Mann zu kommen, doch die Polizei, die in der Nähe patrouillierte, hielt sie zurück.

Waffen aus einem weit entfernten, längst vergangenen Krieg überfluten die schwedischen Migranten-Viertel und lassen das Vertrauen in die Sicherheit zusammenbrechen.  Bandenangriffe und Schießereien werden immer häufiger und die Zahl der von der Polizei als „von Kriminalität, sozialen Unruhen und Unsicherheit heimgesuchten“ Bezirke nimmt zu. Kriminalität und Einwanderung werden bei den Parlamentswahlen im September neben den traditionellen Debatten über Bildung und Gesundheitsversorgung zu den Schlüsselthemen gehören.

Ein Grund ist, dass Schwedens Bandenkriminalität, die lange Zeit in einkommensschwachen Vorstädten zu finden war, sich jetzt auch darüber hinaus ihren Weg bahnt. In den  der Großstädten kommt es immer häufiger zu bewaffneten Auseinandersetzungen in Notaufnahmen. Schulleiter berichten, dass Drohungen und Waffen alltäglich geworden sind. Letzte Woche wurden zwei Männer aus Uppsala, beide in ihren Zwanzigern, verhaftet, weil sie Granaten auf das Haus eines Bankangestellten geworfen hatten, der Betrugsfälle untersucht, berichtet The New York Times.

Der Kebab-Laden des 55-jährige Paulus Borisho liegt nur wenige Meter von dem Ort entfernt, an dem Daniel Cuevas Zuniga die Handgranate aufhebt. Die Explosion lässt die Fenster seines Ladens erzittern. Wie viele seiner Nachbarn in Varby Gard hatte Borisho in Schweden Asyl gesucht, um einem Krieg zu entkommen. Er wusste, wie eine Granate klang. Als Kommandeur einer libanesischen Miliz hatte er mit Granaten zu tun gehabt.

Dass eine Granate auf dem Bürgersteig vor seinem Kebab-Laden, nur ein paar Schritte von einer Grundschule entfernt, herumliegt, ist für ihn beängstigend.

„Ich habe Angst um Europa“

„Jetzt, wenn ich an die Zukunft denke, habe ich Angst“, sagte er. „Ich habe Angst um Europa“, sagt Paulus Borisho.

Illegale Waffen gelangen oft über die Öresundbrücke, die Malmö mit Dänemark verbindet, nach Schweden. Als die Brücke im Jahr 2000 eröffnet wurde, sollte sie auch ein Symbol für das grenzenlosen Europas sein. In den letzten Jahren dient sie immer mehr dem Schmuggel von Menschen, Waffen und Drogen.

Die Grenze zu Dänemark ist offen und es gibt nicht genügend Personal, um jedes Fahrzeug, das ins Land kommt, zu durchsuchen. Handgranaten wurden bis letztes Jahr als „brennbare Produkte“ und nicht als Waffen eingestuft, daher fielen die Strafen bei ihrer Benutzung mild aus.

„Wir haben das Vertrauen der Menschen verloren, die in diesem Gebiet gelebt und gearbeitet haben“, sagte Gunnar Appelgren, Polizeikommissar und Spezialist für Bandengewalt.

Letztes Jahr veröffentlichte Peter Springare, ein 61 Jahre alter Polizeibeamter in Orebro, einen wütenden Facebook-Eintrag, in dem er berichtete, dass Gewalttaten vor allem von Einwanderern aus dem „Irak, Iran, Türkei, Syrien, Afghanistan, Somalia, Somalia, Syrien, Somalia begangen werden. Sein Post wurde mehr als 20.000 Mal geteilt. Gegen Peter Springare wurde seitdem zweimal von Seiten der Staatsanwaltschaft wegen Anstiftung zum Rassenhass ermittelt – Anklage wurde nicht erhoben.

An der Wand von Gunnar Appelgrens Büro im Stockholmer Polizeihauptquartier ist eine Karte angebracht, die den zunehmenden Einsatz von Handgranaten zeigt. Bis 2014 gab es jedes Jahr etwa eine Handvoll Fälle. Im Jahr 2015 stieg die Zahl sprunghaft an: 45 Granaten wurden von der Polizei beschlagnahmt und 10 weitere wurden gezündet. Im Jahr darauf wurden 55 beschlagnahmt und 35 detonierten. Ein leichter Rückgang trat 2017 ein, als 39 beschlagnahmt und 21 gezündet wurden.

Polizeikommissar Appelgren verfolgt die Entwicklung besorgt und bezeichnet sie als ein  Wettrüsten unter den Banden.

Handgranaten für 10 Euro 

„Ich denke, wenn wir das nicht stoppen, werden sie sich immer mehr mit Kalaschnikows und Handgranaten bewaffnen. Jetzt schon werfen sie Steine ​​und Flaschen auf unsere Autos und locken uns in den Hinterhalt. Was wird passieren, wenn sie im Besitz von AK-47 sind? Und das wird kommen.“

Verkäufer in Bosnien und Serbien sind begierig darauf ihre überschüssigen Granaten, die oft seit Jahrzehnten im Lagerraum vor sich hin rosten. Oft gibt es die Granaten gratis beim Kauf einer Kalaschnikow dazu, weiß Appelgren. In Schweden beträgt der Straßenpreis einer Handgranate 100 Kronen – knapp 10 Euro.

„Es ist merkwürdig“, sagte Manne Gerell, Dozent für Kriminologie an der Universität Malmö. „Ich kenne kein westliches Land mit einem ähnlichen hohen Einsatz von Handgranaten. Unsere Hypothese ist, dass sie verwendet werden, um eine Nachricht zu senden. Nicht als Waffe,  sondern als Einschüchterungsinstrument. Du brauchst kein perfektes Ziel. Du versuchst nicht, eine bestimmte Person zu töten.“

An diesem kalten Januarmorgen traf Daniel Cuevas Zuniga eine fatale Entscheidung, als er die Granate in die Hand nahm. Bisher war Schweden gut zu ihm gewesen. Er war 1985 aus Chile ausgewandert, einer von vielen linker Chilenen, die unter Olof Palme, einem liberalen Ministerpräsidenten und leidenschaftlichen Gegner des damaligen autoritären Präsidenten  Augusto Pinochet, ins Land einreisen durften.

Zuniga fand Arbeit als Gesundheitsberater, zuletzt für Erwachsene mit schweren Behinderungen und Alzheimer-Kranke. Er war ein Bär von Mann, der viele Spitznamen hatte – Bandito, Diablo, Loco, Feya – und niemand, nicht einmal die harten schwedischen Oberschwestern, konnten ihm widerstehen.

Aber in letzter Zeit hatte Zuniga immer öfter beklagt, dass er sich in seiner Nachbarschaft nicht mehr sicher fühlte. Er sei frustriert gewesen, dass die Polizei scheinbar keine Kontrolle mehr hat, wissen seine Freunde. Er, der Musikliebhaber, traute sich nicht mehr zu nächtlichen Konzerten.

„Die Kriminalität steigt und steigt, und sie tun nichts dagegen“, erzählt sein enger Freund, der 60-jährige Hugo Garrido .“Es ist eine komplette Realitätsverleugnung. Schweden sind sehr gute Menschen und sie wollen die Welt verändern. Sie wollen, dass der Rest der Welt wie Schweden ist. Und die Realität ist, dass alles ganz anders ist.“

In Varby Gard treibt eine von der Polizei beobachtete Straßenbande ihr Unwesen. Ihr Anführer ist Tunesier, die Mitglieder sind Einwanderer der ersten und zweiten Generation aus Finnland, dem Balkan und Afrika, erzählt der Polizeibeamte Lars Broms, der den Tod von Zuniga untersucht. „Geben Sie ihnen noch 20 Jahre, und wir werden die gleichen Zustände wie in Los Angeles haben“, fürchtet Broms.

Am Dienstag verhaftete die Polizei zwei 18-jährige Männer wegen des Verdachts, die Granate geworfen zu haben, die den 63-jährigen Zuniga tötete.

„Wenn ich sterbe, musst Du Schweden verlassen“

Angesichts von Kriminalität und Kontrollverlust hatte Zuniga, der kurz vor der Pensionierung stand, seinen Ausstieg geplant und Geld bei Seite gelegt, um ein Haus in Thailand zu bauen, wo die Familie seiner Frau lebt. Im April wollte er mit seiner thailändischen Ehefrau Schweden verlassen.

Stattdessen strömten seine Trauergäste in eine schmucklose, steinfarbene Kapelle auf einem Stockholmer Friedhof. Draussen fiel leichter Schnee. Sein Sohn Daniel sandte eine Nachricht aus Chile und nannte ihn liebevoll „meinen alten Seewolf“.

Seine Tochter, Natalia, sagte, sie würde alles geben, um noch eine Tasse Kaffee mit ihm  trinken zu können. Seine Ehefrau Willa, eine kleine Person mit fast bis zur Taille reichendem Haar, stand am Fuß des Sarges, und ihr Gesicht war vor Trauer versteinert.

„Er hat immer wieder gesagt, dass ich, wenn ihm etwas passiert, nach Thailand zurückkehren muss. Er wollte nicht, dass ich hier lebe, nachdem er gestorben ist. Er hat gesagt, verkauf das Haus und geh einfach“, sei der Wunsch ihres Mannes gewesen, so Wilma nach seiner Beerdigung. Worte, dahingesagt, von denen niemand gedacht hätte, dass sie wahr werden könnten.

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