Michael Klonovskys Deutschstunde

Foto: Durch nito/Shutterstock
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Gestern haben sie im Bundestag über einen Antrag der AfD debattiert, den Satz: „Die Landessprache in der Bundesrepublik Deutschland ist Deutsch“ als Artikel 22 Absatz 3 ins Grundgesetz einzufügen. Die Blockparteien schickten ihre rhetorischen Genies ins Rennen, um den Antrag getreu den Gepflogenheiten dieser parlamentarischen Hüpfburg abzuschmettern. Dass ich der Groteske mit einer Mischung aus grimmiger Heiterkeit und entomologischer Neugier hospitierte, liegt auf der Hand. Parlamentarismus und Geist, das ist wie Merkel und Stil: Man sollte seine Erwartungen bezähmen. Es ist ja auch nicht vonnöten, dass Politiker mit Kennerblick durch Galerien flanieren oder connoiseurhaft Texte rezitieren, sie sollen nur ihre Arbeit machen. Bekanntlich tun sie meistens nicht einmal das. Dass sie noch die Landessprache benutzen, um sich gegenseitig ihrer Bedeutung zu versichern, ist reine Gewohnheit.

Von Michael Klonovsky

Für mich war die sogenannte Debatte übrigens ein Déjà-vu. Vor über einem Jahr hatte die AfD im Dresdner Landtag einen vergleichbaren Antrag gestellt – damals ging es um die Aufnahme des Deutschen als schützenswertes Kulturgut in die sächsische Landesverfassung –, und ich hatte sowohl die Rede verfasst, die eine Landtagsabgeordnete im schönsten Sächsisch vortrug, als auch als sog. Experte einer Parlamentskommission Rede und Antwort gestanden. Selbstverständlich wurde der Antrag auch damals abgelehnt, mit denselben reflexhaften Unterstellungen von Tümelei bis Diskriminierung, mit denen sich der Durchschnittslinke und der Allerweltsgrüne durchs politische Leben gaunern. Man darf von parteipolitisch Konditionierten keine Flexibilität erwarten, und strenggenommen hatte ich das weder in dem einen noch in dem anderen Fall getan.

Das mediale Echo auf die Bundestagsreden war ähnlich vorhersehbar und vor allem adäquat; wissend, „daß der Zeitungsmann/Keinen deutschen Satz mehr kann“ (Peter Hacks), liest unsereins die Kommentare in den erfreulich zügig dahinsiechenden Gazetten mit hoffnungsfroher Gleichgültigkeit, etwa diesen hier. Wie steindumm die medialen Wortführer geworden oder schon immer gewesen sind, kann jeder ermessen, der die neueren „selbstkritischen“ Einlassungen von Premiumjournalisten zu den Ursachen des Leserschwunds liest; sie kapieren einfach nicht, dass die Leute von ihrem Belehrungs- und Erziehungsgeschwafel die Nase voll haben und dass sich kein Mensch, der eine Ausbildung genossen hat und auf eigenen Beinen steht, ausgerechnet von einem Journalisten die Welt erklären lassen will, zumal er seine Informationen inzwischen auch anderswo beziehen kann. Dieser tatsächliche „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (St. Jürgen) hat den Genossen Medienschaffenden das Informations(dosierungs)monopol genommen und setzt sie einem Konkurrenzdruck aus, auf den die Armen ähnlich verschreckt bzw. verdattert reagieren wie die SED-Pressstrolche auf das Zerbröseln ihrer Kundschaft im Herbst 1989.

Zurück zum Verfassungsrang des Deutschen. Die Rede von damals suchte und fand ich auf meiner Festplatte. Da sie weiland kaum jemand gehört hat, rücke ich sie hier leicht gekürzt ein (stellen Sie bitte in Rechnung, dass es sich um eine Rede ans Parlament und nicht um einen Brief an Hugo von Hofmannsthal oder Eckhard Henscheid handelt):

„‚Wir wohnen nicht in einem Land, sondern in einer Sprache‘, notierte der Schriftsteller Emile Cioran. Sprache ist Wohnung, Sprache ist Heimat, Sprache ist ein Werkzeug zur Weltaneignung und das Hauptverkehrsmittel im Umgang mit anderen Menschen. Mit Worten formulieren wir unser Wissen und unsere Pläne, mit Worten bringen wir unsere Liebe zum Ausdruck, aber auch unseren Kummer. Mit Worten preisen wir das Leben und tragen wir Konflikte aus, etwa heute und hier den Konflikt darum, ob die deutsche Sprache besonderen Schutz braucht.

Meine Damen und Herren, wir sind dieser Ansicht. Uns erscheint das Deutsche zugleich schützenswert und schutzbedürftig.

Wir müssen also drei Fragen beantworten. Warum Kulturgut? Warum Schutz? Und was bedeutet Förderung?

Meine Damen und Herren, eine Sprache wird zum Kulturgut, wenn hinreichend viele Menschen in ihr Bedeutendes geschrieben haben. Die deutsche Sprache ist ein Kulturgut, weil in tausend Jahren unendlich viel Kultur in ihr geronnen ist – ich erspare mir jetzt eine Aufzählung deutscher oder deutschsprachiger Autoren von Weltrang, weil meine Redezeit begrenzt ist. Die deutsche Literatur nimmt unter den Literaturen der Welt jedenfalls einen exponierten Platz ein.

Aber keineswegs nur in diesem Sinne ist eine Sprache ein Kulturgut. Jede Sprache verkörpert eine ganz bestimmte Art der Weltsicht und des Weltverständnisses. Die verschiedenen Sprachen sind Speerspitzen der kulturellen Evolution. Die Artenvielfalt der Sprachen ist deshalb so schützenswert wie die Artenvielfalt in der Natur.

Unter dem Druck der Globalisierung und der durchgesetzten englischen Weltsprache sind heute sämtliche anderen Sprachen mehr oder weniger bedrohte Arten. Selbst altehrwürdige Hochsprachen wie das Französische, das Italienische oder eben unser Deutsch stehen davor, in den nächsten hundert Jahren zu Regional-Idiomen abzusinken, die irgendwann nur noch in der Gastwirtschaft oder beim Kartenspiel gesprochen werden – wenn wir nicht auf sie achtgeben.

Sie halten das für übertrieben? Dann sollten Sie an wissenschaftlichen Kongressen teilnehmen oder bei Konferenzen in deutschen Banken und deutschen Großunternehmen hospitieren: Überall redet man Englisch, sogar wenn nur Deutsche am Tisch sitzen. Seit einigen Jahrzehnten zieht sich die deutsche Sprache aus immer mehr Wortschatzbereichen zurück. An Hochschulen wird zunehmend auf Englisch geforscht, gelehrt und publiziert. Das bedeutet zum einen Weltoffenheit, gewiss – zum anderen aber, dass viele neue Gedanken und Begriffe gar nicht mehr ins Deutsche Einzug halten. Wenn man das konsequent weiterdenkt, gelangt man zu dem Schluss, dass dereinst komplexe Themen auf deutsch nicht mehr darstellbar sein werden.

Wir wollen darauf nicht pessimistisch reagieren, sondern mit der Förderung der Artenvielfalt. Wir wollen keineswegs das Englische schwächen – ganz im Gegenteil! –, sondern das Deutsche stärken. Meine Damen und Herren, eine Sprache zu schützen heißt, eine neue Generation von Lesern und Schreibern zu fördern, die imstande ist, mit diesem kulturellen Erbe etwas anzufangen und es gleichzeitig schöpferisch fortzusetzen.

Es geht also nicht darum, den Stellenwert der englischen Sprache in der sich zunehmend globalisierenden Wissenschaftswelt oder bei der Völkerverständigung in Zweifel zu ziehen. Vielmehr soll klargestellt werden, dass gerade wegen der sich in weite Teile des gesellschaftlichen Lebens ausbreitenden englischen Sprache ein besonderer Fokus auf die Bewahrung der deutschen Sprache gelegt werden muss.

Deutsch soll eine Sprache bleiben, in der jeder komplexe Gedanke ausgedrückt werden, in der man auf der Höhe der Zeit bleiben kann. Texte lassen sich aus einer Sprache nie hundertprozentig in eine andere übersetzen, das heißt: eine Sprache überlebt nur bruchstückhaft in einer anderen. Deswegen plädieren wir für eine substanzielle Zweisprachigkeit. Wir wollen, im Idealfall, wunderbare Deutschsprecher, die ebenso gut das Englische beherrschen. In den Worten des englischen Schriftstellers Wystan Hugh Auden: ‚Solange Deutsche Deutsch sprechen und ich Englisch, ist ein echter Dialog zwischen uns möglich; so richten wir das Wort nicht einfach an unsere Spiegelbilder.‘

Meine Damen und Herren, die Länder der Europäischen Union haben mehrheitlich ihre Sprachen als Ausdruck ihrer Kultur in den jeweiligen Verfassungen verankert. In der Schweiz und in Österreich findet sich die deutsche Sprache verfassungsrechtlich normiert. Frankreich schützt seine Sprache seit 1994 durch ein eigenes Gesetz die sogenannte Loi Toubon.

Die unterbliebene Normierung des Schutzes und der Förderung der deutschen Sprache in der Sächsischen Verfassung mag dem Umstand geschuldet sein, dass man das bisher nicht für notwendig erachtet hat. Die deutsche Sprache mag als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt gewesen sein. Von dieser Selbstverständlichkeit kann jedoch nicht mehr ausgegangen werden.

Bevor jemand einwendet, es werde wenig nützlich sein, eine Sprache in der Verfassung zu verankern, lassen Sie uns einen Blick darauf werfen, was alles in der Verfassung verankert wurde. Die Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern beispielsweise. Die Förderung des vorbeugenden Gesundheitsschutzes für Kinder und Jugendliche. Der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen, also der Umwelt. Die Denkmalspflege. Der Schutz der Kulturgüter: Das Land setzt sich für ihr Verbleiben in Sachsen ein. Meine Damen und Herren, wir setzen uns für ein Verbleiben der Deutschen in der deutschen Sprache ein.

Es ist zu beobachten, dass unsere Sprache zum einen durch den ansteigenden Einfluss von Fremdwörtern, zum anderen durch ideologische Einflüsse geprägt und auch verunstaltet wird. Dazu gehört vor allem die ‚gendergerechte Sprache‘. Aus Sicht ihrer Verwender und Propagierer soll die vermeintlich geschlechtsdiskriminierende deutsche Sprache im Sinne der Gleichbehandlung korrigiert wird. Im neuen Genderschreibstil heißt es ‚StudentInnen‘, ‚Student*ìnnen‘ oder ‚Student_innen‘. Und das ist nur die Spitze des vor allem universitären Neusprechs; wer die Verlautbarungen der geschlechterpolitischen Vorreiter liest, versteht vor lauter Sonderzeichen, neuen Geschlechtern und geschlechtsneutralen Endungen kein Wort mehr.

Was aber vor allem gegen diese Sprachkorrektur spricht ist, dass sie Texte verschandelt, dass sie ästhetisch abstoßend ist. Eine Sprache muss sich dynamisch aus sich heraus entwickeln, keinesfalls darf sie durch Dekrete von Gleichstellungsideologen ‚von oben‘ geändert werden.

Meine Damen und Herren, ich bin Ihnen noch einen Vorschlag schuldig, wie die deutsche Sprache konkret zu fördern wäre. Wissen Sie, was die Worte Briefwechsel, Bittsteller, Fernglas, Stelldichein und Marschflugkörper gemeinsam haben? Sie sind erfunden worden, um ein Fremdwort zu ersetzen. Heute sind sie uns vollkommen geläufig, aber bevor die deutsche Entsprechung eingeführt wurde, sagte man nur: Korrespondenz, Supplikant, Teleskop, Rendezvous und Cruise Missile. Was wir heute wieder brauchen, sind kreative, phantasievolle Eindeutscher von Fremdworten, also Erfinder neuer deutscher Entsprechungen vor allem für englische Begriffe. Warum dafür nicht einen jährlichen Sprachneuschöpfer-Preis ausloben? ‚Wortschatz‘ heißt einer der treffendsten deutschen Begriffe. Dieser Schatz sollte täglich erweitert und vergrößert werden.

Meine Damen und Herren, Jean Paul hat geschrieben, die deutsche Sprache sei die Orgel unter den Sprachen. Sorgen wir dafür, dass sie noch lange und aus allen Registern ertönt.“

Apendix 1: Wer zum Thema weiterlesen will, speziell was die Einverleibung von Fremdworten ins Deutsche angeht, bitte hier.

Appendix 2: Diese Statistik ist nicht mehr ganz aktuell, doch für die Fortsetzung bräuchte man ohnehin eine Lupe.

 

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