Die EZB bemüht sich um Inflation

EZB-Chef Mario Draghi (Bild: gemeinfrei)
EZB-Chef Mario Draghi (Bild: gemeinfrei)

Obwohl es ihr nicht zu gelingen scheint und das erfreulich ist, offenbart es zugleich die Perversion ihrer Geldpolitik – Bemühen um Inflation verdient kein Vertrauen

Von Klaus Peter Krause

So, so: Die Euro-Inflation kommt nicht in die Gänge. So lautete die Überschrift über eine kleine Meldung der FAZ vom 24. Februar (Seite 23). Darunter las man: „Ent­ge­gen den Be­mü­hun­gen der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank um ei­ne hö­he­re In­fla­ti­on hat sich die Teue­rung zum Jah­res­be­ginn ab­ge­schwächt. Die In­fla­ti­ons­ra­te im Eu­ro­raum lag im Ja­nu­ar bei 1,3 Pro­zent, wie das eu­ro­päi­sche Sta­tis­tik­amt Eu­ro­s­tat am Frei­tag be­kannt­gab.“ Die EZB bemüht sich also um Inflation. Schon 2014 hatte EZB-Präsident Mario Draghi auf einer Finanzkonferenz im portugiesischen Sintra verlautbart, eine dauerhaft niedrige Inflation in Europa bekämpfen zu wollen: „Wir werden uns nicht damit abfinden, wenn die Inflation zu lange zu niedrig bleibt“, hatte er dort von sich gegeben (FAZ vom 27. Mai 2014, Seite 17). Aber so erfreulich es ist, wenn ihr das nicht zu gelingen scheint, so offenbart es zugleich, mit welcher Perversion sie ihre Geldpolitik betreibt. Warum? Eine Zentralbank, eine Notenbank hat die Aufgabe, den Geldwert stabil zu halten. Aber sich um Inflation bemühen ist das Gegenteil davon.

Zur Geldwertstabilität verpflichtet

Im herrschenden Geldsystem hat die Zentralbank ein staatlich privilegiertes Geldmonopol. Sie allein entscheidet darüber, mit wieviel Geld die Wirtschaft versorgt wird. Es ist ein Schuldgeldsystem, in dem das hergestellte („geschöpfte“) Geld durch keinen Sachwert gedeckt ist – anders als bei einem Vollgeldsystem. Folglich ist dieses Schuldgeld beliebig  vermehrbar: durch Kreditvergabe. Mit jedem erhaltenen Kredit steigt die Geldmenge und mit ihr die Kaufkraft der Nachfrage nach Produkten. Hält das Produktangebot mit einer steigenden Geldmenge nicht Schritt, ist also das Produktangebot gegenüber der kaufkräftigen Nachfrage zu knapp, steigen, soweit  Wettbewerbsfreiheit herrscht, die Preise der Produkte. Durch Aufblähen der Geldmenge kommt es also zum Aufblähen der Preise, zur Preisinflation oder kurz: zur Inflation  (von lateinisch inflare = aufblähen). Wegen ihres Monopols und weil Inflation das Geldvermögen der Bürger entwertet, die Bürger also heimlich enteignet, ist die Zentralbank zur Geldwertstabilität verpflichtet.*)

Bemühen um Inflation verdient kein Vertrauen

Das hat auch für die Zentralbank der Europäischen Union zu gelten. Weil sie sich stattdessen um Inflation sogar bemüht, ist das skandalös. Vertrauen kann eine solche Bank nicht bekommen, sie verspielt es. Aber Geld ist Vertrauenssache. Weil das von der Zentralbank mit ihrem Geldmonopol  in Umlauf gebrachte Geld durch keine notwendig knappen Sachwerte gedeckt ist, besteht die „Deckung“ einzig und allein in dem Vertrauen, das die Menschen dieser Bank und deren Geld entgegenbringen. Die EZB verdient dieses Vertrauen nicht.

Die EZB strebt auf mitt­le­re Sicht ei­ne In­fla­ti­ons­ra­te von knapp un­ter 2 Pro­zent an, die sie als Preis­sta­bi­li­tät de­fi­niert, heißt es in der eingangs zitierten FAZ-Meldung. Seit 2015 habe sie ein bil­lio­nen­schwe­res An­lei­he­kauf­pro­gramm lau­fen, um den Preis­druck zu er­hö­hen.

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*) Wer meint, Geldmengenausweitung führe nicht zu höheren Preisen, sei zum Beispiel auf Patrick Barron verwiesen. Für ihn gehört diese Ansicht zu einem der sechs ökonomischen Mythen, die er im Zusammenhang mit Geld und Inflation aufzählt und kurz beschreibt. Im August 2014 schrieb er: „Zurzeit sind die Regierungen damit beschäftigt, den Menschen einzureden, dass weder die Finanzierung der Staatschulden durch die Notenbank, noch die allgemeine „monetäre Lockerung“ das Preisniveau erhöhen. Tatsache ist, dass ökonomische Gesetze auch im Geldwesen ihre Gültigkeit behalten. Ludwig von Mises und andere österreichische Ökonomen haben gezeigt, dass der Zusammenhang zwischen Geldmengeninflation und Preisniveau nicht mechanischer Natur ist. Nichtsdestotrotz bildet laut Mises die ‚Quantitätstheorie des Geldes’ das Fundament aller Geldtheorien, wonach eine positive Beziehung zwischen Geldangebot und Preisniveau besteht. Mehr Geld führt schlussendlich zu höheren Preisen (und umgekehrt).“  Barron lehrt an der Graduate School of Banking ander Universität Wisconsin, Madison. Außerdem unterrichtet er die “Österreichische Schule der Nationalökonomie” an der Universität Iowa, Iowa City. Den ganzen Barron-Beitrag finden Sie hier.

Preissteigerungen durch übermäßige Ausweitung der Geldmenge (Inflation) sind von marktbedingten Preissteigerungen (Teuerung) zu unterscheiden. Wenn Preise bei unverändertem Angebot und unveränderter Nachfrage steigen, weil die Geldmenge aufgebläht ist, dann ist das Inflation. Wenn Preise steigen, weil das Angebot bei unveränderter (oder gar gestiegener) Nachfrage zurückgegangen oder die Nachfrage bei unverändertem (oder gar gesunkenem Angebot) gestiegen ist, dann ist das keine Inflation, sondern nur eine Teuerung. Weiteres darüber ist in meinem Beitrag vom September 2012 zu lesen (hier).

Allerdings gibt es Zweifel daran, ob die amtliche Inflationsrate überhaupt stimmt. Sie werde womöglich unterschätzt, hieß es in der FAZ vom 5. Februar 2018 auf Seite 20: „Laut of­fi­zi­el­ler Sta­tis­tik gibt es kaum stei­gen­de Prei­se. Doch der star­ke An­stieg der Mie­ten in vie­len Städ­ten weckt Zwei­fel.“ Und Gunther Schnabl schrieb 2017, die Inflationsrate werde nicht richtig gemessen. Wichtige Preise würden von den Notenbanken ignoriert. Das billige Geld der Zentralbanken habe weltweit in wilden Zyklen die Preise von Aktien, Immobilien, Gold und Rohstoffen nach oben getrieben (FAZ vom 2. Mai 2017, Seite 18). Das heißt: Die Inflation durch die aufgeblähte Geldmenge findet zuerst auf den Märkten für Vermögensgüter statt und auf den Konsumgütermärkten zunächst noch nicht.

Schnabl wirft in seinem Beitrag „Die Inflation wird nicht richtig gemessen“ die Frage auf, ob die sogenannte Quantitätsgleichung noch gültig ist und folgert in diesem Zusammenhang: „Die Verteilungseffekte der ultraexpansiven Geldpolitiken zugunsten der Reichen schwächen die Kaufkraft der Mittelschicht, deren Kaufverhalten die Verbraucherpreisindizes abbilden. Steigende Preise für Luxusgüter bleiben außen vor. Daraus lässt sich vor allem eines lernen. Die Quantitätsgleichung würde wohl noch gelten, wenn die Inflation mit einem breiteren Index gemessen würde. Das scheint aber politisch nicht erwünscht, so dass die Inflationsziele neuerdings dazu dienen, eine interessengeleitete Geldpolitik zu verschleiern.“

Schnabl erläutert: „Die Quantitätsgleichung wurde vom Harvard-Professor Irving Fisher (1867 bis 1947), aufbauend auf John Locke, David Hume, John Stuart Mill und Simon Newcomb, formuliert. In der heute üblichen Form lautet sie: M*V=P*Y. Das bedeutet: Geldmenge M multipliziert mit der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes V ist gleich dem realen Bruttoinlandsprodukt Y (Summe aller produzierten Güter und Dienstleistungen) multipliziert mit deren Preisen P. Die Umlaufgeschwindigkeit gibt an, wie häufig eine Geldeinheit in einer Periode eingesetzt wird, um eine Transaktion abzuwickeln. Milton Friedman leitete aus der Quantitätsgleichung die monetaristische Inflationstheorie ab, in der langfristig Inflation „immer und überall ein monetäres Phänomen“, also vom Geldmengenwachstum abhängig ist.“  Prof. Dr. Gunther Schnabl ist Direktor des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig.

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