Märchen aus FOCUS-Land: „Mittelstand hofft auf Flüchtlinge“

Foto: Durch michaeljung/Shutterstock
Einzelfälle? Bisher schon. (Foto: Durch michaeljung/Shutterstock)

Der deutsche Mittelstand steht ohne Analphabeten und Minderqualifiziert vor dem Aus. Das liest der Focus aus einer Umfrage der Wirtschaftsberater EY. Der Faktencheck:

Neben der alltäglichen Nazijagd und dem Stellen des Rechtspopulismus (gerade mal wieder Merkel-Fan-Girl Frau Martina „Fietz am Freitag“) macht der Focus auch schon mal Stimmung für die „Flüchtlinge“, die unser Land nach vorn bringen. Leider war ja vieles aus dem Mainstream zu dem Thema unter Märchenstunde abzuhandeln. Erinnern wir uns noch an die Syrer, die überall Geld fanden und es „ehrlicher Syrer“ sofort zurückgaben, ja noch was drauflegten.

Diese Märchen haben wir lange nicht gehört. Und auch das Märchen, was für ein unglaubliches Potential am Fachwissen da in unser Land strömt: Goldstücke wurde länger nicht mehr aufgeführt, höchstwahrscheinlich wegen der Meldungen über falsche Ärzte von der Photoshop Universität, mangelnde Kenntnisse und ganz wichtig: Mangelndes Interesse, im Volksmund „Null Bock“ genannt.

„Merkel gibt mir dieses Haus“-Ahmed aus Pinneberg, der lieber bei seinen Kinder und seinen Frauen bleibt, anstatt zu arbeiten, ein vorläufiger Höhepunkt dieser Groteske.

Doch nun hat der Focus die Umfrage der Beratungsgesellschaft EY vorliegen, mit der man sich aber nicht viel Mühe gemacht hat. Man hat die Agenturmeldung von DPA ein wenig „eingepasst“. Auch der DPA-Redakteur ist nicht gerade ins Schwitzen gekommen, denn der hat das Gleiche mit der Pressemeldung gemacht, die er von EY bekommen hat, der Agentur, die die Pressemeldung „Fachkräftemangel bremst Mittelständler aus: Umsatzeinbußen von mehr als 50 Milliarden Euro“ zu ihrer Umfrage „Mittelstandsbarometer: Fachkräftemangel und Flüchtlingsintegration“ herausgegeben hat. Ist also eigentlich keine Geschichte sondern eine Presseerklärung.

Einzig und allein hat Focus den Focus auf „Flüchtlinge“ etwas verstärkt.

EY hört sich ja sehr hip an so nach Startup „EY Alder“, doch EY ist der neue Name der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernest & Young, alt, reich mächtig. Nach ein paar Skandälchen zu viel, man hatte unter anderem Lehmann noch kurz vor der Pleite glänzende Zahlen bestätigt, wollte man einen „Neuanfang“.

Dieser wirtschaftliche Gigant hat aber auch unter EY schon für Irritationen gesorgt. Insofern alter Wein in neuen Schläuchen auch wenn EY ein Zusammenschluss vieler Einzelunternehmen ist und: „Keine pauschale Beschuldigung.“ Mit ihren Prognosen lagen die durchaus schon mal daneben. Nur mal vorweg.

Doch was steht den nun in der Umfrage?

Frage 1: „Rechnen sie damit, dass Flüchtlinge in Deutschland mittelfristig dazu beitragen werden, den Fachkräftemangel in Deutschland zu mildern?“

Focus: Zwei Drittel sind der Ansicht, dass geflüchtete Menschen mittelfristig dazu beitragen werden, den Fachkräftemangel zu mildern?

Presseerklärung EY etwas ausführlicher: Zwei Drittel der Mittelständler glauben, dass Flüchtlinge mittelfristig dazu beitragen werden, den Fachkräftemangel zu mildern – zehn Prozent gehen sogar von einer erheblichen Verbesserung der Fachkräftesituation durch die Flüchtlinge aus.

Die Studie:

Bild: Studie Mittelstandsbarometer: Fachkräftemangel und Flüchtlingsintegration (Im Text verlinkt)

Nun könnte man, wenn man das Diagramm ausliest, genau so gut behaupten, 90 % aller Mittelständler erwarten keine Besserung ihrer Situation durch die Flüchtlinge. Sicher ist die Zahl derer, die gänzliche ablehnend reagieren, zurück gegangen, aber diesen Optimismus, muss man erst mal rauslesen. Es kommt im Wesentlichen darauf an, wo man das schwammige „geringfügig“ einordnet.

Frage 2: „Arbeiten in Ihrem Betrieb Flüchtlinge, bzw. würden Sie Flüchtlingen Arbeit in ihrem Betrieb geben?“

Focus und EY quasi deckungsgleich:

„Die Zahl mittelständischer Betriebe, die Flüchtlinge beschäftigen, nahm zudem deutlich zu. Waren es vor einem Jahr noch 16 Prozent der Unternehmen, ist es nun bereits mehr als jeder vierte mittelständische Betrieb (27 Prozent). Weitere 52 Prozent der Betriebe sind demnach grundsätzlich bereit, Geflüchtete zu beschäftigen. Zehn Prozent der befragten Unternehmen lehnten dies grundsätzlich ab.“

Die Studie:

Bild: Studie Mittelstandsbarometer: Fachkräftemangel und Flüchtlingsintegration (Im Text verlinkt)

An der Stelle wären absolute Zahlen aussagekräftig. Je geringer die Gesamtzahl, umso höher die prozentuale Steigerungen. Was ist mit den 52 % der Betriebe, die Flüchtlinge einstellen würden, es aber nicht tun. Qualifikationsprobleme?

Frage 3: Was sind ihrer Meinung nach die größten Hürden bei der Einstellung von Flüchtlingen?

Auch hier Focus und Presseerklärung EY nahezu wortgleich:

„Als wichtigstes Einstellungshindernis für Flüchtlinge sehen die Unternehmen weiter mangelnde Deutschkenntnisse: 83 Prozent nannten dies als größtes Problem – so viele wie im vergangenen Jahr. Weitere Hindernisse sind mangelnde Qualifikation (55 Prozent; Vorjahr: 46 Prozent) und hoher bürokratischer Aufwand (34 Prozent; Vorjahr: 37 Prozent).

Die Studie:

Bild: Studie Mittelstandsbarometer: Fachkräftemangel und Flüchtlingsintegration (Im Text verlinkt)

Eigentlich der entscheidende Punkt. Die meisten „Flüchtlinge“ sind keine Fachkräfte, vielfach können sie nicht einmal deutsch. So ist das bei 83% der Befragten auch DAS Einstellungshindernis. Und da hat sich auch in der Einschätzung der Mittelständler nichts geändert. Die mangelnde Qualifikation als Hinderungsgrund wird sogar mit 55 % höher eingeschätzt als im Vorjahr (46 %). Erfahrung?

Das sind die aussagekräftigen Zahlen. Die optimistischen Ideen des einzigen zitierten Experten und gleichzeitigem Macher der Umfrage, Michael Marbler (Partner bei EY und verantwortlich für den Bereich Mittelstand) wirken doch etwas selbstreferentiell und gehen an dieser Kernaussage vollkommen vorbei. Allenfalls Wunschdenken:

„Die Integration von geflüchteten Menschen in den Arbeitsmarkt erfordert sowohl Zeit als auch Geld. Dies kann am Ende für den deutschen Mittelstand aber ein lohnendes Investment im Kampf gegen den Fachkräftemangel sein – schließlich ist nirgendwo sonst ein so großes Potenzial an möglichen Beschäftigten zu finden“.

Eine realistische Zusammenfassung der Umfrageergebnisse:

Die deutschen Mittelständler brauchen Fachkräfte. Wegen mangelnder Sprachkenntnisse und geringer Qualifikation scheint es unwahrscheinlich, dass „Flüchtlinge“ diese Lücke schließen können, ob wohl bereits einzelne in mittelständischen Betrieben arbeiten. Wie erfolgreich? Da ist es für eine Bewertung noch zu früh.

Und da geht es hin das Fachkräftemärchen. (HA)

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