Kaiser Wilhelm, Marx und Merkel als Voodoo-Master

Foto: Durch Marzolino/Shutterstock
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Die bisherigen Versuche Afrika zu retten sind Mißerfolge von epischen Ausmaßen gewesen. Der Kolonialismus, der afrikanische Sozialismus und die Entwicklungshilfe stehen vor einem riesigen Scherbenhaufen. Alle sozialklempnerischen Versuche sind an Hexenglauben, Magie, Islam, Kannibalismus, Sklaverei, Stammesdenken, Häuptlingsgier und Patriarchat gescheitert. Hier die Kostprobe einer Kopfschmerzbehandlung, welche einen Zug von Selbstironie hat.

Von Wolfgang Prabel

Die „Kulturarbeit“ der Kolonialmächte ist schon vor langer Zeit gescheitert. Walter Rathenau wollte nach einer Reise nach Deutsch-Ostafrika das Schutzgebiet auf den Kopf stellen: Ganz im Mainstream gefangen schrieb er, daß wir hoffen dürfen, „daß die Erziehung zur Kolonisation abermals dem deutschen Geist ein Gebiet erschließen werde, das seiner irdischen Mission entsprechen werde.“

So hochfahrende Töne waren um 1900 schon sehr selten geworden. Nach einigen Jahrzehnten Erfahrungen im drückenden tropischen Klima und mit untereinander derb verfeindeten Stämmen buken die Beamten und Soldaten vor Ort deutlich kleinere Brötchen. Eine Mischung aus Pragmatismus und Realismus machte sich breit. Mißstände wurden mehr verwaltet, als bekämpft. Im Sammelband „Die deutschen Kolonien in Wort und Bild“ aus dem Jahre 1907 habe ich folgendes im Vorwort gefunden:

„Erfahrene Kaufleute, die schon seit langen Jahren an ferne Küsten sich herangewagt hatten, wagelustige andere, die es ihnen gleichtun wollten, und von des neuerstandenen Deutschen Reiches Größe begeisterte Feuerköpfe taten (…) diesen Schritt (Kolonien zu erwerben). Die Regierenden folgten ihnen, zögernd und bedächtig, das ungewohnte Wagnis sorgfältig erwägend. Und ein Wagnis war es wahrlich zu nennen. Denn gering war damals die Zahl derer, die aus eigener Anschauung die neu gewonnenen fernen Lande kannten, gering war auch das Wissen in Deutschland, wie so weit entlegene Außenländer zu verwalten seien… Nicht ganz zu unrecht wird den damaligen Kolonialpionieren Phantasterei und blinde Begeisterung von den Gegnern vorgeworfen.“ Es habe sich ein gewisser Abenteuerdrang mit einer Konquistadorenstimmung vermischt.

Wenige Jahre später hatte Deutschland den Ersten Weltkrieg und die Kolonien verloren, die maladen “Togolesen“ mußten ein ganzes Jahrhundert auf Dr. Merkel warten, um wieder am deutschen Wesen zu genesen.

Karl Marx wollte die Dritte Welt nicht mit Soldaten und Beamten, sondern mit Eisenbahnen und Industrien retten. In seinem Artikel (MEW Bd. 9. S. 220 ff) „Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien“ phantasierte er sich ein asiatisches „little England“ zusammen:

„England hat in Indien eine doppelte Mission zu erfüllen: eine zerstörende und eine erneuernde – die Zerstörung der alten asiatischen Gesellschaftsordnung und die Schaffung der materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordnung in Asien.
(…) Die im Gefolge des Eisenbahnsystems entstehende moderne Industrie wird die überkommene Arbeitsteilung und damit die Grundlage der indischen Kasten aufheben, die Indiens Fortschritt und Indiens Machtentfaltung so entscheidend behindert haben.
(…) Auf jeden Fall aber können wir mit aller Bestimmtheit erwarten, in mehr oder weniger naher Zukunft Zeugen einer Erneuerung dieses großen und interessanten Landes zu sein (…) Die bürgerliche Periode der Geschichte hat die materielle Grundlage einer neuen Welt zu schaffen: einerseits den auf der gegenseitigen Abhängigkeit der Völker beruhenden Weltverkehr und die hierfür erforderlichen Verkehrsmittel, andererseits die Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte und die Umwandlung der materiellen Produktion in wissenschaftliche Beherrschung der Naturkräfte.

Bürgerliche Industrie und bürgerlicher Handel schaffen diese materiellen Bedingungen einer neuen Welt in der gleichen Weise, wie geologische Revolutionen die Oberfläche der Erde geschaffen haben.“

Schon damals die Hoffnungen Globalisierung und Industrialisierung. Der Glaube, Phantasterei und blinde Begeisterung von Feuerköpfen sind nicht totzukriegen, wie man am 12. Juni vergangenen Jahres feststellen konnte, als Dr. Merkel ihre große Afrika-Show beim Kampf gegen Fluchtursachen durchzog:

„Unsere wirtschaftlichen Beziehungen bilden ein immer engmaschigeres Netz rund um den Globus. Durch das Internet wissen wir inzwischen viel mehr voneinander, als das früher der Fall war. Kontakte zu knüpfen und Kontakte zu pflegen – das ist kaum mehr eine Frage der Entfernung. In einer solchen Entwicklung stecken natürlich ungeheure Chancen. (Und keine Risiken, Frau Dr. Merkel?) Das heißt aber auch: Wir müssen eine nachhaltige und inklusive wirtschaftliche Entwicklung für die gesamte Welt hinbekommen. Ein einzelner Staat allein kann da wenig bewirken. Aber Globalisierung ist kein Schicksal, dem wir uns tatenlos fügen müssen. Nein, wir brauchen partnerschaftliche Ansätze.

Mit der Agenda 2030 ist uns etwas Großartiges gelungen, weil sich alle Länder dieser Erde auf einen gemeinsamen Entwicklungspfad verständigt haben. Anders, als es bei den Millenniumsentwicklungszielen der Fall war, mit denen man bestimmte Ziele für die Entwicklungsländer definiert hat, sind diesmal alle Länder – die entwickelten und die Entwicklungsländer – Teil dieser Agenda 2030.“

Die Ziele für nachhaltige Entwicklung dieser Agenda 2030 sind übrigens sehr kleinteilig, um zahlreichen NGOs und Weltverbesserern aller Couleur nie enden wollende Arbeit zu bescheren:

1.    Armut beenden – Armut in all ihren Formen und überall beenden
2.    Ernährung sichern – den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern
3.    Gesundes Leben für alle – ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern
4.    Bildung für alle – inklusive, gerechte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten des lebenslangen Lernens für alle fördern
5.    Gleichstellung der Geschlechter – Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen
6.    Wasser und Sanitärversorgung für alle – Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung für alle gewährleisten
7.    Nachhaltige und moderne Energie für alle – Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher, nachhaltiger und zeitgemäßer Energie für alle sichern
8.    Nachhaltiges Wirtschaftswachstum und menschenwürdige Arbeit für alle – dauerhaftes, breitenwirksames und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle fördern
9.    Widerstandsfähige Infrastruktur und nachhaltige Industrialisierung – eine widerstandsfähige Infrastruktur aufbauen, breitenwirksame und nachhaltige Industrialisierung fördern und Innovationen unterstützen
10.    Ungleichheit verringern – Ungleichheit in und zwischen Ländern verringern
11.    Nachhaltige Städte und Siedlungen – Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig gestalten
12.    Nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen – nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen
13.    Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen – umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen ergreifen
14.    Ozeane erhalten – Ozeane, Meere und Meeresressourcen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung erhalten und nachhaltig nutzen
15.    Landökosysteme schützen – Landökosysteme schützen, wiederherstellen und ihre nachhaltige Nutzung fördern, Wälder nachhaltig bewirtschaften, Wüstenbildung bekämpfen, Bodendegradation beenden und umkehren und dem Verlust der biologischen Vielfalt ein Ende setzen
16.    Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen. Friedliche und inklusive Gesellschaften für eine nachhaltige Entwicklung fördern, allen Menschen Zugang zur Justiz ermöglichen und leistungsfähige, rechenschaftspflichtige und inklusive Institutionen auf allen Ebenen aufbauen
17.    Umsetzungsmittel und globale Partnerschaft stärken – Umsetzungsmittel stärken und die globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung mit neuem Leben füllen

Die Kolonialherren und Karl Marx hatten dagegen überschaubarere Zielstellungen und sind an den Machtverhältnissen, den Traditionen und Mentalitäten der Dritten Welt gescheitert. Das beeindruckt Dr. Merkel nicht, die sich allen Ernstes in 17 Tätigkeitsfeldern verzetteln will. Sie lebt in der Hybris der Machbarkeit und Horizontlosigkeit. Nun ist sie halt da:

„Auf dieser Grundlage haben wir für unsere G20-Präsidentschaft das Motto „Eine vernetzte Welt gestalten“ gewählt. Das G20-Treffen wird in Hamburg stattfinden. Wir haben dafür ein Symbol aus der Seefahrt genommen, nämlich den sogenannten Kreuzknoten. Je stärker die Kräfte an ihm ziehen, umso fester hält dieser Knoten. Er symbolisiert die Vernetzung unserer Länder.“

Früher war es eine Heldentat einen verhexten Knoten zu lösen. Am Streitwagen des phrygischen Königs Gordios war die Deichsel mit dem Zugjoch unlösbar verknotet. Alexander der Große hat den gordischen Knoten mit einem legendären Schwertstreich durchschlagen. Merkels Strategie besteht im Gegensatz dazu daraus Deutschland in unlösbare Knoten zu verheddern.

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