Abt. Stilfragen: Die Wortwahl

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Herr Strauß und sein politisches Erbe (Foto: Collage)

Was wir hier in diesem Land brauchen, sind mutige Bürger, die die roten Ratten dorthin jagen, wo sie hingehören – in ihre Löcher.“  – Franz Josef Strauß in der „Welt“, 23.09.1974

Ohne ihn wäre die deutsche Politik langweiliger gewesen.“ – Willy Brandt in seinen Erinnerungen, 1989, über Franz Josef Strauß

Ein Plädoyer für deutliche Sprache.

von Max Erdinger

Die Aschermittwochsrede von André Poggenburg (AfD) wirkt nach. Auch in konservativen Kreisen wird beklagt, daß sich Poggenburg aufgeführt habe wie der Elefant im Porzellanladen und sozusagen „mit seinem Arsch die Auslage abgeräumt“ habe, die andere AfD-Funktionäre kunstvoll ins Schaufenster drapiert hatten. André Poggenburg hatte Türken als „Kümmelhändler“ und „Kameltreiber“ bezeichnet. Völlig untergegangen ist in der allgemeinen Empörung über Poggenburg, in welchem Zusammenhang seine Worte gefallen waren. Türkische Verbände in Deutschland hatten sich zuvor erdreistet, daran herumzumäkeln, daß es im Falle einer neuerlichen GroKo erstmals ein „Heimatministerium“ geben soll. Und das, obwohl auch türkischen Verbänden klar gewesen sein dürfte, daß ein „Heimatministerium“ in der Zuständigkeit Seehofers näher am „Heimatmuseum“ als an dem Wort „Ministerium“ anzusiedeln sein dürfte. Im Grunde reduziert sich die Kritik der türkischen Verbände auf den Gebrauch des Wortes „Heimat“, wenn es von Deutschen für ihr eigenes Land verwendet wird. Daß sich in der Merkelrepublik irgendetwas ändern würde für sie, weil Horsti von Angela zu seiner Modelleisenbahn im Keller ein passendes Heimatministerium geschenkt bekommen soll, – das können nicht einmal „Kameltreibende“ unterstellen. Es handelte sich um eine kleine Provokation zur eigenen Rückversicherung darüber, wie weit man sich als türkischer Verband in Deutschland folgenlos aus dem Fenster lehnen kann. Die Antwort lieferten Poggenburgs Kritiker: Sehr weit.

„Niveau“ ist ein anderer Begriff, der im Zusammenhang mit Poggenburgs Aschermittwochsrede von seinen Kritikern gerne verwendet wird. Man solle sich in der AfD nicht auf das niedrige Niveau des politischen Gegners herablassen, der in seiner ganzen Empörung vergessen zu haben scheint, daß die Bezeichnung Alice Weidels als „Nazischlampe“, gerichtlich abgesegnet, für zulässig erklärt worden ist – und daß Sigmar Gabriel straflos Teile des Volks als „Pack“ bezeichnen durfte, welches hinter Schloß und Riegel gehöre.

Meiner Meinung nach wird dabei ein wesentlicher Punkt unter den Tisch fallen gelassen. So zuverlässig kommt nämlich die Empörung der etablierten Schmähredner immer dann, wenn ein AfD-Mitglied sprachliches Niveau vermissen läßt, daß sich für die AfD jedesmal die Gelegenheit böte, das Thema vom Niveau weg – und hin zur etablierten Bigotterie zu lenken. Meinereiner fände es schade, wenn man diese Gelegenheiten nicht nutzen würde.

Ein anderer Punkt ist, daß sich das gemeine Volk im Alltag selbst wenig Beschränkungen auferlegt, wenn es darum geht, seinem Unmut Luft zu machen. Da reicht es unter Umständen schon, daß einer verpennt, wie die Ampel grün wird, damit der Hintermann ein „verpenntes Arschloch“ als Stoßseufzer von sich gibt. So gesehen könnte es durchaus sein, daß sich das Wahlvolk dann, wenn es die Empörung über Poggenburg aus dessen eigenen Reihen mitbekommt, fragt, was der AfD eigentlich wichtiger ist: Rhetorische Schönheit oder Volksnähe.

Ganz generell wäre zu fragen, ob es sich bei den bundesdeutschen Empörungsritualen, die inzwischen mit der Reflexhaftigkeit eines Pawlowschen Hundes erfolgen, nicht um das eigentliche Übel handelt. Wenn man sich anschaut, welche Grobheiten früher noch von Franz Josef Strauß und seinen Gegnern vom Stapel gelassen werden konnten, ohne daß sich irgendwer im heute üblichen Ausmaß darüber echauffiert hätte, stellt sich unweigerlich die Frage, ob die zur Schau gestellte Empörung heute tatsächlich einen ehrlichen Kern hat, oder ob es sich dabei nicht viel eher um eine Attitüde handelt, welche die Absicht hinter der aufgesetzten Empörung verschleiern soll. Inhaltlich hätte sich an der Rede Poggenburgs nichts geändert, wenn er seine „Kümmelhändler“ und „Kameltreiber“ durch „niveauvollere Begriffe“ ersetzt hätte. Poggenburg ist offensichtlich wütend auf die türkischen Verbände gewesen. Weil nun Wut ein legitimes Gefühl ist, sehe ich keinen Grund, warum man sich nicht so ausdrücken soll, als sei man wütend. Natürlich könnte man seine Wut auch in geistreichem Sarkasmus ausdrücken. Aber soll man wirklich „müssen müssen“?

Mir zumindest ist jeder Flegel lieber, der mir seine Ansichten unverblümt „ins Gesicht rotzt“, als ein „Höflicher“, der rhetorisch gekünstelt um den heißen Brei herumredet. Worum es ihm geht, interessiert mich, nicht, wie er sich ausdrückt. Die „Niveau-Attitüde“ halte ich auch in einem anderen Punkt für hinderlich. Es soll ja angeblich der Haß bekämpft werden, was aber nicht stimmt. Den Haß bekämpft hierzulande niemand. Die Hasser werden bekämpft! Und zwar gerne von denselben Leuten, die den Haß vorher generiert haben. Und das halte ich für das Hinterfotzigste überhaupt: Leute zuerst so lange zu piesacken, bis sie explodieren – und ihnen als nächstes dafür eine überzubraten, daß sie explodiert sind. Da werden mit sadistischer Absicht Ursache und Wirkung vertauscht. Wer den Haß generiert, ist die Sau, nicht derjenige, der darauf reagiert.

In Anbetracht all´dessen plädiere ich deshalb dafür, die Disziplinierungsspielchen des politischen Gegners einfach nicht mitzumachen, sondern seine aufgesetzte Empörung immer wieder zu nutzen, sie ihm publikumswirksam ins eigene Maul zurückzustopfen. Man muß es ja nicht übertreiben. Aber die unaufrichtige Hysterie, die inzwischen jedesmal einsetzt, wenn mal einer etwas überdeutlich geworden ist, erinnert mich doch sehr an die willfährige Unterordnung unter eine despotische Kindergartenschwester in einer politisch korrekten Kita. Und das ist unter der Würde von unsereinem, möchte ich meinen.

Der Genscher ist eine armenische Mischung aus marokkanischem Teppichhändler, türkischem Rosinenhändler, griechischem Schiffsmakler und jüdischem Geldverleiher und ein Sachse.“ – Franz Josef Strauß über Hans Dietrich Genscher, 1978 – JAUL!

 

 

 

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