Deniz-Superstar mit Doppelpass – die jouwatch-Presseschau

Foto Collage (Bild: Collage: jouwatch)

Der Mann mit der linken Klappe, Deniz Yücel, ist frei und kann nun in sein gehasstes Deutschland, dass ihm eine hervorragende Karriere geboten hat (von der taz bis zur Welt) zurück und von dort aus weiter pöbeln. Ein Buch wird auf den Markt kommen, mindestens 30 Talkshows sind garantiert. Eine Haftentschädigung, die nicht jedem Deutschen, der in der Türkei zu unrecht in den Knast gesteckt wurde, gewährt wird. Die elitären Medien feiern nun einen der ihren, das sollten wir ihnen gönnen, obwohl das Theater um den linksradikalen Text-Halunken ziemlich übertrieben ist.

Hier die jouwatch-Presseschau:

Lassen wir Deniz Yücel erst mal selber zu Wort kommen:

PI NEWS

Der umstrittene türkisch-deutsche „Welt“-Journalist Deniz Yücel kommt nach einem Jahr aus türkischer Haft frei. Der mediale Mainstream jubelt. Liefert jetzt Merkel im Gegenzug deutsches Panzer-Knowhow an die Türkei?

Man wünscht zwar niemandem Gefängnis, wenn die Anklage unklar ist, aber die Freilassung des Deutschlandverächters Yücel aus türkischer U-Haft ohne Ausreisesperre hinterlässt aus mehrfacher Sicht einen faden Beigeschmack.

Erster Grund: einen Tag, nachdem der türkische Ministerpräsident Yildirim in Berlin mit Kanzlerin Merkel gesprochen hat, wird Yücel freigelassen. Solche Zufälle gibt es nicht.

Zweitens: zur möglichen Freilassung Yücels wurden von türkischer Seite schon Tage vorher positive Signale gesendet. Etwa, wenn  Yildirim orakelte, dass in jedem Haftprüfungstermin eine Chance für den Angeklagten liege.

Drittens: der Besuch Yildirims gestern in Berlin gab nach einhelliger Meinung der beobachtenden Journalisten keinen wirklichen Sinn, außer dass viel über die künftige Verbesserung der gegenseitigen Beziehungen schwadroniert wurde. Im Nachgang kann man annehmen, dass der Berlinbesuch aus der Türkei nur Höhepunkt einer lange vorbereiteten Inszenierung war zum Zwecke der Freilassung von Deniz Yücel. Die Kanzlerin als Kämpferin für die Meinungsfreiheit. Die Mainstreammedien, allen voran die Springer-Presse, werden ihr Kränze binden.

Viertens: Die Frage ist, was kostet die Deutschen seine Freilassung? Die Kanzlerin bemühte sich auf der Pressekonferenz am Donnerstag zwar, alle Zweifel an einem „hässlichen Panzerdeal“ zu zerstreuen, aber die Paukenschläge der Freilassung kommen zu zeitnah, um den Beteuerungen Merkels Glauben zu schenken. Yücel besorgte sich  schon vorher taktisch geschickt eine moralisch saubere Weste, als er einen Deal medienstark abgelehnte.

Fünftens: Zweifel daran, dass die Freilassung Yücels ohne Gegenleistung erfolgt ist, beißt sich mit der gegenwärtigen Situation der Türkei. Erdogan führt Krieg an der kurdischen Grenze und setzt dort deutsche Panzer ein. Die veralteten deutschen Leos benötigen dringend Nachrüstung durch deutsches Panzer-Knowhow. Ein Schelm ist, wer keine Verbindung zwischen Freilassung und wehrtechnischer Hilfe sieht.

Es muss auch daran erinnert werden, dass gegenwärtig über 40 Personen mit deutschem oder Doppelpass in der Türkei inhaftiert sind. Was ist mit diesen Leuten, sind sie ein Faustpfand in Erdogans Händen?

Fazit: Wir wissen nicht, ob der Waffenexporteur Rheinmetall schon in Habacht-Stellung steht. Der Anruf aus dem Bundeskanzleramt via Außenministerium kommt aber bestimmt. Hat aber nix mit nix zu tun.

Thomas Heck

Deutschland hat sich verraten, Merkel hat kein Rückgrat. Sie ist vor der SPD für den eigenen Machterhalt eingeknickt. Genauso im Umgang mit der Türkei. Das jedenfalls sind u.a. die Wertungen der Medien bezüglich der Merkelschen Kriecherei vor einer faschistischen Türkei. Und man wundert sich schon, wie es die Kanzlerin ohne Rückgrat überhaupt schafft, aufrecht zum Rednerpult zu gehen und Freundschaft oder besser gesagt Friede, Freude, Eierkuchen mit der Türkei zu heucheln.

Schlimm genug, dass die von uns für den Kampf gegen den IS immerhin mit Waffen belieferten Kurden nunmehr von deutschen Waffen in türkischer Hand massakriert werden,  die modernisiert wurden, um ausgerechnet einen Schmutzlappen wie Deniz Yücel freizubekommen, der uns Deutsche sowieso nicht leiden kann.

Schlimm genug auch, dass Erdogan spätestens jetzt gemerkt hat, wie leicht Deutschland zu erpressen ist. Dies könnte deutsche Journalisten künftig noch mehr zur Zielscheibe machen, spätestens, wenn wieder Ersatzteile für deutsche Leopard-Panzer benötigt werden.

Und während Deniz Yücel mit einem Regierungsflieger nach Hause geflogen wurde, denke ich über diese krasse Ungleichbehandlung nach, denn den Familienangehörigen der Anschlagsopfer vom Breitscheidplatz wurde nicht mal ein Taxi zur Trauerfeier zugestanden. Was für ein Drecksstaat…

Tagesspiegel

…Zum anderen ist im Fall Yücel aber auch ein erschreckender „Geschieht ihm recht“-Reflex in Deutschland zu konstatieren. Denn es gab hierzulande nicht nur eine breite Unterstützung für den seiner Freiheit beraubten Journalisten, sondern auch eine bemerkenswerte Gehässigkeit ihm gegenüber..Anlass waren zwei umstrittene ältere Kolumnentexte Yücels in der „taz“, ein bitterböser über Thilo Sarrazin, der sich vor Gericht erfolgreich dagegen wehrte, ein satirischer über Deutschland, das sich dem Wunsch des Autors nach einem „baldigen Abgang“ bis heute hartnäckig widersetzt. Dafür wünschten ihm nicht wenige, die sich ansonsten als aufrechte Demokraten geben, einen noch längeren Aufenthalt im türkischen Gefängnis, zumal ihm ja Deutschland nicht passe, und stellten das Engagement für Yücel deshalb in Frage. Solche Leute sind Erdogan ähnlicher als sie denken – die Pressefreiheit ist nicht nur am Bosporus jeden Tag zu verteidigen.

BILD

…In seinen „taz“-Kolumnen provozierte er und eckte an, vor allem in der Konfrontation mit Buchautor Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“). Doch als Türkei-Korrespondent blieb er bei aller kritischen Distanz zur Regierung in Ankara sachlich…

FAZ

…Markiert die Entlassung Yücels eine Trendwende in Erdogans Politik, wenigstens im Verhältnis zu Berlin? Freigelassene Geiseln machen noch keinen Frühling. Es sitzen weitere Deutsche aus politischen Gründen in Erdogans Verließen, von den Abertausenden Türken ganz zu schweigen.

…Es hat hier und da Vermutungen gegeben, dass zum Beispiel die zurückhaltende Reaktion Berlins auf die jüngste türkische Militär-Attacke im syrischen Afrin etwas mit dem Fall Yücel zu tun haben könnte. Es hat Äußerungen von Gabriel gegeben, die in Sachen Rüstungslieferungen zumindest Interpretationsspielraum ließen. Und auch das teils rigide Vorgehen deutscher Behörden gegen kurdische Demonstranten dürfte Ankara ganz gut gefallen haben.

Es war und ist gut, mit den Vertretern des Erdogan-Regimes immer wieder zu sprechen. Es wäre gar nicht gut, wenn dies mit einer „Normalisierung“ verbunden wäre, die zum alten Zustand zurückführt: Erdogan hält uns per EU-Türkei-Abkommen die Flüchtlinge vom Hals, und dafür bekommt er ein paar schöne Waffen – und wenn die Journalisten, die er einsperrt, keine deutschen Staatsbürger sind, schaut eh kaum jemand hin. Das wäre das Letzte, was Deniz Yücel wollte…

TAZ

…Tatsächlich war die U-Haft von Deniz Yücel, den Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan im letzten Jahr bereits als „Agenten und Terrorpropagandisten“ vorverurteilt hatte, der türkischen Regierung mehr und mehr zur Last geworden. Die Bundesregierung warnte deutsche Touristen vor Reisen in die Türkei, sorgte in Brüssel dafür, dass die Verhandlungen über eine Ausweitung der Zollunion, auf die die Türkei seit Langem hofft, gestoppt wurden und verhängte auch einen Stopp für Rüstungslieferungen in die Türkei. In Berlin wird nun gerätselt, ob, und wenn ja welche Gegenleistung die Bundesregierung für die Freilassung von Yücel in Aussicht gestellt hat.

Der geschäftsführende Außenminister Sigmar Gabriel (SPD), der die Gespräche mit seinem türkischen Kollegen aber auch mit Präsident Erdoğan geführt hatte, sagte dazu am Freitagnachmittag in Berlin: „Ich kann Ihnen versichern, es gibt keine Verabredungen, Gegenleistungen oder Deals in diesem Zusammenhang.“ Es sei ausschließlich um die Frage gegangen, wie man das Verfahren beschleunigen könne. Deniz Yücel selbst hatte kürzlich in einem dpa-Interview darauf gepocht, dass er nicht aufgrund eines Rüstungsdeals freikommen wolle.

In der Türkei kursierten in den sozialen Medien Vermutungen, die Freilassung könnte ein Gegengeschäft mit der Freilassung eines Erdoğan-Vertrauten in Deutschland sein, der hier im Gefängnis saß. Es wurde auch ein Zusammenhang hergestellt zur Einstellung der Verfahren, die die Bundesanwaltschaft gegen 16 von der türkischen Religionsbehörde Dianet nach Deutschland entsandten Imame wegen Spionage geführt hatte.

Kanzlerin Merkel sagte in ihrer Stellungnahme dazu nur, die Gespräche mit der türkischen Regierung seien offenbar nicht ohne Nutzen gewesen. Ansonsten freue sie sich natürlich über die Freilassung und grüßte Deniz Yücels Frau Dilek und die Familie in Flörsheim, „die ja ein sehr schwieriges Jahr Trennung aushalten mussten“…

Welt

…Dass Deniz am Freitag sein Leben im Gefängnis hinter sich lassen konnte, verdankt er der Arbeit der Bundesregierung, insbesondere des Kanzler- und Außenamtes, aber auch jener bunten, ungewöhnlichen Mischung von Freunden und Aktivisten, die sich für Deniz im Speziellen und für die Presse-, Meinungs- und Kunstfreiheit im Allgemeinen starkgemacht haben.

Diese Schar von Leuten kam aus allen politischen Lagern, abseits der Rechten und der galligen Yücel-Hasser der AfD, und hat Zeugnis abgelegt, dass Freiheit das höchste Gut der Menschen ist. Und wenn man so will: Die Realpolitik hat das eine getan, aber dass Deniz so lebendig geblieben ist in allen Diskussionen, war das Verdienst einer unglaublich tollen, solidarischen, für Pressefreiheit und Meinungsfreiheit einstehenden zivilgesellschaftlichen Bewegung, auf die ich als eine der schönsten Erfahrungen meines Berufslebens zurückblicke…

ZEIT

…Jetzt dankte Gabriel in einer offiziellen Erklärung seines Ministeriums „ausdrücklich der türkischen Regierung für ihre Unterstützung bei der Verfahrensbeschleunigung“ und sprach darin von vielen direkten Gesprächen mit Regierungsvertretern in Ankara – „in zwei Fällen auch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan“. Besonders dankte der Außenminister seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Çavuşoğlu, „der diese Kontakte und Gespräche und vor allem die Beschleunigung des Verfahrens deutlich gemacht hat“, sowie der Kanzlerin „für ihr Vertrauen in die Arbeit des Auswärtigen Amtes in diesem schwierigen Fall“. Dies sei „ein guter Tag für uns alle“…

 

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