Zerlegt: Der Heimat-Schreiber von der ZEIT

Heimat (Foto: Max Erdinger)

Der goldfarbene Schmiergriffel geht diese Woche an ZEIT-ONLINE. Daniel Schreiber, Jahrgang 1977, schlägt vor, das Wort „Heimat“ dem „rechten Rand zu überlassen.“ Eine geharnischte Medienkritik.

von Max Erdinger

Alle Zitate kursiv. – „Heimatministerium: Deutschland soll werden, wie es nie war.

… mein lieber Schreiber: Wenn Deutschland so werden soll, wie es nie gewesen ist, kann man nicht wissen, wie es mal werden soll. Logisch, oder? Was gibt´s also zu meckern? Wieder logisch: Deinereiner weiß genau, wie Deutschland werden soll. Nämlich so, wie es gewesen ist. Das ist es, was Deinemeinen nicht paßt. Aber soviel kann ich versichern: Meinereiner kennt Deutschland schon lange und weiß, wie es gewesen ist. Versuche er Jungspund also besser nicht, mir zu erzähen, es sei alles ganz anders.

„Heimat“ ist kein politisch unschuldiger Begriff, daran ändert ein Ministerium nichts.“

… und „Ministerium“ ist erst recht kein politisch unschuldiger Begriff. Dafür kann die Heimat überhaupt nichts.

Wir sollten das Wort dem rechten Rand überlassen.

… und nicht nur das Wort. Ihr linker Rand solltet am besten eure Heimat verlassen. Meinereiner würde es euereinem nicht mal verübeln, ehrlich. Schließlich würdet ihr nicht einmal wissen, von wo ihr euch wegbewegt habt. Ihr wärt völlig schmerzfrei einfach woanders, da, wo es ebenfalls keine Heimat für Euch gibt. Ihr könntet den „Bund der im Kopfe heimatlos Vertriebenen“ gründen und irgendwo Heimatlosentreffen veranstalten. In Papua-Neuguinea zum Beispiel. Ich kenne Leute, die euch One-Way-Tickets dorthin spendieren würden.

Von Daniel Schreiber

… ja, das habe ich jetzt schon mitbekommen. Jahrgang 1977, bis zum dreizehnten Lebensjahr sozialisiert worden in derselben Gemeinschaftsküche, in welcher anno dazumal  bereits unsere geliebte Kanzlerin als Fettauge auf der roten Suppe schwamm.

„Wir leben in einer rückwärtsgewandten Zeit.“

… ganz übel für den geübten „Vorwärts“-Leser. Schier nicht zum aushalten. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Ein Hoch auf die Partei! Man muß schon ein Linker sein, um qualitative Unterschiede zwischen „rückwärts“ und „vorwärts“ zu unterstellen. Wenn es mit der Gegenwart ist wie mit einem Parkplatz, vor dir die Mauer und links und rechts andere Autos, dann ist „rückwärts“ die einzige Möglichkeit, um vorwärts zu kommen. „Rückwärtsgewandte Zeit“ – geschenkt, Schreibermeister.

Donald Trump träumt von einer Mauer und will nach sowjetischem Vorbild Militärparaden durch Washington ziehen lassen„.

… in Zeiten um sich greifender Gesetzlosigkeit wegen fehlender Grenzen und korrupter Regime gibt es eine Menge anderer Leute außer Trump, die sich Mauern, Zäune und Grenzen wünschen. Zum Beispiel die Hinterbliebenen von Opfern jener um sich greifenden Gesetzlosigkeit. Es gibt auch Nationen, die ihre Grenzen schützen. Mauern haben immer Schutz geboten. Stadtmauern zum Beispiel. Deswegen hat man welche gebaut. Oder die chinesische Mauer. Oder die Berliner Mauer, die freilich keine Mauer gewesen ist, sondern urbaner Teil des „antiimperialistischen Schutzwalls“. Linke: Man muß Banane sagen, wenn man den Apfel meint, der eigentlich eine Zitrone ist. Und Trump will Militärparaden durch Washington ziehen lassen. „Sowjetisches Vorbild“ lassen wir einfach mal weg. Militärparaden sehen nämlich eine aus wie die andere.

In Russland hetzt man gegen Schwule, Lesben und Transgender, inhaftiert politische Gegnerinnen und Gegner und ermordet Medienschaffende.

… wer ist dieser „man“ in Rußland, der solche schrecklichen Sachen tut? In Rußland läßt man sich lediglich nicht von Gender-Gaga auf der Nase herumtanzen und denkt gar nicht daran, sich die politische Agenda von Minderheiten diktieren zu lassen. Was in Rußland jemand privat macht, interessiert dort niemanden. Allerdings gilt dort auch nicht das zivilwestreligiöse Dogma, demzufolge das Private politisch sei.

Daß Presseleute ermordet worden sind, läßt sich nicht bestreiten. Nicht klar ist, wer tatsächlich verantwortlich dafür ist. Presseleute wurden auch schon in ganz anderen Ländern inhaftiert oder ermordet. In Rußland werden Kremlkritiker nicht unbedingt deswegen ermordet, weil sie den Kreml kritisiert haben.

Bei uns in Deutschland sitzen heute Rechtsextreme im Parlament und unter Führung eines Mannes, der wiederholt durch rechtspopulistische Rhetorik von sich Reden gemacht hat, soll es demnächst sogar ein „Heimatministerium“ geben.

… was zweifelsfrei feststeht, ist, daß nicht erst seit heute Linksextremisten in den Parlamenten sitzen. Sehr zweifelhaft hingegen ist, ob es sich bei der AfD um Rechtsextreme handelt. Und Horst Seehofer ist nicht durch sein Reden gefährlich, sondern dadurch, daß er etwas anderes tut, als er sagt. Weil er aber ein verdienter und harmloser Geschwätzpolitiker ist – und weil ihn Merkel richtig einschätzt – , hat er zu der großen Modelleisenbahn in seinem Keller auch noch ein Heimatministerium bekommen. Damit die GroKo kommen kann – und damit er auf seine alten Tage noch folgenlos recht viel Freude an der Politik hat. Nie und nimmer wird sich Merkel für Seehofers Heimatministerium interessieren.

„(…) es ist auch kein Zufall, dass wir die Renaissance dieses Begriffs im Wesentlichen dem rechten Rand unserer Gesellschaft zu verdanken ist, der seit einigen Jahren immer lauter und breiter wird. Denn unsere heutige „Heimat“-Obsession ist nichts weiter als die deutsche Variante von Trumps Wahlspruch „Make America Great Again“ – der Wunsch, in eine idealisierte Vergangenheit zurückzukehren, die es nie gegeben hat. Sie ist eine Blüte des Rechtsrucks, der durch die Welt geht. Sie ist eine Gegenreaktion auf die Globalisierung und die Begleiterscheinung eines weltweit wachsenden Nationalismus. Der Begriff „Heimat“ wird heute von vielen Deutschen als eine Chiffre für Ausgrenzung gebraucht; er fungiert als das scheinbar menschliche Gesicht von Alltagsrassismus und als Vorwand für völkische Überlegenheitsfantasien. Nicht alle Menschen, die dieses Wort benutzen, gebrauchen es so. Doch viele Menschen meinen damit das und nichts anderes.

… aha, der rechte Rand wird immer lauter und breiter. Wie´s wohl kommt? Wie breit kann so ein Rand eigentlich werden, bis er kein Rand mehr ist? Und wieso „unsere“ Heimatobsession? Die von Schreiber ist es ja wohl nicht. Wenn „America great again“ gefragt ist, obwohl Amerika nie „great“ gewesen sein soll, – woher dann die grenzenlose Bewunderung Bismarcks für die Stadt Chicago, die er in den 1870ern unbedingt einmal hätte sehen wollen, weil ihm unglaublich imponierte, in welcher Windeseile nach dem großen Brand eine neue, viel prächtigere Stadt aus dem Boden gestampft worden war? Weil Amerika nie „great“ gewesen ist? Amerika ist sehr wohl die „greatest nation on earth“ gewesen. Und genau da will Trump sie wieder hinbringen. Sein Ziel jedoch liegt logischerweise in der Zukunft – wie alle Ziele.

Was aber meine Liebe zu meiner Heimat, ihren Landschaften, den Alteingesessenen, unseren Bräuchen und Überzeugungen, unserem Dialekt und unserer Küche angeht, – was in aller Welt hat das damit zu tun, daß Trump „America great again“ machen will? Amerika ist der Inbegriff für eine Nation von Leuten, die ihre Heimat verlassen haben. Deswegen nennt man es auch die „Neue Welt“.

Und selbstverständlich ist „Heimat“ ohne Ausgrenzung keine Heimat mehr. Die Bayern zum Beispiel sagen: „Mir san mir“.  Das heißt: Wer nicht zu uns gehört, der gehört woanders hin. Das ist perfekt. Die Welt ist groß genug für alle. Sie wird nicht größer dadurch, daß jeder überall herumwuselt. Wir bleiben da, wo wir sind – und die anderen bleiben da, wo sie sonst herkämen. Das hat einwandfrei funktioniert bisher. Wozu noch in die Fremde reisen, wenn man die Fremde schon in der Heimat hat? Heimat ist da, wo man herkommt. Und Heimat ist das, was man schmerzlich vermisst, wenn man längere Zeit nicht dort ist. Kein Heimweh ohne Heimat. Oder hatten sich alle, die je Heimweh hatten, in ihrem Schmerz getäuscht? Sie hatten gar keinen Schmerz, weil sie ja gar keine Heimat hatten? Was soll das Geschwätz, Schreiber?

Meinereiner hat auch kein völkisches Überlegenheitsgefühl wegen seiner Heimat. Ich habe nur eine Heimat. So, wie alle anderen auch. Das ist meine Heimat – und deren Heimat ist ihre. Und wer eine Heimat hat, der ist notwendigerweise auch insofern ein Rassist, als daß er weiß, welche Rasse zu seiner Heimat gehört und welche sich lediglich in seiner Heimat aufhält. Mit rassistischem Chauvinismus hat das aber nichts zu tun.

Es gibt in meiner Heimat Leute meines Alters, die einer Nachkriegsverbindung zwischen einem schwarzen amerikanischen GI und einer Einheimischen entstammen. Es sind wenige. Sie sind hier geboren, aufgewachsen und sie sprechen den hiesigen Dialekt. Niemand, den ich kenne, käme auf die Idee, zu behaupten, wir hätten keine gemeinsame Heimat. Wir haben allerdings auch eine recht noble Seniorenresidenz bei uns im Ort, in dem viele betuchte Alte von überall aus Deutschland ihren Lebensabend verbringen. Wenn man sie fragt, wo ihre Heimat ist, antworten sie nie mit „Hier“, sondern erzählen einem immer, wo sie früher gelebt und gearbeitet haben – und daß das ihre Heimat sei. Meine Heimat wird bis zu ihrem Tod nicht die ihre werden. Sie werden zwar in Deutschland, dennoch aber in der Fremde sterben.

Es kommt nicht auf die Hautfarbe an, sondern auf gemeinsam Erlebtes – oder überhaupt auf Gemeinsamkeiten. Mit irgendwelchen frisch importierten Nigerianern hat in meiner Heimat niemand etwas gemeinsam. Und daß wir alle Menschen sind, ist eine Binsenweisheit. Ein Dackel ist etwas anderes als ein Bernhardiner. Beide sind Hunde. Wo ist das Problem? Ich weiß, wo das Problem liegt: In Köpfen von Leuten wie Schreiber. Sie wollen partout nicht wahrhaben, daß es Unterschiede gibt. Die würden Messer, Gabeln und Löffel mit der Begründung nicht mehr getrennt einsortieren, daß sich die unterschiedlichen Fächer sowieso alle im selben Besteckkasten befinden.

Das ist es, was den Globalisierungsenthusiasten das große Kopfzerbrechen bereitet. Sie wissen genau, daß Heimat und Nation nicht gleichzusetzen sind. Sie bekommen den Begriff „Heimat“ nicht richtig zu fassen. Daher versuchen sie jetzt, den Begriff mit Nationalchauvinismus aufzuladen, um Heimatliebe in einen Vorwurf verwandeln zu können. Da müssten sie aber früher aufstehen. Auf derlei plumpe Tricks fällt meinereiner nicht herein.

 

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