Handelsblatt: Gabor Steingarts perfekter (Selbst)-Mord. Schulz unter den Opfern.

Ob bei der SPD oder beim Handelsblatt: Anstand war gestern. (Bild: screenshot Twitter Tagesschau)

Gabor Steingart hat Martin Schulz kritisiert, weil der den armen Sigmar Gabriel gemeuchelt hat. Zuviel „Meinung“ für Dieter von Holtzbrinck. Der Verlag entschuldigt sich, Steingart kriegt wohl seine Papiere.

Nachtrag: Die ersten „Toten“. Gabor Steingart wurde gefeuert. Und: Schulz macht doch nicht den Außenminister.  Siggi lacht sich schlapp. Mitarbeiter und Führungskräfte des Handelsblatts sind entsetzt.

Von Volker Kleinophorst

Für viele Bundesbürger ist Martin Schulz ein lächerlicher Ohrfeigenaugust. Doch er wird ja vielleicht auch bald Vizekanzler und Außenminister in Merkels Resterampe sein. Da darf man einfach nicht Alles schreiben. Der Mann hat auch Freunde. So muss nach Informationen des SPIEGEL Gabor Steingart, Herausgeber, Geschäftsführer und Miteigentümer der Handelsblatt Media Group, wegen seines „umstrittenen Textes“ (Neusprech: Umstritten = Nicht akzeptabel) über Martin Schulz offenbar gehen. Dem Verleger Dieter von Holtzbrinck hat der Inhalt nicht gepasst.

Der „umstrittene“ Text war im Morningbriefing des Handelsblatts einem Service für Abonnenten am Mittwoch zu lesen. MM-News bringt ihn komplett:

Der perfekte Mord

 Innerhalb der SPD hat ein bizarrer Machtkampf begonnen. Der mittlerweile ungeliebte Parteichef Martin Schulz will den derzeit beliebtesten SPD-Politiker, Außenminister Sigmar Gabriel, zur Strecke bringen und an dessen Stelle im Ministerium Quartier beziehen. Das Duell wird nach den Regeln des Parteienkampfes ausgetragen, also im Verborgenen. Besondere Raffinesse wird dabei vor allem von Schulz verlangt, da er sich nicht beim Mord an jenem Mann erwischen lassen darf, dem er das höchste Parteiamt erst verdankt.

Der Tathergang wird in diesen Tagen minutiös geplant. Der andere soll stolpern, ohne dass ein Stoß erkennbar ist. Er soll am Boden aufschlagen, scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Wenn kein Zucken der Gesichtszüge mehr erkennbar ist, will Schulz den Tod des Freundes aus Goslar erst feststellen und dann beklagen. Die Tränen der Schlussszene sind dabei die größte Herausforderung für jeden Schauspieler und so auch für Schulz, der nichts Geringeres plant als den perfekten Mord“.“

Eigentlich doch originell und auch ziemlich witzig geschrieben. Dass Gabriel der beliebteste SPD-Politiker ist, da muss man doch erst mal drauf kommen. Der Gang der Dinge hat Steingart doch auch bestätigt. Gabriel sieht es wohl ähnlich (siehe Beitragsbild). Das Einzige was bei „Maddin“ natürlich nicht geklappt hat: Alles wie einen Unfall aussehen zu lassen und den bestürzten Trauernden geben. Dennoch hat sich Dieter von Holtzbrinck für diese „Schmähung“ von Martin Schulz am Donnerstag „vielmals“ entschuldigt:

„Das heutige ‚Morning Briefing‘ von Gabor Steingart hat mich schockiert. Inhalt und Stil des Sie betreffenden Textes entsprechen weder meinen publizistischen Qualitäts- und Wertevorstellungen noch denen der Handelsblatt-Redaktion.“

 Steingarts Anwalt Christian Scherz sieht das anders: „Gabor Steingart achtet die Meinungsfreiheit nicht nur, er praktiziert sie auch.“

Am heutigen Freitag ist ein Gespräch zwischen Steingart und Holtzbrinck geplant, das wohl bisher noch nicht stattgefunden habe. Da kann man die überall kolportierte Geschichte, dass sich Herr Holtzbrinck immer hinter seine Chefredakteure stellt ja wohl in den Bereich Märchen aus der Verlagswelt einsortieren.

Die Meinungsfreiheit bei Holtzbrinck endet genau da, wo es dem Verleger nicht passt.

Zensur ist das allerdings nicht.

Das ist freie Marktwirtschaft. Toll das die greift, wo die Zensur (noch) nicht hinkommt, oder?

Wir schätzen die Menschen, die frisch und offen ihre Meinung sagen – vorausgesetzt, sie meinen dasselbe wie wir.“ (Mark Twain)

Immer noch aktuell, der Satz des deutschen Journalisten Paul Sethe, der 1965 in einem Leserbrief an den Spiegel erklärte:

Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Da die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben, immer kleiner. Damit wird unsere Abhängigkeit immer größer und immer gefährlicher.

Frei sei, wer reich sei. Da Journalisten nicht reich seien, seien sie auch nicht frei.

Quod erat demonstrandum (Was zu beweisen war.)

Wandere aus, solange es noch geht!
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