Interview mit #120db: „Jedes Opfer ist ein Opfer zu viel“

Aline: "Wir haben die Kampagne ins Leben gerufen, um endlich über das verschwiegene Problem der sexualisierten Migrantengewalt gegen Frauen zu reden"

Letzte Woche startete die Kampagne #120db gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen. Das eindrucksvolle Video hat auf YouTube schon 70.000 Klicks und wurde auch im Ausland von prominenten Konservativen wie Ann Coulter in USA und Tommy Robinson in UK geteilt. jouwatch sprach mit einer der Mitbegründerinnen, Aline.

Interview von Collin McMahon

Wer bist du, wie heißt du?

Ich heiße Aline, bin 23 Jahre alt, wohne in Dresden und studiere an der Technischen Universität.

Wie bist du zur Aktion #120db gekommen?

Eine Freundin sagte, dass sie das nicht länger kann: zusehen, wie sich die Sicherheitslage für Frauen verschlechtert und dabei stillhalten. Während sich die Schlagzeilen über Gewalt gegenüber Frauen durch Migranten häufen, steigt auch im Freundes- und Bekanntenkreis die Angst vor Übergriffen – diese Angst wollte sie öffentlich thematisieren und fragte, ob ich mitmachen will. Ich war sofort dabei.

Habt ihr selber sexuelle Übergriffe erlebt?

Wenn man von den schlimmen Übergriffen aus den Nachrichten erfährt, ergreift man automatisch Vorsichtsmaßnahmen, um sich selbst möglichst vor Übergriffen zu schützen. Wir gehen ab einer gewissen Uhrzeit nicht mehr alleine aus dem Haus, laufen statt der einsamen, dunklen Straße lieber den längeren Weg, auf dem mehr Menschen unterwegs sind. Miniröcke, -kleider und kurze Hosen bleiben im Schrank, wenn wir nach Einbruch der Dunkelheit mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind. Ich denke damit verringert man bereits die Wahrscheinlichkeit einem Übergriff zum Opfer zu fallen.

Auffallend unangenehme Situationen, die einem Angst machen und die Unsicherheit verstärken, sind derweil zum Alltag geworden. Ob es das unverhohlene, penetrante Anstarren in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Straße ist, oder die beharrlichen, unangenehmen Annährungsversuche, die sich nur schwer abwehren lassen – das hat jede von uns erlebt.

Mir persönlich kam eines Abends ein Mann entgegen, der zuerst an mir vorbeilief, dann aber umdrehte und mir hinterherlief, bis er mich eingeholt hatte. In gebrochenem Deutsch fragte er etwas Unverständliches und ich bin stehengeblieben und bin auf seine Frage eingegangen. Ich dachte zuerst wirklich, dass er vieleicht nur nach dem Weg fragen will, weil er offensichtlich fremd war und sonst weit und breit niemand da war außer mir, den er hätte fragen können. Im Nachhinein schäme ich mich dafür, weil das auf ihn wie eine Art Einladung gewirkt haben muss und er darauf hin nicht mehr wegging, auch als ich seine Fragen (wie ich heiße und wohin ich gehe) ignorierte und den Schritt beschleunigte. Erst als mein Freund uns entgegenkam, verschwand der Mann.

Eine andere Aktivistin wurde aufgrund der Herkunft ihrer Mutter von zwei Türken zuerst bedrängt und dann brutal gegen eine Wand gestoßen. Sie ist ein zierliches, junges Mädchen und in dem Moment, als die beiden Männer sie attackierten, fühlte sie sich schutzlos und ausgeliefert.

Wie war die Resonanz auf die Aktion?

Die Resonanz war unterschiedlich. Im privaten Umfeld freuten sich viele über den Mut, unsere Angst nicht länger zu tabuisieren und das Schweigen zu brechen – selbst auf die Gefahr hin, dass man versucht uns zu diffamieren und zu beschimpfen. Wir wollen Frauen einen Impuls geben, endlich ihre Stimme zu erheben. Die bisherige Resonanz und die mediale Reichweite war auch für uns überraschend. Selbst im internationalen Bereich haben viele Frauen Interesse und Zustimmung für unsere Kampagne signalisiert. Wir müssen dies jetzt einfangen und werden schon in Kürze weitere Akzente und Botschaften setzen, die vor allem auch eine Teilnahme für alle Frauen ermöglicht.

Haben sich schon Opfer bei euch gemeldet?

Ich denke das braucht eine ganze Weile, bis sich Opfer wirklich trauen, mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Viele trauen sich nicht, weil sie die Schuld zuerst bei sich und ihrem eigenen Verhalten suchen – sie schämen sich für das, was passiert ist. Viele trauen sich auch nicht, weil das Thema noch keine breites, öffentliches Interesse genießt – weil man spürt, dass die Gesellschaft lieber weg- als hinschaut und man sich dadurch alleingelassen und fühlt. Wie man auch an der Resonanz auf unsere Initiative sieht: Traut man sich, die Angst vor Übergriffen durch Migranten öffentlich anzusprechen, wird man sofort als Rassist gebrandmarkt und versucht mundtot zu machen. Das verstärkt die Schweigespirale und schwächt die Opfer, anstatt sie zu stärken und ihnen Mut zu machen, sich zu trauen und über ihre Erlebnisse zu berichten. Wir haben diese Kampagne jedoch ins Leben gerufen, um endlich über das verschwiegene Problem der sexualisierten Migrantengewalt gegen Frauen zu reden und die Politik zu einem aktiven Handeln aufzufordern. Während wir peinliche Twitter-Debatten unter dem Hashtag #meetoo erleben, wo schon ein Kompliment zum sexistischen Angriff wird, trauen sich etliche Frauen in unserem Land abends nicht mehr allein auf die Straße. Hier liegt ein reales Problem vor, welches wir an die Öffentlichkeit tragen.

Manche Männer haben sich darüber beschwert, dass sich die Aktion nur an Frauen richtet. Was war die Überlegung dahinter?

Unsere Aktion richtet sich an Frauen aller Alterklassen und europaweit, weil sie, körperlich bedingt, meist schwächer sind als Männer und daher leichter zum Opfer fallen. Wir als Frauen wollen den weiblichen Opfern eine Stimme geben und an sie erinnern, weil sie sonst nicht beachtet und vergessen werden.

Was hofft ihr mit #120db zu erreichen? 

Wir können uns nicht anders verteidigen, als wenn wir unser Schweigen brechen und auf unsere Angst aufmerksam machen. Wir wenden uns an den Staat, denn er ist dafür verantwortlich uns zu schützen – er und nicht unsere Männer oder wir selbst. Seit der Migrationskrise ist Gewalt gegenüber Frauen an öffentlichen Plätzen zur Massenerscheinung geworden, die in ihrem Ausmaß die Exekutivbehörden überfordert. Wir wollen daran erinnern, dass dies nicht der Normalzustand ist. Indem man sich an die aktuellen Zustände und eine graduelle Verschlechterung gewöhnt, tritt eine Desensibilisierung, Abstumpfung und Brutalisierung der Gesellschaft ein. Wir wollen das verhindern.

Denn jedes Opfer ist ein Opfer zu viel. Wir wollen an sie erinnern, dass sie nicht vergessen werden und Politiker auf die unmittelbaren Konsequenzen ihrer Handlungen hinweisen.

Seit der Migrationskrise hat sich die öffentliche Sicherheitslage verschlechtert – wir wollen, dass kontrolliert wird, wer das Land betritt und dass Straftäter konsquent abgeschoben werden – denn es ist die Pflicht des Staates uns zu schützen.

Vielen Dank.

 

17.2.: Marsch der Frauen zum Kanzleramt in Berlin:

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Collin McMahon ist Autor und Übersetzer. Er schreibt ein Buch über Donald Trump, das im Mai im Antaios Verlag erscheint. Hier kann man ihn unterstützen.

 

 

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