Alltagsbeobachtungen im Zeitlupenland

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Vergehende Zeit (Foto: Pixabay)

Heute Vormittag stand ich wieder einmal vor diesen beiden Aufzügen, die chronisch überfrequentiert sind. Ich wollte in den sechsten Stock. Es dauert üblicherweise lange, bis einer im Erdgeschoß ankommt. Wer in diesem Gebäude beschäftigt ist, hat vermutlich die Hälfte seiner Lebensarbeitszeit vor diesen Aufzügen mit Warten zugebracht. Was das kostet! Heute war es besonders schlimm.

von Max Erdinger

Einer der beiden Aufzüge, der größere, ist außer Betrieb gewesen. Wegen Wartungsarbeiten, wie ein Schild auf der Tür erklärte. Dauer: Eine Woche. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Ich habe aber kein Verständnis dafür, daß Wartungsarbeiten an einem Aufzug eine ganze Woche dauern.

Wie ich mir also im Erdgeschoß dieses Gebäudes, auf den nunmehr extrem überlasteten, kleineren Aufzug wartend, die Beine in den Bauch stehe, fällt mir ein Video aus China ein, das ich in der Frühe bei Facebook gesehen hatte. Es ist sehr eindrucksvoll gewesen. Man konnte im Zeitraffer bestaunen, wie tausend chinesische Bauarbeiter mit 23 Baggern und allerlei Gerät einen Bahnof an einer chinesischen Hochgeschwindigkeitsstrecke errichteten. Sie hatten um 18:30 Uhr damit angefangen und waren um drei Uhr morgens fertig. Ein ganzer Bahnhof in nur neun Stunden aus dem Nichts in die Landschaft gezaubert. Ach, China. Der Aufzug kam noch immer nicht.

Als nächstes fiel mir der Umzug des alten Kai-Tak-Flughafens in Hongkong in die neuen Gebäude auf der künstlichen Halbinsel an der Küste ein. Das muß vor ungefähr 15 Jahren gewesen sein. In einer einzigen Nacht zog damals ein gesamter Flughafen um. Flugzeuge, die in Europa Richtung Hongkong starteten, als der alte Flughafen noch geöffnet gewesen ist, landeten frühmorgens auf dem neuen. Hongkong Logistik. Wahnsinn, BER – Willy Brandt. Noch kein Aufzug da.

Die Ostseeautobahn, die A 20, fiel mir als nächstes ein. Sie soll für drei Jahre komplett gesperrt bleiben, weil an einer Stelle die Böschung auf einer Länge von 100 Metern abgerutscht ist und Teile des rechten Fahrstreifens mitgenommen hat. Den Japanern ist das auch schon einmal passiert. Nach sechs Tagen war der Schaden repariert.

Vor der Aufzugstür versammelten sich inzwischen immer mehr Leute, zwei Rollstuhlfahrer darunter. Mir fiel nichts mehr ein, weil es jetzt vor dem Aufzug interessant wurde. Die Rollstuhlfahrer positionierten sich direkt vor der geteilten Schiebetür, die dann, wenn der Aufzug endlich da wäre, mit einem hydraulischen Zischen nach beiden Seiten im Gemäuer verschwinden würde. Ich überlegte mir, wie sich die Lahmhaxigen wohl die nächsten Momente vorgestellt hatten. In ihren Köpfen muß das ungefähr so ausgesehen haben: Der Aufzug kommt im Erdgeschoß an, die Schiebetür öffnet sich und sie blicken in einen großen, leeren Saal. Vielleicht dachten sie an den menschenleeren Spiegelsaal in Versailles.

Meine Vorstellung sah anders aus. Der Aufzug kam, die Tür öffnete sich – und meine Vorstellung erwies sich als zutreffend. Die Kabine war proppenvoll und alle wollten aussteigen. Aber es ging nicht. Die beiden Rollstuhlfahrer standen im Weg und machten ganz erstaunte, fast enttäuschte Gesichter. Noch dümmere Gesichter machten die, welche sich stehend dicht hinter den Rollis positioniert hatten. Es dauerte ein bißchen, bis ihnen einfiel, daß sie zur Seite treten müssen, damit die Rollibrüder rückwärts den Weg freimachen können. Ich überlegte mir, daß diese Rollstuhlfahrer und die Anderen hinter ihnen wahrscheinlich wahlberechtigt sind – und vergewisserte mich, daß ich mein Antidepressivum in der Jackentasche bei mir hatte. Es war erst halb zehn und der Tag war noch lang.

Als endlich alle im Aufzug gewesen sind, ging das Getippe auf den Tasten für die verschiedenen Stockwerke los. Das war auch nicht ganz einfach. Eine dicke Matrone hatte raumgreifend vor den Knöpfen ihren Platz gefunden und wunderte sich, daß jeder in ein anderes Stockwerk wollte. Sie trat insgesamt fünfmal zur Seite, obwohl neben ihr eigentlich kein Platz gewesen ist. Wahrscheinlich hatte sie angenommen, daß alle im ersten Stock wieder aussteigen wollen. Den hatte sie selbst gedrückt. Ich bin mir sicher, daß sie im September falsch gewählt hat. Der Aufzug hielt in jedem Stockwerk. Und in jedem Stockwerk standen Leute, die nach unten fahren wollten. Die im ersten und zweiten Stock hatten Angst, daß sie keinen Platz mehr bekommen, wenn sie den Aufzug erst einmal nach oben fahren lassen, weil er womöglich voll sein könnte, wenn er bei der nächsten Abwärtsfahrt wieder vorbeikommt. Sie fuhren deshalb sicherheitshalber erst einmal mit nach oben. Im dritten Stock war er dann überladen, ein Warnton erklang – und die im ersten und zweiten Stock frisch Zugestiegenen wollten nicht wieder aussteigen. Also stiegen die aus dem dritten Stock sofort wieder aus, nachdem sie sich erst einmal hineingepreßt hatten. Seit ich das Gebäude betreten hatte, waren zwanzig Minuten vergangen. Später dann nahm ich die Treppe nach unten. Ich hatte noch einen Termin.

Gegen zwölf Uhr befand ich mich dann pünktlich zur Mittagsprozession auf der Bundesstraße. Prozessionen sind unglaublich populär geworden. Ein LKW am Anfang der Prozession spielte die Monstranz – und die Gläubigen im Geiste der motivationsbefreiten Lahmarschigkeit schlichen frömmlerisch hinter ihm her, ohne jemals ans Überholen zu denken. Ich war Nummer zehn hinter der schweren Monstranz und wehrte mich mit aller innerlichen Kraft dagegen, gläubig zu werden. Irgendwann brach der Gegenverkehr ab und ich überholte neun Tiefgläubige und die Monstranz mit pietätloser Vehemenz. 140 Sachen standen auf dem Zähler, als ich am LKW vorbeifuhr und den Fuß wieder vom Gas nahm. Wäre die Religionspolizei mit ihrem Blitzgerät am Straßenrand gestanden, hätte ich wieder eine Ungläubigenabgabe zahlen müssen. Das ist inzwischen wie bei den Moslems. Wenn du da nicht glaubst, wird es teuer, wenn nicht gar lebensgefährlich. Daß die Wahlbeteiligung allgemein so niedrig ist, liegt daran, glaube ich, daß es die Gläubigen im Geiste der Lahmarschigkeit nicht mehr rechtzeitig ins Wahllokal schaffen.

Als ich niemanden mehr vor mir hatte, fiel mir wieder etwas ein. Seit bald zwanzig Jahren wird zwischen Würzburg und Aschaffenburg auf der A3 ein dritter Fahrstreifen angebaut. Das ist wahrscheinlich deswegen so, damit wir keine Nachbarländer überfallen. Die Reichsautobahn eins von Aachen nach Königsberg in Ostpreußen war schon lange fertig gewesen, als Hitler nach zwölf Jahren Gröfazentum das Zeitliche segnete. Und zwischendurch hatte sogar ein ganzer Krieg stattgefunden.

Seit drei Tagen soll eigentlich die Straße vor unserem Haus gesperrt sein, weil sie komplett neu gemacht und umgestaltet wird. Das soll bis in den Spätherbst dauern. Die Lokalzeitung nannte den 28. Januar als Termin für den Baubeginn und die Stadt informierte alle Anwohner, daß sie ihre Autos aus den Garagen entfernen sollen, weil sie sonst nicht mehr herauskommen. Seit drei Tagen laufe ich 150 Meter von unserer Drittgarage zurück zum Haus – und nirgends ist ein Bauarbeiter oder ein Bagger zu sehen. Die Straße ist noch immer offen. Morgen parke ich wieder in der Hausgarage. Vielleicht war mit dem 28. Januar nicht dieses Jahr gemeint, sondern 2050 – wer weiß.

Ein bißchen schneller ist unser Land schon geworden, seit es das Internet gibt. Nicht richtig schnell, weil die dumme Angela sonst nicht dauernd von der Digitalisierung reden würde. Aber immerhin doch so schnell, daß man einen Auszug seiner persönlichen Akte beim Verkehrszentralregister in Flensburg per e-mail bestellen kann. Man muß zuerst ungefähr dreißig Euro an eine Rechtsanwaltskanzlei in Berlin überweisen und auf sein Widerrufsrecht verzichten. Dann bekommt man auch eine Antwortmail aus Flensburg mit der gewünschten Info, die man sich ausdrucken kann. Die Flensburger Punkteanstalt verspricht, daß das nach Zahlungseingang lediglich noch 7 – 21 Tage dauert und dankt schon einmal für das Verständnis. Ich habe aber kein Verständnis dafür, daß Angelas Digitalisierung genauso lahmarschig ist, wie sie aus ihrem Hosenanzug herausglotzt, wenn sie Geräusche mit ihrem Mund macht.

Ach herrjemineh, ist es schon wieder 21:30 Uhr? Das ging ja schnell. Eigentlich wollte ich mir doch heute noch das pietätvolle schwarze Fahrradhelmchen für die Verblichenen patentieren lassen.

 

Wandere aus, solange es noch geht!
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