Abt. Islam & Service: Medientipps von Lamya Kaddor

Foto: Imago
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Die muslimische Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, Kolumnistin für t-online, hat Tipps für die Medien. Es geht darum, wie die vergiftete Stimmung im Land wieder entgiftet werden könnte. Weniger über Islam, Migration und Flüchtlinge reden und schreiben, meint sie. Die Gegenmeinung.

von Max Erdinger

Die erste Woche 2018 war zum Fürchten. Es ging fast nur um Flüchtlinge, Migration, Islam – und das immer exzessiver. Das hat Folgen. Ein Neujahrsbaby wird gehasst, eine Mutter darf nicht in einen Sportverein. So kann es nicht weitergehen. Wir drohen uns zu verlieren.„, schreibt Frau Kaddor.

Wie´s wohl kommt? War wohl was? Gab es Morde? Kam was Seltsames im Kinderfernsehen? Fliegt die Regierung Flüchtlinge ein? Hat die NZZ geschrieben, was uns das alles kostet? Könnten die aktuellen Schwierigkeiten bei der Bildung einer Regierung etwas damit zu tun haben? Hätte es noch wichtigere Themen gegeben?

Lamya Kaddor: „Der Jahresanfang hat viele unheilvolle Akzente für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gesetzt. Wenn wir nicht aufpassen, drohen uns die Auseinandersetzungen um Deutschlands Identität zu entgleiten. Wer gedacht hat, wir pendeln uns langsam ein, irrt. Der Ton wird immer rauer.“

Ja, wo gleiten sie denn hin, die Auseinandersetzungen, wenn sie uns entgleiten? Wer ist übrigens „uns„? Und wer muß aufpassen? Und was ist ein Ton, der rauer wird, gegen muslimische Messerattacken, die immer häufiger werden? Eine Petitesse? Bin ich ein Pendel? Und sind die unheilvollen Akzente für den Zusammenhalt noch unheilvoller, als die unheilvolle Explosion bei der Gewaltkriminalität, die wir seit 2015 erleben müssen?

Noah Becker, Sohn von Tennis-Legende Boris Becker, berichtet davon, dass er wegen seiner „braunen Hautfarbe“ angegangen werde: „Im Vergleich zu London oder Paris ist Berlin eine weiße Stadt.“ Als Reaktion erntet er über den Twitter-Account eines Richters und Bundestagsabgeordneten die Beschimpfung „Halbneger“, schreibt die Empörte.

Warum steht „braune Hautfarbe“ in Anführungszeichen? Und muß „Halbneger“ in jedem Fall eine Beschimpfung sein, oder könnte es sich auch um eine Tatsachenfeststellung handeln?

Frau Kaddor: „Keine Frage. Es ist eine Minderheit, die sich asozial verhält, doch sie wähnt sich als Mehrheit und tritt entsprechend lautstark und provozierend auf. Viele sind sich heute über die PR-Strategien der Populisten im Klaren, dennoch bekommen sie nach wie vor zu viel Aufmerksamkeit. Politik und Medien haben sich den Floh ins Ohr setzen lassen, dass es immer und immer wieder um Flüchtlinge, Migration, Islam gehen müsse. Dass das die Themen seien, die die Menschen bewegten.

Ach? Das sind nicht die Themen, die die Menschen bewegen? Ob Flohpulver hilft, vielleicht?

Die islamwissenschaftliche Religionspädagogin weiter: „Zweifelsohne sind das wichtige Themen. Aber muss es immer nur darum gehen? Oder alternativ um Donald Trump?! Viele Deutsche interessiert ganz anderes: Arbeitsverdichtung, Dauerstaus, zerbröselnde Brücken und kaputte Straßen, Zukunft der E-Mobilität, verödende Innenstädte und ländliche Gebiete, Tierschutz und Landwirtschaft, Überlastung von Kranken- und Altenpflegern, Stümpereien in der Bildungspolitik…

Da kann man mal sehen, wie wichtig dieses Thema Islam und Immigration tatsächlich ist. Die Leute interessiert das mehr, als ein Stau auf der A73. Und wenn es ihnen der Floh nicht ins Ohr geflüstert hat, dann wussten das die Redakteure von ganz alleine. Aber in einem Punkt hat Frau Kaddor recht: Ohne die Stümpereien in der Bildungspolitik hätten wir das ganze Problem nicht.

CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt aber findet in einem Zeitungsbeitrag fast ausschließlich Platz für Heimattümelei und christlich-abendländische Leitkultur-Rhetorik, um auf die Klausurtagung in Kloster Seeon einzustimmen. Das wäre durchaus in Ordnung, nur warum kommt so ein Text nie ohne Breitseite gegen Einwanderer aus?

Das ist deswegen so, Frau Kaddor, weil die ganze „Heimattümelei“ und die „christlich-abendländische Leitkultur-Rhetorik“ wegen der vielen Einwanderer stattfindet. Ohne Einwanderer würde sich der Herr Dobrindt ganz bestimmt zu bröselnden Brücken äußern.

Die Frau Kaddor: „Mal darüber nachgedacht, dass es kaum Ausführungen von CDU-Politiker Jens Spahn gibt ohne mindestens einen Seitenhieb auf Muslime? Denkt doch positiv! Sagt, was ihr sein wollt, nicht, was ihr nicht sein wollt. Fast jeden Tag gibt es härteste Kritik, stets mit Verweis auf Meinungsfreiheit und Aufklärung.“

Also gut, dann sage ich halt, was ich sein will: Ein freier Bürger, der, wie vor vierzig Jahren noch, sorglos durch einen nächtlichen Park gehen kann. Das will ich sein, positiv gedacht. Und ja, es ist ein Jammer, daß man heutzutage härteste Kritik allenfalls noch in Verbindung mit dem gleichzeitigen Verweis auf Meinungsfreiheit und Aufklärung an den Mann bringen kann. Früher ging das noch ohne solche Verweise.

Frau Kaddor weiter: „Der fürchterliche Tod eines jungen Mädchens im rheinland-pfälzischen Kandel lässt niemandem Zeit, an Opfer und Familie zu denken, weil manche sofort politischen Nutzen daraus ziehen wollen, dass der Tatverdächtige ein minderjähriger afghanischer Flüchtling ist.

Froh und dankbar müssen wir sein für Ihren Anstand, Frau Kaddor, aus dem volljährigen afghanischen Mörder des jungen deutschen Mädchens einen minderjährigen Tatverdächtigen gemacht zu haben, ohne politischen Nutzen daraus ziehen zu wollen.

Jetzt aber die Frau Kaddor wieder: „Ein Gutachten aus Niedersachsen zu Gewalt und Flüchtlingen belegt im Grunde nur Altbekanntes.

Der Kriminologe Pfeiffer aus Niedersachsen ist ja auch schon altbekannt als SPD-Genosse. Er belegt deswegen auch Altbekanntes und stellt es als neues Gutachten vor. Manche sagen auch, Pfeiffer belegt Überholtes. Das gegenständliche Gutachten hantiert zum Teil mit Daten aus dem Jahr 1998, die der altbekannte Gutachter schon vorher öfter mal unters Volk gebracht hat. Und wie er das alles finanziert, erst! Aber „unabhängiges Gutachten“ hatten Sie ja nicht geschrieben. Insofern …

Bei den Sondierungsgesprächen von Union und SPD ab Sonntag wird wieder das Flüchtlingsthema aufgebläht, obwohl schon der Wahlkampf gezeigt hatte, dass es eben nicht das Alpha und Omega der deutschen Politik ist.

Doch, doch, Frau Kaddor. Mit dem Flüchtlingsthema steht und fällt allerweil alles. Das ist nämlich ein umfassendes Thema. Altersfeststellung, Gefährlichkeit von Röntgenstrahlung, Abschiebung, Familiennachzug, sichere Drittländer, Asylrecht, Genfer Flüchtingskonvention, Schweinefleisch, Benehmen und Messermißbrauch … – es ist einfach wahnsinnig umfassend.

Unsere Debattenkultur verkommt zusehends – und dabei denke ich nicht nur an soziale Medien.

Ah, das NetzDG! Sie sprechen mir aus der Seele, Verehrteste.

Und selbst das reicht vielen nicht aus. Um unliebsame Personen mundtot zu machen, werden zunehmend die Angehörigen mit reingezogen.

Bisher wurde von meinen Angehörigen noch niemand mit reingezogen.

Lamya Kaddor: „Die Staatsministerin Aydan Özoguz erlebt das, die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli, die Bloggerin Kübra Gümüsay und andere. Sie alle werden auch über ihre Familien attackiert. Mich erinnert das ans Vorgehen in autoritären Regimes. Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn sich bald niemand mehr traut, Haltung zu zeigen.“

Ach so, es geht gar nicht um mich und die anderen Gesperrten in den sozialen Medien? Dabei hatten Sie in diesem Punkt so vielversprechend angefangen, Frau Kaddor.

Bundesjustizminister Heiko Maas, dem das Verdienst zukommt, das Hassproblem erkannt und den Kampf dagegen vorangetrieben zu haben, wird von allen Seiten wegen seines nun geltenden Netzwerkdurchsetzungsgesetzes (NetzDG) attackiert.

Sehen Sie, schon sind Sie mir wieder total unsympathisch, Frau Kaddor. Der Verdienst, der Heiko Maas zukommt, – den kriegt er erst noch. Hören Sie, ganz im Vertrauen: Auf den Maas würde ich an Ihrer Stelle keine fünf Cent mehr setzen. Der gehört der Katz´, wie man sagt.

Vorwiegend natürlich von Rechtspopulisten, da es offenbar überwiegend ihre Postings sind, die Internetplattformen nach der neuen Regelung löschen.

Genau, Frau Kaddor, das ist das Problem mit demokratisch Ungeschulten wie Ihnen. Meinereiner, welcher in einer Demokratie großgeworden ist, in der gottverdammte alte Nazis die Kommunarden und die Hippies haben einigermaßen gewähren lassen, kennt sich aus mit der Demokratie – und Sie eben nicht. Deswegen passen sogar Sie nicht in dieses Land, geschweige denn irgendwelche anderen Antidemokraten. „Rechtspopulist“ ist eine Zuschreibung, die von Ihnen kommt. Ihr „Rechtspopulist“ begreift sich oft genug als einen in der Demokratie sozialisierten Bürger, den lediglich der Hochmut überkommt, wenn er eine islamische Religionspädagogin schwachsinniges Zeug von Zensurgesetzen und der Meinungsfreiheit in der Demokratie daherschwadronieren hört. Für meineneinen ist das, als würde er einem Blinden lauschen, der von der Farbe erzählt. Können Sie wenigstens kochen?

Wir müssen der vergifteten Debattenkultur im Land auf breiter gesellschaftlicher Basis beikommen. Dazu gehört juristisches Durchgreifen bei Volksverhetzung und Beleidigungen. Hier sind die Staatsanwaltschaften gefragt. Dazu gehört, dass sich Politik und Medien nicht permanent von Populisten die Themen diktieren lassen. Und wir selbst müssen uns an die eigene Nase fassen, und verbal abrüsten.

Das ist Quatsch mit Soße. Wir müssen keinesfalls einer irgendwie gearteten Debattenkultur beikommen, sondern wir brauchen eine Debattenkultur. Mit Ihnen und dem kleinen Justizminister auf Abruf ist eine solche schlechterdings nicht vorstellbar. Ob Sie verbal abrüsten, ist meinemeinen egal. Sollten Sie irgendwann einmal etwas Richtiges sagen wollen, dann tun Sie es gern laut und deutlich.

Wandere aus, solange es noch geht!
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