WELT Reisetipp: Holiday in Algeria, oder die blinde Autorin unter den einäugigen Frauen

Foto: Collage/Shutterstock
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Obwohl Algerien kein sicheres Herkunftsland ist, kann man dort toll Urlaub machen. Es gibt viel zu entdecken. Gefährlich? Kein Stück

Von Volker Kleinophorst

Als die amerikanische Punk-Gruppe „The Dead Kennedys“ 1978 mit „Holiday in Cambodia“ provozierte, war der Song eine satirische Anklage an einheimische „Jammerlappen“ mal zu überlegen, was denn   beim Steinzeit-Kommunisten „Pol Pot“ so los ist. (Link zum Song)

„Es ist ein Feiertag in Kambodscha
Wo die Leute schwarz tragen
Ein Feiertag in Kambodscha
Wo du Ärsche küsst oder verreckst“

Leider völlig satirefrei die WELT auf ihren Reiseseiten mit ihrem Bericht über „Erstaunliches aus Algerien“ mit dem flotten Titel: „Wo Frauen nur ein Auge zeigen dürfen.“ Zieht einen doch gleich rein in die Geschichte.

Nun könnte ein Reiseartikel einer Autorin unter der Zeile ja ganz kurz sein:

Wo Frauen nur ein Auge zeigen dürfen, fahren wir nicht hin.“ #metoomitverstand

Doch für die WELT läuft das wohl unter exotisch und extravagant:

„Die Mozabiten praktizieren eine strenge Form des Islam: Ein Loch für ein Auge – mehr lässt das Gewand der Ehefrauen in der Oase M’zab nicht frei.“

Mit einem Auge sieht man besser? Oder doch eher Frauenfolter?

Und man weiß auch wo es sicher ist, nämlich nahezu überall:

Zwar bestehen heute noch Teilreisewarnungen für entlegene Wüstenregionen; die 1200 Kilometer lange algerische Mittelmeerküste, wo Phönizier, Römer, Vandalen, Araber und Europäer bauliche und kulturelle Spuren hinterließen, ist aber gefahrlos zu bereisen.

Und dann kann man auch zum Mausoleum „Kbor er Roumia“, dem „Zahnbürstenbaum“, zur „Wasserversorgung von Tamanrasset“ und in das „unkonventionelle“ (was auch immer das heißen soll) Wintersportgebiet von Chréa, wo die armen Frauen in Pantoffeln im Schnee herum stampfen müssen und sich die Zehen abfrieren.

Am Schluss wird noch Albert Camus zitiert, der ja immer gerne an die Stätten seiner Kindheit, er war im damaligen französisch Algerien groß geworden, zurück gekehrt sei.

Camus kann sich nicht wehren. Er ist 1960 gestorben. Also wohl nicht der aktuellste Bezug. Von seinen Werken wird ausgerechnet „Der Fremde“ nicht erwähnt, die Geschichte eines „kulturtypischen Messerattentats“ und einer „Notwehrüberschreitung“, die vor einem algerischen Gericht landet:

Wikipedia: „Kurz danach trifft Meursault (Der Täter) wiederum einen Araber aus dieser Gruppe, der bei seinem Anblick ein Messer zieht. Vom Glanz der Sonne auf der Messerklinge geblendet, umklammert Meursault einen von Raymond ausgeliehenen Revolver in der Tasche, zieht die Waffe und tötet den Araber mit einem Schuss. Ohne besonderen Grund gibt er unmittelbar darauf vier weitere Schüsse auf den Leichnam ab, was vor Gericht zum Ausschluss von Notwehr und unbeabsichtigtem Totschlag führt und letztlich die Verurteilung als Mörder bewirkt.

Meursault wird zum Tode verurteilt, auch weil er durch sein gleichgültiges Verhalten die Gottesfürchtigen schockierte.

Dann doch lieber die lyrischen Texte von Camus, oder?

PS.: Holiday in Cambodia landete auf den Index, wegen des Gebrauchs des N-Worts (In Amerika heißt das nicht Nazi) auch wenn es satirisch gemeint war und von N-Vierteln die Rede ist, von denen junge Weiße fänden, die hätten so viel Soul. Der Song ist von 1978. Da sieht man wie endlos lange dieser Korrektheitswahn schon läuft. Über den Gebrauch des N-Worts in Rap-Video gibt es diese Kontroverse nicht.

 

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