Wenn Sprache auf den Strich geschickt wird: 88

Foto: Durch Rawpixel.com/Shutterstock
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Gut 88 ist kein Wort. Aber als Anagramm hat die Zahl Karriere gemacht. Ein Zahlenleben zwischen Mathematik du dem „Kampf gegen Rechts“

Von Volker Kleinophorst

Als ich Kind war, gab es den Spruch: Egal ist 88. So ein typischer Pappa-Spruch wie „Kuck mal aus Fenster, wenn du keinen Hals hast“. Irgendwann war der Spruch aus dem Alltagsleben verschwunden. Wie so viele Dinge, die in den 60ern gesagt wurden, die „bis zur Vergasung“ geschmacklos waren, aber dafür gab „der Jude nichts“. Ich hab die als Kind zwar eher nicht benutzt, schon weil ich sie nicht verstand, aber das war Alltagssprache. So richtig es ist, an solchen Stellen mal das Hirn einzuschalten, was man da so von sich gibt, so albern ist es, wie man heute also immerhin über 70 Jahre nach 18 (AH auch ganz böse) nach versteckten Nazibotschaften fandet und auch an den originellsten Stellen fündig wird. Eines gleich vorweg: Ob Nazis, die wenigen die es wirklich gibt, mit diesen Codes operieren, außer das es sich irgendein Honk im Suff zwischen zwei Schlägereien auftätowieren lässt, ist vollkommen nebensächlich. Dieses Thema ist auch ohne Thema ein Thema.

Und wie kam die 88 auf einmal ins Bild als verschwörerisches Nazizeichen? Nun die 8te Buchstabe des Alphabets ist das H. Zweimal 8 steht für HH also Heil Hitler. Ist doch klar. Wer denkt denn da an Halbe Hähnchen oder Hansi Hinterseer.

Deswegen kann man in Hamburg Kennzeichen HH hinten keine 88 haben, denn das würde ja HH bedeuten. Alles klar. HH 88 geht nicht, weil 88 HH heißt. Ist doch logisch. Gilt für eine Menge Zahlen, auch für Buchstabenkombinationen wie SS. HH in der Mitte geht natürlich auch nicht. Nur vorn. Aber erst seit vielleicht 20 Jahren, als des Wahnsinns politisch korrekte Beute erst seit Merkel. Eine vollkommen konstruierte Verschwörungstheorie. Ich hatte früher einen kleinen Asienfimmel, wollte immer gerne die 888, dreimal die chinesischer Glückszahl 8, auch meinem Nummernschild. Zahlen die in Hong Kong ein Vermögen für. Die war aber immer weg. So kam ich zwei Mal auf Vorschlag des Straßenverkehrsamtes zur 88 (also HH für Heil Hitler). Keiner hat mich da jemals drauf angesprochen, bis 2010 bin ich damit rumgefahren. Bin ich nicht einmal drauf angesprochen worden.

1988 haben ich für Springer ein „Dummy“ ein Testheft gemacht für ein Magazin, das aufgrund der Jahreszahl und weil wir uns im Team auf keinen Namen einigen konnten, 88 genannt wurde. Weil man das Heft im Hause so gelungen fand, hingen im Hamburger Springer Haus jahrelang Prints des Heftes im 6. Stock direkt gegenüber des Bild-Produktionsraums. Da sind endlos Leute vorbeigelatscht, sicherlich auch einige jüdischen Gäste, oder Redakteure der Welt. Keinem ist dieser „unglaubliche Fauxpas“ aufgefallen. Weil es das „Problem“ damals einfach gar nicht gab.

Aber da war ja der Nazijäger-Wahn noch nicht voll ausgefahren. Und der Kampf gegen Rechts braucht solche fiktiven Feindbilder.

Was kommt als nächstes: Muss 1988 aus dem Kalender verschwinden? Entdeckt jemand die mit „18 volljährig“-Verschwörung? Oder das es in jedem Monat einen 18ten gibt, also quasi einen Hitler-Gedenktag? Von 18ten Etagen in Hochhäusern und mit Hausnummer will ich gar nicht erst anfangen. Muss 1988 aus dem Kalender verschwinden? Was ist mit 2018?

Ja und was heißt nun „Egal ist 88“. Früher antifaschistischer Widerstand a la Hitler ist uns egal.

Weit gefehlt. Im Zahlenreich nimmt die 88 eine Sonderstellung ein: Sie sieht von allen Seiten betrachtet gleich aus, weil es einfach 4 Kreise sind. Es ist also egal von welcher Seite man die Zahl oder etwas betrachtet.

Und so ist der Nazicodeblödsinn eine Verneblungstaktik und dabei selbst so was von 88.

Wandere aus, solange es noch geht!
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