Sei kein Opfer: Starke Frauen

Foto: Privat
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Wo sind die starken Frauen? Aber da wird ja immer nach mehr TV-Rollen gefragt. Denn starke Frauen, das war gestern. Eine war meine Großmutter, die sich auch ohne Emanzengelalle und Opfer-Mimimi durchsetzen konnte

Von Volker Kleinophorst

Meine Großmutter Josefine, genannt Finni, war eine stattliche Frau, sowie man das damals nannte, also nicht dick, aber groß und kräftig, kein Püppchen. Im Alter war eine gewisse Ähnlichkeit mit Margret Rutherford, der englischen Schauspielerin der Miss Marple Filme, nicht zu leugnen, wobei die Frisur eher in Richtung Albert Einstein ging.

Mein Opa hat immer erzählt, er hätte meine Oma beim Fußball kennengelernt. Da habe er sie gefoult, worauf sie ihn niedergeschlagen habe. Ein Jahr später kam meine Mutter und die Beiden waren bis zu seinem Tod 44 Jahre verheiratet. Damals sah Oma natürlich noch nicht aus wie Miss Marple.

Meine Oma ließ sich nicht die Butter vom Brot nehmen, hat meine Mutter durch den Krieg und die elende Nachkriegszeit gebracht. Opa war über 10 Jahre in Kriegsgefangenschaft (beide Weltkriege zusammen).

Zwei Dinge waren ihr sehr wichtig, man lässt sich nichts gefallen und man hilft armen Menschen. Der Starke stützt den Schwachen.

Als ich so ungefähr 7 Jahre alt war, spielten wir bei uns auf „dem Feld“, wie wir es nannten, mit frisch geernteten und zum Abtransport aufgeschichteten Heuballen. Wir waren mindestens 15 Kinder und bauten uns ein Haus aus den Riesen-Legosteinen, wobei die Kleinen, zu denen ich ja auch zählte, wohl eher dabei waren, als jetzt wirklich aktiv. Dass wir das nicht durften, war aber auch uns klar.

Plötzlich sahen wir, wie der blaue VW-Bus des Bauern aus der Hofeinfahrt schoss. Wir hauten ab. Doch sie hatten, war ja nicht das erste Mal vorgekommen, den Stapel diesmal nahe am Hof aufgebaut und wir hatten ganz schön was zu rennen.

Ob aus Angst oder Konditionsmangel, kurz bevor ich die rettende Straße zu unserem Wohngebiet erreichte, verließ mich die Kraft, wie gelähmt wurde ich gepackt und in den VW-Bus gezerrt.

Im Bus sah ich, dass natürlich nur die „Kleinen“ gefangen worden waren, die jugendlichen Anführer hatte man nicht gekriegt.

„Wir bringen euch jetzt zum Bauern. Ihr werdet schon sehen. Ihr kommt alle ins Gefängnis.“

Die Knechte lachten sich eins.

Auf dem Hof wurden wir ins Büro der Bauern geführt, einen großen, holzvertäfelten, ziemlich dunklen Raum, in dem der Besucherteil, wo wir Kinder uns auf eine ziemlich lange Bank setzen sollten, vom Geschäftsbereich mit einer Art Zaun abgetrennt war.

Hinter dem Zaun wippte der Bauer, dessen Wanst sein Hemd beachtlich spannte, auf seinem ledergepolsterten Drehstuhl und machte nun eine Mutter nach der anderen nieder, wenn die kamen, um ihr Kind abzuholen.

„Anzeige, sie werden dafür die Rechnung kriegen, die ungezogenen Blagen gehören ins Erziehungsheim, Polizei, Arbeitsdienst, Wasser und Brot…“

Die Mütter, von den Nazis auf „Schnauze halten“ sozialisiert, waren alle ganz unterwürfig, entschuldigten, warfen sich vor dem selbstgefälligen Fettsack in den Staub, der, umgeben von seinen speichelleckenden Knechten, seine Macht sichtlich genoss.

Das wurde nach der fünften Mutter langsam schal und als wir noch wenige Kinder da saßen, war schon im Gespräch, was man denn jetzt machen solle.

„Eure Eltern wollen euch ja wohl gar nicht abholen… Was machen wir denn nur mit euch. Dann müsst ihr im Stall schlafen und den Schaden abarbeiten…“

Plötzlich knallte die Tür auf, donnert gegen die Wand und flugs war meine Oma hinter dem Tresen und hatte den Bauern am Wickel, der gar nicht wusste, wohin fliehen sollte auf seinem Drehstuhl. Schon in dieser Sekunde war von seiner Selbstgefälligkeit nicht mehr übrig.

„Was sind sie denn für ein Dreckschwein, der sich an kleinen Kindern vergreift,“ eröffnete Oma das Gespräch. „So einer wie Sie der gehört in den Knast, und zwar für immer. Ich zeige Sie an wegen Kindesentführung.“

„Aber gute Frau,“ versuchte der Bauer, von seinen Knechten nur noch interessiert beobachtet…

Mehr Text sollte er nicht mehr kriegen.

„Gute Frau, gute Frau… Wenn ich keine Dame wäre (was ehrlicherweise besonders komisch war, weil meine zigarettendrehende und trinkfeste Oma genau das nie war und auch nie sein wollte) würde ich ihnen jetzt einfach auf die Schnauze hauen (das war sie). Aber an Ihnen mach ich mir die Finger nicht schmutzig. Das überlasse ich dem Staatsanwalt.“

Sie kam auf uns Kinder zu, rief noch mal kurz nach hinten: „Wir gehen jetzt.“

„Alle.“

Falls irgendeiner meinte, sie hole nur „ihr“ (Enkel)-Kind ab. Niemand widersprach.

Draußen schwang sich Oma aufs ihr altes, schwarzes Damenrad, mit dem sie schon den Schwarzhandel des linken Niederrheins abgewickelt hatte. Sie fuhr den Kiesweg lang, ich schaue ihr mit Petra, einer Nachbarstochter, hinterher. Plötzlich hielt sie an und kam wieder zurück.

Sie beugte sich zu uns runter: „Is doch alles in Ordnung, oder?.“ Ich nickte: „Ich muss schnell nach Hause, ich hab Gulasch auf dem Herd. Kommt ihr gleich, dann mach ich euch nen leckeren Teller fertig.“

Vielleicht 15 Jahre später lag ich mit Petra am Badesee. Auf einmal sieht sie mich an und sagt: „Weißt du was ich nie vergesse?“

Wir guckten uns an, und lachten, und lachten…

Diese Geschichte kann man nicht vergessen.

Besonders der Bauer nicht.

Über #metoo hätte meine Oma noch nicht einmal gelacht.

Wandere aus, solange es noch geht!
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