Dem Heinerhofbauern sein Knecht über die Besitzverhältnisse

Dem Heinerhofbauern sein Knecht (Foto: Pixabay)

Nach Weihnachten werden die Fetten fleißig. Sie blättern mit ihren Wurstfingern in ALDI-Wurfsendungen. Dort ist jetzt Werbe-Hochsaison für Trainingsgeräte, die den schnaufenden Beleibten sowieso schon gehören, wenn man den bunten Werbeblättchen glauben darf. Sie heißen nämlich „My Personal Hometrainer“. Außerdem gibt es durchtrainierte Jungfrauen zu betrachten, die allesamt fitter aussehen als Angela Merkel. Von der Merkel täte er sich nicht trainieren lassen, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. Die Perspektive vom Land.

von Max Erdinger

Wenn es kein Internet gäbe, wüssten viel weniger Leute, daß es auf dem Heinerhof einen Knecht gibt, der viel in dem Internet unterwegs ist, das es nicht gibt, sagt der Knecht. Schon ein Segen, meint er. Ohne das Internet hätte er auch gar nicht gewußt, was ihm alles gehört. Sein Leben lang hätte er weiterglauben müssen, daß er nur ein armer Knecht sei. Facebook zum Beispiel gehört jetzt ihm, sagt der Knecht. Weil er Facebook zu seinem Facebook gemacht hat. „Mache Facebook zu Deinem Facebook!“, hätte es geheißen – und dann habe er das eben gemacht. Kostenlos. Dem Heinerhofbauern seinem Knecht sein Facebook ist immerhin mehrere Pfifferlinge wert. Nirgends sonst trifft man so viele Leute, die schon einmal eine Kuh gemolken haben, sagt der Knecht, außer auf der Landwirtschaftsmesse in München. Und mehrere Pfifferlinge für umsonst seien ein gutes Geschäft. Seit er Facebook zu seinem eigenen Facebook gemacht hat, sagt der Knecht, kann er dort alles lesen, was er selbst geschrieben hat. Außer ihm kann das niemand. Deswegen gehört ihm Facebook ganz allein. My Facebook …

Früher, als man die neuen Gummistiefel nicht selbst vom Tal auf den Heinerhof hinauf tragen wollte, habe der Bauer sie telefonisch beim Versandhändler „Quelle“ bestellt – und der Postbote sei der Gelackmeierte gewesen. Das habe gut funktioniert, sagt er, bis ihm das Versandhaus eines Tages ebenfalls gehört hat. Aus der „Quelle“ der Frau Schickedanz sei nämlich seine „Quelle“ geworden, die folglich auch „Meine Quelle“ geheißen hat – und dann ist sie pleite gegangen. Daß die Frau Schickedanz seine „Quelle“ ruiniert hat, verzeiht er ihr nie, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. Die Gummistiefel vom Amazon taugen keinen Schuß Pulver. Gottseidank, sagt er, gehören ihm Facebook und alle anderen Sachen noch. Wenn er bloß ein paar lausige Gummistiefel von Amazon hätte, wäre er arm dran.

Dem Heinerhofbauern sein Knecht sagt, daß ihm sehr viel gehört. Auch der Kaffee, den er selbst trinkt. Auf der Packung steht „Almspeed – Mein Kaffee“. Also sei es seiner, sagt er. Und daß er auch gar keinen anderen als seinen eigenen Kaffee trinken würde. „White Bauernpower – mein Zahnweiß für den Chef“, heiße die Zahnpasta, die der Bauer verwendet. „Mein Knecht-a-dent“ sei hingegen seine eigene Marke.

Ihm komme es aber zunehmend verdächtig vor, daß ihm auf einmal alles außer dem Bauern seiner Zahnpasta gehören soll, vor allem, weil er ja gar nicht mehr dafür bezahlt habe als früher, als ihm alle diese Dinge und Firmen noch nicht gehört haben. Vielleicht gehören sie ihm gar nicht wirklich, sagt der Knecht, und daß es eine hinterfotzige Absicht ist, ihm einzureden, es seien seine. Es könnte doch sein, sinniert der Knecht, daß er sich bloß wichtig fühlen soll und daß man ihm deswegen den Bauch mit eingebildeten  Besitztümern pinselt. Wenn das so wäre, sagt der Knecht, müsste er sich aber auch überlegen, wer ein Interesse daran hat, daß er sich wichtig fühlt. Weil: Dem Heinerhofbauern sein Knecht fühlt sich nicht gerne wichtig.

Seit er einmal im Mediamarkt am Ausgang des Heinertals in den weiten Flachgau eine Batterie für die Fernbedienung des Mistschiebers gekauft hat, denkt er voller Selbstvertrauen weiter. Einmal im Mediamarkt gewesen, sagt er, und alle Blödheit ist wie weggeblasen. Wenn einer wissen will, ob er als Knecht qualifiziert ist, sagt er, macht er sein Facebook auf und beweist es ihm. Dort hat er nämlich ein Selfie von sich eingestellt, das er an der Kasse im Media-Markt gemacht hat. In Leuchtschrift deutlich über seinem Kopf zu sehen sei: „Mediamarkt – ich bin doch nicht blöd.“

Wie er also weitergedacht hat, sagt der Knecht, ist ihm eingefallen, daß das vielleicht auch nicht stimmt – und daß die Botschaft, er sei nicht blöd, aus derselben hinterfotzigen Absicht heraus in die Welt gesetzt worden sein könnte, derentwegen ihm angeblich auch alles gehört. Er soll sich wichtig nehmen. Er mag aber nicht. Und daß Geiz geil sein soll, kann er sich überhaupt nicht vorstellen. Er glaubt eigentlich, daß er verarscht wird und daß ihn die Werbefuzzis für blöd halten. Außerdem, sagt der Knecht, wenn er recht hat, dann würde gelten: Geil ist der Geiz der blöden Verarschten, denen überhaupt nichts gehört. Und daß das wohl kaum die Wahrheit sein kann.

Was einem wirklich gehört, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, das muß man verteidigen gegen die, die es gern hätten. Wenn man aber eine Verteidigungshaltung einnimmt gegen die, die gar nichts von einem wollen, weil man selber nur glaubt, daß man hätte, was sie wollen könnten, dann ist das Mißtrauen gegen den Anderen in der Welt. Wer sich mißtraut, kommt sich nicht näher. Und davon wiederum, sagt er, profitieren Andere.

Ein Volk, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, in dem sich jeder für besonders berechtigt und im Besitz aller Dinge wähnt, läßt sich leichter regieren. Weil einem solchen Volk nicht so leicht auffällt, daß es mehr als die Hälfte seines tatsächlichen Einkommens als Steuern beim Staat abliefert. Er wartet nur noch darauf, daß vor dem Reichstag eine riesige Plakatwand aufgestellt wird, auf der die Raute und ihre Helfershelfer überlebensgroß und arrogant grienend abgebildet sind. Fett und groß oben drüber: „Meine Bundesregierung“. Wer will schon verlieren, von dem er glaubt, daß es ihm gehört? Dem Heinerhofbauern sein Knecht sagt, wenn dieses Plakat unbeanstandet durchgeht, dann ist der Beweis erbracht, daß der Hirntod mindestens so geil ist wie der Geiz.

 

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