CSU: Alexander Dobrindts „konservative Revolution der Bürger“

Alexander Dobrindt (Foto: YouTube/Screenshot)

CSU-Landesgruppenchef Dobrindt forderte eine „konservative Revolution der Bürger“ gegen die Gesinnungsdiktatur der linken Eliten. Der Leiter des Polit-Magazins „Monitor“ bei der ARD, Georg Restle, hat ihm geantwortet. Die dritte Meinung.

von Max Erdinger

Einmal abgesehen davon, daß ich es für schlechten Stil halte, wenn eine gebührenfinanzierte Nachrichtensendung wie die ARD-Tagesschau sich zum Sprachrohr des Leiters von einem der üblichen, linksversifften Polit-Magazine aus dem eigenen Hause macht, – ein bitteres Lachen entrang sich meiner Brust ungeachtet dessen dennoch. So unrecht hat Georg Restle mit seiner Antwort an Alexander Dobrindt nicht.

Restle an Dobrindt (Foto: Screenshot Facebook)

Daß der linken Meinungselite in Politik und Mainstreammedien allmählich der „Arsch auf Grundeis“ geht, dafür gibt es Indizien. Das NetzDG ist wohl das eindrücklichste. Aber auch die Tatort-Folge „Dunkle Zeiten“ und die für Februar avisierte TV-Groteske „Flucht aus Europa“ lassen erkennen, daß bei den Mainstreamlinken eine Art infantiler Weinerlichkeit zunehmend Raum greift, eine Flucht in den Opferstatus, den ihnen freilich außer ihnen selbst niemand zubilligen wird. Sie hätten halt gern, daß sie, wenn sie schon als die selbstgerechteste und illusionsreichste Generation seit Hitler in die Geschichte eingehen, wenigstens noch als die „menschlichste“ überliefert werden, als eine Generation mit den allerbesten Absichten. Tut mir leid: Dem steht zu viel im Wege. Stigmatisierung und Denunziation Andersdenkender sind ziemlich unmenschlich, unterstellt, daß Menschlichkeit das wäre, wofür Linke sie gerne halten.

Insofern ist es natürlich von hohem Unterhaltungswert, wenn ein notorisch Linker wie Georg Restle einem den Scheitel zieht, der sich jahrelang mit dem linken Zeitgeist arrangiert hat, nun panisch seine Felle davonschwimmen sieht und plötzlich von einer  „konservativen Revolution der Bürger“ fabuliert, die auf einmal so nötig sein soll.

Restle an Dobrindt: „so so, auf eine linke Revolution der Eliten folge jetzt also endlich eine konservative Revolution der Bürger, meinen Sie. Dazu hätte ich dann doch ein paar Fragen.

Erstens: Von welcher linken Revolution sprechen Sie denn da? Von 16 Jahren Helmut Kohl? Von sieben Jahren neoliberaler Schröder-Wende? Oder meinen Sie die zwölf Jahre Kanzlerschaft Merkels?

Zusammengerechnet macht das 28 Jahre CSU an der Bundesregierung der letzten 35 Jahre. Von Ihrer Dauerregierung in München ganz zu schweigen. (…)

Damit trifft Restle genau den wunden Punkt. Für die Gegnerschaft zur linken Gesinnungsdiktatur hätte die CSU stehen können. Konjunktiv. Stand sie aber nicht. Dafür steht heute die AfD. Die hat den Raum besetzt, den sie niemals hätte besetzen können, wäre die CSU auch nach seinem Tod dem Credo von Franz Josef Strauß gefolgt, das da lautete: Rechts neben der Union darf es keinen Raum für eine andere Partei geben. Nicht, daß die AfD heute Positionen vertreten würde, die irgendwie „rechter“ wären als das, wofür Franz Josef Strauß heute stünde. Die CSU hat diesen Raum einfach frei gemacht, dadurch, daß sie dem Mainstream folgte und nach links rückte. Beatrix von Storch, meine ich, ist es gewesen, die einmal zutreffend sagte: „Strauß wäre nicht Mitglied der AfD geworden. Er hätte sie gegründet!“.

Es rächt sich für die Union heute bitterlich, daß sie sich, wie man in Bayern sagt, für die Rolle des „Adabei“ (Auchdabei) entschieden hat, anstatt Fundamentalopposition gegen den linken Zeitgeist zu machen. „Lieber mitregieren als dauernd opponieren“, wurde das Motto nach Strauß. Es gilt aber nach wie vor: Mitgefangen, mitgehangen. Für CDU/CSU beginnt heutzutage eine lange Zeit des Leidens, denn es wird lange dauern, bis ihnen irgendjemand wieder abnimmt, daß sie die Konservativen seien. Im Moment sind sie die Weicheier, die Opportunisten und Machtgeilen, die bald jedes konservative Prinzip verraten haben, um weiter „mitbestimmen“ zu können. Das ist so, auch wenn Dobrindt meint, er könne jetzt noch auf den konservativen Zug mit aufspringen.

Georg Restle, der Leiter des Politmagazins „Monitor“, liegt aber mit seiner Antwort an Dobrindt genauso daneben wie Dobrindt mit seiner „konservativen Revolution der Bürger“. Restle weiß ganz genau, daß 16 Jahre Kohl, sieben Jahre Schröder und zwölf Jahre Merkel keinesfalls geeignet sind, die „linke Revolution der Eliten“ zu leugnen. Die gab es schon vor Kohl, Schröder und Merkel – und alle drei haben sich, ähnlich wie Dobrindt, Seehofer und die CSU mit ihr arrangiert.

Ausgerechnet der erste sozialdemokratische Kanzler der Nachkriegszeit, Willy Brandt, wollte diese Revolution bereits verhindern, indem er den sogenannten „Radikalenerlaß“ herausgab. Der „Marsch durch die Institutionen“ sollte dadurch verhindert werden. Retrospektiv betrachtet, hat er sich mit diesem Radikalenerlaß ins eigene Knie geschossen. Denkbar ist nämlich, daß sich die damaligen Ultralinken an den damaligen Institutionen noch die Zähne ausgebissen hätten. Durch den Radikalenerlaß sahen sich die Ultralinken (KPD, KBW – „Mao Tse Tung“ – „Nie wieder Nazi!“ usw.) aber zu einer Strategieänderung gezwungen. Statt einen Marsch durch die Institutionen zu beginnen, zogen sie einfach an den staatlichen Institutionen vorbei und landeten direkt in den Parteien und den Redaktionen. Die Jusos wurden unter Brandt linksradikal, später kaperten Linksradikale die neugegründeten Grünen. Es kam zu einem Zangenangriff auf die staatliche Ordnung.

In die Institutionen eingesickert sind Linke, die vom Radikalenerlaß – unter Umständen knapp – nicht erfasst wurden. Oben drüber, sozusagen, in der SPD und später bei den Grünen, in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten und bei den Mainstream-Zeitungen stiegen derweil die Linksradikalen auf in verantwortliche Positionen – und es kam schließlich zum Schulterschluß zwischen den zuvor per Radikalenerlaß Getrennten. Die Bundesrepublik wurde politisch und medial ein gesamtlinker Scheißhaufen – und angesichts dieser geballten Gestankesmacht fingen die Konservativen an, Konzessionen zu machen, um nicht bis zum St. Nimmerleinstag an den Rand gedrückt zu werden. Das rächt sich heute für die Union. Ein Beispiel für ein fatales Versäumnis der Union: In den frühen siebziger Jahren explodierte die Zahl der Professuren für „Soziodingsbumse aller Art“ förmlich. Die Soziologie hielt in einem Maße Einzug an den Universitäten, bei dem damals schon alle Alarmglocken bei der Union hätten schrillen müssen.

Um es einmal mit Helmut Kohls stark überinterpretiertem Diktum von der Gnade der späten Geburt auszudrücken: Die AfD hat einfach das unverschämte Glück, viel später als die Union die politische Bühne betreten zu haben. Hätte es Meuthen (der 1969 neun Jahre alt gewesen ist), Weidel und etliche andere Ende der sechziger, anfangs der siebziger Jahre anstelle der damaligen Union gegeben, wer weiß, welchen Weg sie damals eingeschlagen hätten. Die AfD ist in der komfortablen Position, mit Irrtümern aufzuräumen, die sich zu Brandts Zeiten noch nicht als solche herausgestellt hatten. Insofern ist der Niedergang der Union eigentlich der Ungnade ihrer frühen Geburt geschuldet. Dumm gelaufen, historisch betrachtet. Aber so ist das eben mit dem Lauf der Zeit. Dobrindt ist einfach in der falschen Partei. Es gibt sie schon zu lange. Die Unschuld zu verlieren, braucht Zeit, welche die AfD bisher nicht hatte.

Mit Restle und Dobrindt haben sich hier also zwei getroffen, von denen Ersterer glattweg die historische Wahrheit leugnet – und Zweiterer völlig unmöglich einräumen kann, daß Ersterer sie leugnet, weil er dadurch die eigene Rückgratlosigkeit, bzw. die seiner Partei  eingestehen müsste. Und meinereiner hat die unschöne Tendenz zur Schadenfreude. Man sollte es kaum glauben: Sogar in Tagen wie diesen sind manche politischen Vorkommnisse einfach urkomisch.

 

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.