Dem Heinerhofbauern sein Knecht hält eine Neujahrsansprache

Dem Heinerhofbauern sein Knecht (Foto: Pixabay)

Am Neujahrstag nach dem Frühstück machte meinereiner sich, wie jedes Jahr, auf den Weg, um dem Heinerhofbauern seinem Knecht einen Besuch abzustatten. Die Reportage vom Land.

von Max Erdinger

Es hatte getaut. Dicke Dreckklumpen hingen an meinen Wanderstiefeln, als ich die Haustür zum Heinerhof öffnete. Ich rief nach dem Knecht, aber es antwortete niemand. Daß der Heinerhofbauer und die Bäuerin erst in ein paar Tagen aus Südafrika zurückkommen, wußte ich. Aber wo war der Knecht?

Ich fand ihn im Stall, wo er gerade dabei war, einen Melkschemel zu besteigen. „Guten Morgen, Knecht!“, sagte ich laut und vernehmlich. „Ein gesundes Neues!“. Der Knecht stieg vom Melkschemel wieder herunter, kam auf mich zu und wir schüttelten uns freundlich die Hand. „Dir auch eine gesundes Neues!“, erwiderte er. Was er denn auf dem Melkschemel wollte, begehrte ich zu wissen. Eine Neujahrsansprache hätte er halten wollen, gab er zur Antwort. Die Bundeskanzlerin habe ihn inspiriert. Wenn die eine Neujahrsansprache halten kann, habe er sich gesagt, dann könne er selbst das auch. Und daß es keinen großen Unterschied macht, ob die Kanzlerin zum Volk spricht oder er selbst zu den Rindviechern.

Das wollte ich mir nicht entgehen lassen und so ermunterte ich dem Heinerhofbauern seinen Knecht, mit seiner Rede einfach zu beginnen und so zu tun, als ob ich gar nicht da sei. Er erklomm also den Melkschemel erneut.

„Liebe Rindviecher und Rindviecherinnen!“, hob er an. „Es ist mir eine große Freude wegen der Gelegenheit, euch meine Gedanken zum Neuen Jahr sagen zu dürfen, welche mich bereits auf der Türschwelle zum Kuhstall bewegt haben.“ Die Kühe glotzten dem Heinerhofbauern seinen Knecht an, ohne daß ich hätte sagen können, ob sie an der Rede des Knechts interessiert waren oder nicht. „Viele von euch machen sich Sorgen um den Riß, der durch den Kuhstall geht. Einige von euch sehen ihn, andere wieder nicht. Schon lange gab es unter euch Rindviechern nicht mehr so unterschiedliche Meinungen“, fuhr der Knecht fort.

Ich schaute etwas genauer hin – und tatsächlich: Durch den Kuhstall ging ein Riß, der sich von der Kuhstalldecke bereits bis in die Außenmauer ausgebreitet hatte.

Der Knecht fuhr fort mit seiner Neujahrsansprache. „Manche muhen gar von einem Riß, der durch die Gemeinschaft von euch Rindviechern selbst geht. Die einen muhen: Dieser Kuhstall ist ein wunderbarer Stall, in dem die Werte des Heinerhofbauern leben. Ein Stall, der stark und milchwirtschaftlich erfolgreich ist. In dem noch nie so viele Kühe Futter hatten wie heute. Ein Stall mit einem weltoffenen und vielfältigen Bestand, mit einem starken Zusammenhalt, in dem tagtäglich Dutzende Kühe ehrenamtlich für andere die Milch geben, zum Beispiel für Sportler, für Kranke und Schwache oder auch für die Flüchtlinge. Die anderen sagen: Es gibt zu viele Kühe, die an diesem Erfolg nicht teilhaben. Seid versichert, daß ich Mittel und Wege finden werde, diese Kühe auch noch zu melken.“

Ich unterbrach den Knecht. Ob er wolle, daß dem Heinerhofbauern seine Rindviecher den Rinderwahnsinn bekommen von seiner Ansprache, fragte ich ihn. Das wollte dem Heinerhofbauern sein Knecht nicht und ich konnte ihn überzeugen, seine Rede an dieser Stelle abzubrechen. Der Heinerhofbauer stieg von seinem Melkschemel herunter und wir gingen ins Haus. Ein paar Kühe schauten uns wiederkäuend hinterher. Aus dem angrenzenden Schweinestall war zufriedenes Grunzen zu vernehmen.

Dieses Jahr sei es ja so weit, brummte dem Heinerhofbauern sein Knecht, als er uns zwei Stamperl einschenkte. „Was ist wie weit?“, fragte ich nach. Zum zweihundertsten Mal jähre sich der Geburtstag von Karl Marx. Und daß er dumme Rotzlöffel nicht leiden könne. Ob er Marx für einen dummen Rotzlöffel halte, wollte ich wissen. Das nicht, erwiderte dem Heinerhofbauern sein Knecht, vor zweihundert Jahren sei ja alles noch ganz anders gewesen als heute. Aber was sich heute alles im Grunde auf den Marx bezieht, fügte er an, da seien ein Haufen saudumme Rotzlöffel dabei. Er sei sich aber nicht sicher, ob die das alles vom Marx haben.

Da gebe es noch einen Franzosen namens Scho Schack Russo, der heute in den Köpfen dieser Deppen herumgeistert. Das sei dieser Trottel gewesen, sagt er, der der Meinung gewesen ist, daß auch der Neger gut zur Welt kommt und erst durch seine Umgebung zum Problemneger wird. Die Pfarrerin unten im Dorf sei so eine, die viel vom Scho Schack Russo hält. Die hätte auch viel mit den Asylanten aus Afrika zu tun, die allerweil in der alten Molkerei untergebracht sind. Das sei wegen dem Russo, sagt er. Die Pfarrerin hält die Wilden im Dorf unten im Grunde für edel. Er selber nicht. Dem Heinerhofbauern sein Knecht sagt, daß man nicht erst durch die Weißen zum Neger wird, sondern weil man schon schwarz zur Welt kommt.

Einen der Neger hätten sie neulich dabei erwischt, wie er dem Hinterleitner eine Gans stehlen wollte. Die Pfarrerin hätte aber gesagt, daß die Leute im Dorf schuld daran seien, weil der Neger erst im Dorf unten zum Dieb geworden ist. Wie er noch in Afrika war, sei er ein völlig unschuldiger, edler Wilder gewesen, der nie eine Gans gestohlen hat. Der Heinerhofbauer sei zufällig im Dorf unten gewesen, als sie ihn mit dem Hinterleitner seiner  Gans erwischt haben. Der Bauer sei auch mit der Pfarrerin aneinander geraten, weil er gesagt hat, daß der Neger besser als edler Wilder in Afrika hätte bleiben sollen, anstatt im Dorf unten zum Dieb zu werden, weil es ja für einen Neger auch nicht schön ist, wenn er ein Dieb wird. Wegen der Menschlichkeit.

Die Pfarrerin habe den Heinerhofbauern dann angebrüllt und ihn eine schwinistische Nazisau genannt. Die Gier und der Reichtum des Heinerhofbauern seien schuld, daß es dem armen Neger in Afrika nicht mehr gefallen hat, und daß überhaupt alle im Dorf selber schuld seien, daß der Wilde jetzt im Dorf gelandet sei, wo er eine Gans stehlen musste, um sie für ein Guthaben auf seiner Prepaid-Karte für das Handy einzutauschen. Hätten die Leute im Dorf unten dem wilden Neger gleich einen Haufen Prepaid-Karten gegeben wegen seiner Unterdrückung in Afrika, so die Pfarrerin, dann hätte er nicht zum Gänsedieb werden müssen. Er glaubt aber nicht, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, daß der Neger kurze Zeit später fensterln wollte, als ihn die Leute im Dorf von der Leiter geholt haben, über die er beim Rosenbauer ins Haus einsteigen wollte. Weil der Rosenbauer gar keine Tochter hat.

Wenn der Heinerhofbauer und die Bäuerin nächste Woche aus Südafrika zurückkommen, sagt er, dann sind sie so wie immer. Die hätten noch nie beim Hinterleitner eine Gans stehlen wollen oder beim Rosenbauer eingebrochen. An Afrika könne das also nicht liegen, daß der Asylneger eine Gans stehlen wollte. Langer Rede kurzer Sinn: Dem Heinerhofbauern sein Knecht glaubt, daß dem Scho Schack Russo seine Geschichte vom edlen Wilden ein riesiger Scheißdreck ist und daß die Pfarrerin nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Aber die hält auch viel vom Karl Marx, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. Er selber glaubt ja nicht, daß irgendetwas von dem, was auf den Marx zurückgeht, heute noch einen Wert hat. Einen Klassenkampf gibt es ja heute nicht mehr, sagt er, außer auf der Autobahn. Im Grunde seien die Kämpfer auf der Autobahn aber alle von derselben Klasse, nur unterschiedlich motorisiert. Er selber als Knecht, sagt er, lebe ja auch nicht schlechter als der Heinerhofbauer, weil der Bauer so viel arbeitet wie er selber und weil das Leben ja nicht dadurch länger wird, daß einer der Chef ist.

Ein Ersatzproletariat hätten sich die Jünger vom alten Marx halt geschaffen, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. In der klassenlosen Gesellschaft von heute, sagt er, ist den Linken einfach das Proletariat ausgegangen. Also hätten sie sich ein neues ausgedacht. Als nächstes hätten sie solche Weiber wie die Pfarrerin erfunden, die ernsthaft der Ansicht ist, das Östrogen sei so etwas wie eine Arbeiterklasse. Nur, damit sie weiter Klassenkampf machen können, sagt er. Ohne Klassenkampf oder die Simulation von Klassenkampf, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, wüssten die Freunde vom alten Marx heute nicht mehr, was sie den lieben langen Tag treiben sollen und würden sich dabei recht überflüssig vorkommen. Es komme ihm da aber gerade eine Idee, sagt er, wie er der Pfarrerin die Luft herauslassen könnte.

Wenn er jetzt nicht mehr von den Kühen, den Enten, dem Ochsen, den Gänsen oder den Schweinen redet, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, sondern nur noch von „die Tiere“ – und wenn er diesen Entschluß der Pfarrerin mitteilt, die ja auch keinen Unterschied mehr macht zwischen den Asylnegern im Dorf und den Dörflern, dann könnte er vieleicht den kirchlichen Segen für ein Experiment zum zweihundertsten Geburtstag von Karl Marx bekommen. Er muß einmal mit dem Heinerhofbauern reden, wenn er aus Südafrika zurück ist, sagt er. Er stellt sich vor, die Kühe, die Schweine, die Katzen und die Hühner in einem einzigen Stall unterzubringen, über der Stalltür ein Schild anzubringen und es mit „Tierische Gesellschaft“ zu beschriften. Dann könnte er die Pfarrerin im Dorf unten mit seinem Moped abholen und ihr das linke Viecherexperiment auf dem Heinerhof zeigen. Der Heinerhofbauer hätte bestimmt wieder einen Stein im Brett bei der Pfarrerin, sagt er. Die Pfarrerin, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, würde ihm bestimmt glauben, daß die Schweine so viel Milch wie die Kühe geben und daß Olga die Zuchtsau in aller Herrgotts Früh auf dem Misthaufen kräht. Was für die Pfarrerin mit den Menschen funktioniert, mit Männern und Frauen – und daß alle gleich sind – das muß auch mit den Viechern klappen.

„Das klappt aber nicht“, warf ich ein. „Freilich klappt es nicht!“, erwiderte der Knecht, und daß er das selber wisse. Die Pfarrerin wisse es aber nicht – und das sei ja der springende Punkt an seinem Plan mit der tierischen Gesellschaft im Stall. Wenn die Pfarrerin erst einmal begeistert sei bei ihrem Besuch auf dem Heinerhof, sagt er, erst dann käme der Heinerhof-Hammer in Form eines Praxistests. Der Marx funktioniert ja auch nur im Kopf, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, aber in der Praxis nicht. Das müsse der Pfarrerin begreiflich gemacht werden, sagt er, damit wieder Frieden im Tal einkehrt. Weil die Pfarrerin auch lieber über das Zeug redet, das sie im Kopf hat, aber nichts arbeitet, mit dem sie es überprüfen könnte.

Wie er sich diesen Praxistest vorstellt, fragte ich ihn. Dem Heinerhofbauern sein Knecht erwiderte, daß er der Pfarrerin beibringen wolle, wie man eine Kuh melkt. Wenn sie es kann, sagt er, und daß man es in fünf Minuten erlernt, dann stellt er ihr den Melkschemel vor die Hühner, sagt, daß alle Tiere gleich sind – und fordert sie auf, die Hühner zu melken. Dann ahnt sie schon, daß sie eine taube Nuß ist, die Pfarrerin. Wenn sie es aber noch nicht zugeben will, fuhr der Knecht fort, dann fordert er sie auf, unter Olga der Zuchtsau die Eier hervorzuholen. Wenn sie dann fragt, wie sie unter die Zuchtsau kommen soll, sagt der Knecht, dann will er ihr das Eierpasswort für die Zuchtsau verraten. „Frau Pfarrerin das Eierpasswort für die Zuchtsau ist Karl Marx. Sie beugen sich über Olga, halten mit der rechten Hand ihr Schweinsohrwaschel nach oben und flüstern ihr „Karl Marx“ in den Gehörgang. Dann steht die Sau auf und Sie können die Eier wegnehmen.“

Die Idee fand ich gut. Ich wollte aber noch wissen, wie er sich den Ausgang seines linken Experiments mit der tierischen Gesellschaft vorstellte. Dem Heinerhofbauern sein Knecht erwiderte, daß ich wohl etwas begriffsstutzig sei. Die Pfarrerin, so der Knecht, würde merken, daß der Marxismus in ihrem Kopf im Stall vom Heinerhof nicht funktioniert. Sie wäre geheilt und dankbar. Dann würde er sie mit dem Moped wieder ins Dorf hinunterfahren und die Dörfler könnten ab sofort wieder beruhigt am Sonntag in die Kirche gehen, weil sie sich nicht mehr davor fürchten müssten, von der Pfarrerin einen saublöden Schmarren erzählt zu bekommen.

Ich habe dem Heinerhofbauern seinen Knecht recht gern, weil er immer das Gute will. Frohgelaunt, daß es noch solche Menschen gibt, machte ich mich auf den Heimweg. Das Jahr fing gut an.

 

 

 

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.