Pro Israel, das neue „Rechts“? Mozzer Morrissey motzt politisch unkorrekt

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Morrissey, exzentrischer Sänger der Legende „The Smiths“ ist ein Kritikerliebling. Doch jetzt ist der voll krass pro Brexit, kritisiert den Islam und „irritiert“ Musikjournalisten auf dem neuen Album „Low in High School“ mit zwei „israelfreundliche Songs“

Von Volker Kleinophorst

Die Musikjournaille ist nicht nur in unserem Lande eher mit den üblichen Li(nks)flexen ausgestattet und tut sich schwer mit dem doch lange kultisch verehrten Mozzer Stephen Patrick Morrissey, wie der exzentrische Querkopf sonst immer gerne von seinen Anhängern genannt wird.

Denn beim Katholiken Morrissey geht es nicht nur um die Musik. Es geht um Inhalte, Texte, was er in Interviews und auf der Bühne von sich gibt. Dass auf dem Cover von „Low in High School“ eine Junge ein Plakat hochhält mit „Axe the Monarchy“, damit kann links leben. Denn der bekennende Tierrechtler und Veganer ist eigentlich fest links eingebucht und jetzt sagt der doch die falschen Sachen.

Bild: Screenshot Internet http://morrisseyofficial.com/

So ist in der Musikzeitschrift „eclipsed“ (1/18) zu lesen: „Das neue Morrissey-Album steht an, und in seiner Heimat überschlagen sich die Meldungen: Der Musiker sei nun endgültig unter die rechten Verschwörungstheoretiker gegangen, die Songs seien pro Brexit, gegen die „Lügenpresse“ und überhaupt sei dem Mozzer seit jeher ein rassistisches Gedankengut nicht fremd.“

Da ist der Sascha Seiler von „eclipsed“ natürlich entsetzt. Ist der Mozzer doch pro Brexit. Halt Herr Seiler? War denn nicht die Mehrheit der Briten pro Brexit, weshalb man da auch eine Wahl gewonnen hat? Sind Wahlergebnisse, die der „Lügenpresse“ nicht passen, und überhaupt schon rassistisches Gedankengut, beruhend auf rechten Verschwörungstheorien oder konstruierter eigener Wahrheit? Man weiß es nicht, denn außer Behauptungen hat Herr Seiler nicht einmal eine Textzeile im Köcher, um sein tendenziöses Geschreibsel zu belegen.

Muss man „in diesen Zeiten“ ja auch nicht. Auch Hendryk Proske, seines Zeichens MDR KULTUR-Musikredakteur ist die enttäuschte Liebe unschwer anzumerken: „Der traditionell-eigensinnige britische Sänger Morrissey hat ein neues Album vorgelegt. Es bietet wunderbare Songs aber auch verstörende Botschaften. Manchmal scheint der Brexit-Befürworter einen gehörigen Rechtsdrall bekommen zu haben.“

Zwar findet auch er für die Musik lobende Worte und will den Musiker und sein „AfD-Pegida-Trump-Sprech“ nicht als verlängerten Arm aller AfD-Wutbürger bezeichnen: „Mich ärgert eher, dass Morrissey eigentlich zu intelligent ist, um teilweise so platt und polemisch zu verallgemeinern oder gar irgendwelchen Verschwörungstheorien anzuhängen. Das enttäuscht mich dann eher.“

Immerhin kriegt Proske mit: „Für viele wird es zum Problem, dass er sich den gängigen Links-Rechts-Einordnungen konsequent verweigert“. Letztlich prangert Proske dann aber doch die ganze Zeit an, dass der Mozzer nicht so links denkt, wie er es gerne hätte.

Und entlarvt sich selbst: „Da gibt es eine schöne Szene bei seinem Konzert vor ein paar Wochen in Berlin, als eine junge Frau die Gunst nutzen wollte und ihm ein wütendes „Fuck AfD, Fuck the German Nazis“ ins Mikro brüllte. Darauf gab es ein paar entsprechenden Zwischenrufe – und von Morrissey nicht mehr als ein lakonisches „Und, sonst noch einer?“, verbunden mit einem spöttischen „Gebt’s doch zu, Ihr seid alles einfach nur Angela-Merkel-Fans“. Auch in so einem Moment vermeidet er es, sich klar zu äußern.“

War wohl nicht plakativ genug. Wenn man es nicht verstehen will, dann kapiert man es natürlich nicht, wenn man mit der Nase darauf gestoßen wird.

Auch Herr „Brexit, Trumps Präsidentschaft und dem Erstarken rechtsradikaler Bewegungen“-Seiler (aus Seilers Billy Bragg Plattenkritik) hat es nicht so mit dem Verstehen. Ganz irritiert: „Nur die plötzliche Israelfixierung, die sich durch mehrere Songs zieht, bleibt ein Rätsel…“

Ja wahrlich rätselhaft. Da verteidigt einer Israel, obwohl doch die „Sing nicht für Juden“-Aktivisten um Brian Eno, Roger Waters (jouwatch berichtete) und „Artist for Palestine“ (AfP – HaHaHa) und die verschwisterte Boykottbewegung „Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel“ (BDS) mit dem Motto: Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen besonders in Großbritannien und den USA jeden mit Shitstorms überzieht, der es wagt dort ein Konzert zu geben. „Stars aus allen kulturellen Gebieten von Snoop Dogg über Judith Butler und Carlos Santana bis Jean-Luc Godard finden sich dort, Israelboykottbefürworter für jede Zielgruppe“ schreibt die TAZ. „Sobald die Tour eines westlichen Musikers auch einen Termin in Israel enthält, stehen BDS-Aktivisten mit offenen Briefen auf dem Plan und schaffen Druck.“

Was nicht immer klappt:

Dem Mozzer ist das eh Wumpe, er hat schon öfter in Tel Aviv (Schlagzeug beachten) gespielt. Auch Radiohead ließen sich nicht beeindrucken, bezeichneten die Kampagne des BDS aber als zermürbende Erfahrung. Nick Cave betonte sogar ausdrücklich wegen der Aktivitäten des BDS Stellung für Israel zu beziehen und dort zu spielen, was Cave am 17.11. auch machte. Auch Boy George ließ sich 10 Tage zuvor nicht beeindrucken von Hassern und Hetzern. die Israel einen Apartheitsstaat nennen und dessen Existenzrecht bestreiten. Guns N’ Roses und die Rolling Stones sowieso nicht.

In Israel wird das naturgemäß anders aufgenommen, als in der europäischen Musikpresse. Die Zeitung Haaretz in „Morrissey verteidigt Israel auf seinem neuen Album“:

„Die Liebe des Sängers zu Israel ist im Laufe der Jahre gut dokumentiert worden. Morrissey trat mehrmals in Tel Aviv auf und erhielt 2012 bei einem Konzert einen Schlüssel für die Stadt, in dem er sich in eine israelische Flagge hüllte. Er hat darauf hingewiesen, dass keine andere Stadt – einschließlich seiner Heimatstadt Manchester, England – ihn auf diese Weise geehrt hat.“

Bild: Screenshot von http://www.il-israel.org/nl/120729/index.html

„Der britische Rocker und frühere Smiths-Frontmann hat nicht einen, sondern zwei jüdische Themen-Songs auf dem Album, einschließlich eines namens „Israel“, der einen direkten Verweis auf Israels Kritiker bietet.

„“In anderen Ländern meckern und quengeln sie / Nur weil du nicht wie sie bist – Israel, Israel“, singt Morrissey auf der sechsminütigen Abschlussspur des Albums, so der Jewish Chronicle.“

„Auch auf Morrisseys Album ist eine Melodie mit dem Titel „Das Mädchen aus Tel Aviv, das nicht knien wollte“. Der Titel ist wahrscheinlich eine Anspielung auf Etty Hillesum, eine niederländisch-jüdische Tagebuchschreiberin, die während des Holocaust in Auschwitz ermordet wurde. In ihren Schriften bezeichnete sie sich oft als „Mädchen, das nicht knien konnte““.“

Wer davon irritiert ist, der sollte doch mal seine Einstellung überdenken.

Von Morrissey muss man eh nicht überrascht sein:

Ich empfehle „Irish Heart, English Blood“ vom 2004er Album „You are the Quarry“ (Du bist der Steinbruch).

Text gefällig:

„Irisches Herz, englisches Blut, daraus bin ich gemacht
Es gibt niemanden auf der Welt, vor dem ich Angst habe
Und keine Regierung kann mich kaufen oder verkaufen

Ich träume von einer Zeit, in der
Engländer zu sein nichts Schlechtes ist
Zur Flagge zu stehen nicht beschämend,
rassistisch oder parteiisch ist.“

Das ist sicher was die Herren Seiler und Proske mit „rechtsradikale Verschwörungstheorien“ und „Rassismus“ meinen.

Wandere aus, solange es noch geht!
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