Dem Heinerhofbauern sein Knecht wegen der Weihnachtsgeschichte …

Foto: Durch John Wollwerth/Shutterstock
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Es ist gar nicht schön, ein Neger zu sein, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht beim Weihnachtsfrühstück. Wäre es anders, dann dürften die Leute im Dorf unten noch „Neger“ sagen. Wenn etwas schön ist, dann darf man es nämlich auch benennen. Aber seit die neue Pfarrerin da ist, die ihn gestern aus der Christmesse geworfen hat, dürfen sie nicht mehr. Wenn die Pfarrerin das Wort „Neger“ hört, wird sie fuchsteufelswild, sagt er.

von Max Erdinger

Wenn es aber gar nicht mehr schön ist, ein Neger zu sein, dann haben die allermeisten Leute in Afrika Pech gehabt, daß sie Neger geworden sind, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. Sogar „Neger und Negerinnen“ darf man nicht mehr sagen, weil „Neger“ so ein scheußliches Wort ist, daß die Weiber in Afrika nicht mitgenannt werden wollen. Da muß man aufpassen, sagt er. Das ist anders als bei den Pfarrern und den Pfarrerinnen im Tal unten.

In der Christmesse gestern abend habe er wieder die jahrhundertealte Weihnachtskrippe gesehen, die jedes Jahr in der Kirche aufgebaut ist – und über der, wunderschön geschnitzt, der Stern von Betlehem mit seinem Schweif aufgehängt ist. Die Heiligen Drei Könige seien ebenfalls sehr schön ausgefallen, sagt der Knecht, wie sie kniend dem neugeborenen Heiland Gold, Weihrauch und Myrrhe in seiner Futterkrippe darbieten – und daß einer der Heiligen Drei Könige ein Neger ist.

Wir hätten aber alle miteinander ein Riesenglück gehabt, daß der Heiland in Betlehem geboren ist, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. Wenn er in Nairobi zur Welt gekommen wäre, dann wäre das Christkind mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Neger geworden und Weihnachten wäre nicht schön, sondern traurig, weil das Christkind ein Riesenpech gehabt hätte. Dann wären auch Maria und Josef ein Neger und eine Negerin, obwohl es beim Josef wurscht wäre, weil er eh nicht der Vater ist. Wenn der Heiland in Nairobi zur Welt gekommen wäre, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, dann hätte er bestenfalls ein Mischling werden können – und das auch nur, wenn der Heilige Geist weiß ist. Der Neger unter den Heiligen Drei Königen wäre dann aber trotzdem der einzige Weiße in der Weihnachtskrippe, weil dann alles anders herum wäre. Den einzigen Weißen unter den Heiligen Drei Königen müsste man außerdem rot anmalen, weil es an Weihnachten heiß ist in Nairobi und der Weiße einen Sonnenbrand hätte. Weil das Tiroler Nußöl damals noch nicht erfunden gewesen ist, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. Dann wiederum würden alle im Dorf unten durcheinanderkommen, weil sie den roten unter den Heiligen Drei Königen für einen Indianer halten würden, obwohl Amerika erst nach Weihnachten entdeckt worden ist. Chaos würde ausbrechen in der Christmesse. Insofern, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, hätte die Christenheit mit Betlehem ein Riesenglück gehabt und Weihnachten ist zu einem Fest der Freude geworden.

Wenn man nämlich „Neger“ nicht sagen darf, weil es nicht schön ist, ein Neger zu sein, dann freut sich auch niemand, wenn das Christkind schwarz ist – und alle wären traurig an Weihnachten. Betlehem paßt schon, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. Und daß es vor über 2000 Jahren für einen Weißen selbst dann, wenn er einer der drei Heiligen Könige war, schier unmöglich gewesen wäre, sich rechtzeitig bis nach Nairobi durchzuschlagen. Weil er schon hätte loslaufen müssen, bevor Maria überhaupt schwanger geworden ist. Außerdem, sagt dem Heinerhofbauern sein Kecht, sei nicht sicher, daß einer, der sich nach einem Kometenschweif als Wegweiser richtet, nicht trotzdem in Betlehem rauskommt, obwohl er nach Nairobi will. Weil es ja sein könnte, daß der Kometenschweif nur zufällig ein Wegweiser gewesen ist und daß man nicht wissen kann, ob der Komet eine andere Flugbahn gehabt hätte, wenn der Heiland als Neger in Nairobi zur Welt gekommen wäre.

Bei der Christmesse in der Dorfkirche unten sei ihm aber aufgefallen, daß der Neger unter den Heiligen Drei Königen zum ersten Mal so in der Weihnachtskrippe aufgestellt worden sei, daß er dem Jesuskind am nächsten ist. Letztes Jahr, als der alte Pfarrer noch dagewesen ist, war der Neger der letzte in der Reihe. Und alle anderen Jahre sei es auch so gewesen. Das hält er für verkehrt, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, weil die Heiligen Drei Könige Gold, Weihrauch und Myrrhe als Geschenke zur Geburt des Herrn mitgebracht haben. Wenn der vorderste der Heiligen Drei Könige aber ein Neger ist, dann wäre er auch derjenige, der das Gold verschenkt. Weil es schließlich nicht Myrrhe, Weihrauch und Gold heißt, sondern anders herum. Das kann er sich nicht vorstellen, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, daß ein Neger Gold verschenkt. Weil es der Neger selber braucht, um sich Ohrringe, Goldzähne und Goldkettchen machen zu lassen. Damit er wenigstens schön ausschaut, wenn er schon das Pech gehabt hat, ein Neger geworden zu sein.

Er persönlich versteht es ja nicht, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, was so schlimm daran sein soll, ein Neger zu sein. Weil es auch schöne Neger gibt, sagt er. Er sei ein großer Bewunderer von Luis Trenker – und der sei von der Regisseurin Leni Riefenstahl in ihren herrlichen Bergfilmen auch nicht schöner in Szene gesetzt worden, als nach dem Krieg die Nuba-Neger in Afrika. Die Riefenstahl ist eine Naziregisseurin gewesen, die großgewachsene Neger schön gefunden hat, sagt der Knecht. Die kleinen nicht so. Aber da spielt Neger oder nicht keine Rolle, weil die Leni Riefenstahl auch vom Heiko nichts gehalten hätte, obwohl der kein kleiner Neger ist. Wenn aber sogar die Nazis Fans von großen Negern sein können, ohne daß sich jemand etwas dabei denkt, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, dann sind sie tolerant. Und die neue Pfarrerin im Dorf unten ist intolerant, weil sie die Neger für solche Pechvögel hält, daß man sie vor lauter Mitleid nicht einmal mehr „Neger“ nennen darf.

Er sei aber trotzem froh, daß der Heiland keiner gewesen ist, weil man bei der heutigen Pfarrerin von einem „Heiland mit Hintergrund“ sprechen müsste. Und „Heiland mit Hintergrund“ klänge schon ein bißchen wie „Benachteiligtes Christkind mit Diskriminierungsvordergrund“. Benachteiligt sei das Christkind aber erst am Karfreitag worden, als es kein Kind mehr gewesen ist. Und zwar zu unserem Vorteil, sagt er. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Pfarrerin redet jedenfalls nicht mehr von den Heiligen Drei Königen, sagt der Knecht, sondern von den Heiligen Zwei Königen und dem diskriminierten Dritten mit afrikanischem Betlehemhintergrund. Die Pfarrerin sei überhaupt ein bißchen seltsam, sagt der Knecht. Der Wirt unten im Dorf habe erzählt, daß sie sich nach der Probe des Landfrauenchors einmal eine Leberkäsin bestellt hat und völlig ausgeflippt ist, als er erwiderte, daß er bloß einen Leberkäs hat. Der Leberkäs sei der Massa der Leberkäsin, habe sie den Wirt angeschrien, und dann sei sie wütend aufgestanden, habe die Faust gegen die Stubendecke gereckt und das Wirtshaus wüst fluchend verlassen. Seither sind viele Dörfler verunsichert, sagt der Knecht. Dem Hinterleitner sein Bub habe sogar gesagt, daß die Pfarrerin einen rechten Laberkäs daherredet. Aber der sei schon immer respektlos und frech gewesen. Die Pfarrerin könne schließlich auch nichts dafür, daß sie als Frau zur Welt gekommen ist, sagt der Knecht. Sie hätte halt Pech gehabt, so wie die Neger in Afrika.

Wenn man „Neger“ nicht mehr sagen darf, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, weil alle trübsinnig werden, wenn sie an das Pech denken, das die Neger gehabt haben, dann würde er sich nicht wundern, wenn man „Frau“ bald auch nicht mehr sagen darf, sondern „Mensch mit Östrogenhintergrund“ nehmen muß. Und das wäre dann auch noch gelogen, sagt er. Weil die Pfarrerin solche Möpse hat und einen solchen Schmarren daherredet, daß das Östrogen im Vordergrund steht und nicht im Hintergrund.

Jedenfalls regt ihn dieses ganze Negergetue tierisch auf, sagt der Knecht, und daß er heute Nachmittag mit seinem Moped ins Tal hinunterfahren will, weil er erstens den Unimogschlüssel nicht findet, und zweitens, um den Neger unter den Heiligen Drei Königen in der Krippe weiß anzumalen. Damit endlich Ruhe ist.

Daß der Heinerhofbauer immer den Unimogschlüssel mitnimmt, wenn er mit der Bäuerin über Weihnachten und Neujahr zur Verwandtschaft nach Südafrika fliegt, sei außerdem eine unchristliche Gemeinheit, sagt er.

Schon war er wieder beim Thema. Der Knecht räsonierte weiter über den Neger als solchen und den schwarzen Kontinent im Vordergrund des Hintergrundes. Afrika sei schon immer der schwarze Kontinent gewesen, früher. Die Pfarrerin habe aber schon vom „menschlichen Kontinent“ gesprochen, nur, damit die Neger farblos werden. So ein Mitleid mit den Pechvögeln müsse man aber auch wieder nicht haben, sagt er, daß man an gar keine Neger denkt, wenn man „Afrika“ hört. Die sind einfach schwarz. Und deswegen heißen sie Neger, sagt er. Neger zu sein, ist völlig in Ordnung. Was wäre die Welt ohne Neger? – Nicht die Welt wäre sie, sagt der Knecht. Und daß es in Afrika auch ein paar schöne Fleckchen Erde gibt, auch wenn die Pfarrerin so tut, als gäbe es keine.

Wenn er im Kreisboten die Spendenaufrufe von „Brot für die Welt“ sieht, sagt der Knecht, oder von anderen Hilfsorganisationen, sieht er immer bedürftige Neger. Oder im Fernsehen die Bilder von den vielen Negern auf den Schlauchbooten: Die schauen immer bedürftig aus. Neulich sei aber eine Beilage im Kreisboten gewesen. Vom Reisebüro aus der Stadt. Schöne Bilder hätte es zu sehen gegeben von weißen Stränden, dem Meer, einem lachenden Neger mit einem Fisch neben dem Kopf und einem Surfbrett obendrauf. Und von Löwen, Giraffen und Elefanten. Blauer Himmel und Sonnenschein. Total fähige Neger, sagt der Knecht. Das Bild vom fähigen Neger zeigen uns die Tourismusbehörden einzelner Länder in Afrika. Sogar Bilder von verspiegelten Wolkenkratzern habe er in der Beilage des Reisebüros gesehen. Demnach wäre eine Kapstadt-Rundfahrt im gemieteten Cabriolet ein unvergessliches Erlebnis, nicht im geringsten getrübt von Angst vor Raub- und Mordkriminalität – und in Kenia wären die Straßen so sauber, daß man von ihnen essen kann.

Der Heinerhofbauer hat aber bei seiner Verwandtschaft in Südafrika ein altes Maschinengewehr deponiert, sagt der Knecht. Wenn der Heinerhofbauer nämlich nicht wüßte, sagt er, daß dieses Maschinengewehr in Südafrika im Versteck auf ihn wartet, würde er mit der Bäuerin nicht mehr hinfliegen. Der Heinerhofbauer traut nämlich nicht den Negern, sagt der Knecht, sondern seinem Maschinengewehr. Und daß der Heinerhofbauer jedes Jahr froh ist, wenn er wieder heimkommt, ohne daß er es hat gebrauchen müssen.

Gut ist, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, daß der Bauer sich mit den Negern inzwischen auskennt und die bedürftigen von den fähigen unterscheiden kann. Weil: Im Dorf unten gibt es seit ungefähr einem Vierteljahr welche. Der Heinerhofbauer, behauptet der Knecht, sagt, daß bei denen zuhause ein Naturgesetz gilt, demzufolge ein Menschenleben weniger wert ist als bei uns. Und daß es ein Naturgesetz sein muß, weil kein vernünftiger Mensch ein solches Gesetz erlassen würde. Es gibt unzählige Videos aus Afrika, sagt der Knecht – und daß er es vom Heinerhofbauern selbst erfahren hat – in denen zum Beispiel zu sehen ist, wie ein Lynchmob seine Opfer umbringt. Er erspare sich lieber die grauenhaften Einzelheiten, habe der Heinerhofbauer angefügt. Das seien Bilder, die man schwer wieder aus dem Kopf bekommt. Das einfache Volk sei oft völlig ungebildet, ohne Christus in der Not verroht, im wahrsten Sinne des Wortes saudumm und von unserem Denken weiter entfernt als die Sonne vom Mond. Drei von solchen Negern würde er lieber nicht im Dorf unten begegnen, wenn er gerade „ihr lieben Negerlein“ denkt, sagt der Knecht.

Dem Heinerhofbauern sein Knecht sagt, daß es farblose, bedürftige Neger mit einem Hintergrund nicht gibt. Neger aus Afrika gibt es. Und daß er die Pfarrerin nicht mag, weil er sie für eine dumme Kuh hält. Kein Neger würde sein Gold verschenken. Wenn sich hundert Neger in einem Schlauchboot befinden, sagt er, dann ist bloß das Schlauchboot ein- und dasselbe. Oben drauf sitzen hundert verschiedene Neger, die eine Gemeinsamkeit haben: Daß sie schwarz sind. Das Schlauchboot ist meistens grau. Unter hundert Negern auf einem grauen Schlauchboot im blauen Mittelmeer, sagt der Knecht, befinden sich aber garantiert ein paar, die durch ihr vorheriges Leben derartig zerstört sind im Kopf, daß jeder ein Depp sein muß, der nichts anderes als zehn kleine Negerlein in Seenot samt ihrer ganzen Bedürftigkeit erkennt. In Italien seien bereits islamische Neger zu Haftstrafen verurteilt worden, weil sie in ihrer Seenot christliche Mitflüchtlinge über Bord geworfen hatten, obwohl die ebenfalls Neger gewesen sind. Es gibt viele Neger, die andere Neger umbringen, sagt der Knecht. Der Heinerhofbauer habe erzählt, daß es in Südafrika vor einem halben Jahrhundert nur 170 Mordopfer im Jahr gegeben hat. Das sei gewesen, als noch weiße Christenmenschen segensreich das Land beherrscht hätten. Heute bringen die Neger in Südafrika jedes Jahr 25.000 Leute um, überproportional häufig solche, wie die Verwandtschaft vom Heinerhofbauern und der Bäuerin auf ihrer Farm.

Was Mitte der Neunziger Jahre in Ruanda passiert ist, sagt der Knecht, wo sich über eine Million Neger bestialisch gegenseitig abgeschlachtet haben, zeigt, daß ein Schußwaffenverbot im Dorf unten nichts taugt. Die haben sich zum Teil mit dem Klappspaten erschlagen, sagt er. Und mit Löffelstielen gegenseitig die Augen ausgestochen. Das sind keine Menschen wie wir, sagt er. Menschen sind sie halt. Aber ganz andere. Wenn  Menschen wie wir eine Million Leute umbringen wollen, sagt der Knecht, dann nehmen wir ferngelenkte Waffen und Bomben, damit wir das Sterben nicht mit anschauen müssen. Weil wir nicht gerne grausam sind. Dem Neger macht das nichts aus. Der schaut dir ins Gesicht, während er dir den Kartoffelschäler in den Bauch rammt. Weil er es so kennt.

Wenn die Pfarrerin nächstes Jahr das Christkindpüppchen in der Krippe auch noch gegen ein schwarzes aus Plastik in einem rosa Jäckchen austauscht, sagt der Knecht, dann reicht´s ihm. Weil dann schaut die Krippe aus wie Nelson Mandela als Heiliger König, der gerade seine neugeborene Tochter bestaunt, während der Josef dumm rumsteht, als ob er gar nicht dazugehört. Deswegen malt er diesen Heiligen Drei Königsneger jetzt an.





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