Anabel Schunke: Volk ohne Identität

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Deutschland - eine Leidensgeschichte (Foto: Durch ESB Professional/Shutterstock)

Wenn ich an Begriffe wie Leitkultur denke, an das, was typisch Deutsch ist, dann denke ich bisweilen nicht an die großen wertebasierten Errungenschaften. Ja, wir werden geschätzt – für unsere Verlässlichkeit, Pünklichkeit und Genauigkeit. Aber ist das spezifisch Deutsch? Sind das nicht eher „kühle“ Eigenschaften, die nicht annähernd ausreichen, um das zu beschreiben, was sich im Herzen abspielt? Und auf wie viele Menschen hierzulande trifft das überhaupt noch zu? Was macht uns als Kulturnation aus? Das Land der Dichter und Denker sind wir doch schon lange nicht mehr.

Von Anabel Schunke

Das Traurige ist: Wenn ich abseits dieser Allgemeinplätze darüber nachdenke, was typisch Deutsch ist, fallen mir fast nur noch Dinge ein, die uns lächerlich erscheinen lassen.

Typisch Deutsch, das sind für mich Familien, in denen jeder im Haus, einschließlich die Gäste, Pantoffeln tragen muss.

Typisch Deutsch, das ist für mich die Fahrradhelm-Familie.

Typisch Deutsch, das ist für mich das Jack-Wolfskin-Jacken-Pärchen im Ikea. Der entmannte Malte-Thorben, der hinter seiner Ökotante hinterherläuft.

Die Liste könnte man beliebig ergänzen, aber ich denke, ihr wisst, worauf ich hinaus will.

Auch diese Eigenschaften sind seelenlos. Das Einzige, was sie aufzeigen, ist die Bigotterie eines Volkes, dass sich vor Pantoffel-losen Füßen in der Wohnung und Fahrradfahrten ohne Helm fürchtet, während es zugleich todesmutig behauptet, es ließe sich vom Terror nicht einschüchtern und die Millionenfache Einwanderung von Menschen befürwortet, über deren Identität es nicht das Geringste weiß.

Es ist jene Bigotterie, die mich wiederum zu den Assoziationen führt, die ich suche, um „die deutsche Seele“ wirklich zu schreiben. Was dann übrig bleibt, ist noch viel weniger als der Pantoffel-Spießer.

Es sind Eigenschaften wie Rückgratlosigkeit, fehlender Stolz, Dummheit und Naivität, die mich begleiten und zum wiederholten Male in den letzten knapp zweieinhalb Jahren frage ich mich, was ich hier eigentlich genau verteidige, wofür ich eigentlich kämpfe. Für den Erhalt des Pantoffel-Spießers sicherlich nicht.

Ja klar, für die westlichen Werte. Den liberalen Rechtsstaat. All das, woran ich glaube, von Adam Smith bis Hayek und Friedman. Für die Erinnerung, an das, was einmal war. Goethe, Schiller und all die Menschen, auf deren Rücken wir uns auch nach Jahrhunderten immer noch etwas einbilden. Aber wie viel ist davon noch übrig? Wie viel Kultur und wie viel Liberalismus ist noch übrig in einem Land, in dem die sozialistische Nivellierung aller Unterschiede und die Negierung der eigenen Kultur mittlerweile Staatsräson zu sein scheint?

Es ist wie es ist: Die deutsche Gegenwart ist größtenteils seelen-, kultur- und herzlos. Sie ist tatsächlich nicht viel mehr als das Jack-Wolfskin-Pantoffel-Fahhradhelm-Pärchen. Nicht mehr als ein Volk, das sich alles, einfach alles gefallen lässt, um endlich von aller Welt Achtung zu erfahren und dabei alles an Frieden und Stabilität verspielt, was man sich gerade hierzulande so teuer erkämpft hat.

Das Volk ohne Identität sucht sich diese nun über diese Selbstzerstörung. Über eine linke Pseudomoral, das Bloß-Nicht-Rechts-Sein. Und so ist es wohl der Ironie des Schicksals geschuldet, dass genau jene, die behaupten, dass es weder Grenzen gibt, noch Dinge, die spezifisch Deutsch sind, belegen, wie sehr dieses Land nach einer gemeinsamen Identität, nach etwas sucht, worauf es stolz sein kann.

Aber die destruktive Hypermoral, das bloße, zutiefst gratismutige „Gegen-Rechts-Sein“ reicht nun einmal nicht aus, um jemand zu sein.

Dafür bedarf es nämlich letztlich doch der Dinge, die heute als verpönt gelten. Dinge, die man jedem anderen zugesteht, außer sich selbst – wie z.B. der Nationalstolz.

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