Mein erstes Parteibuch

Symbolfoto: Durch Ewa Draze/Shutterstock
Symbolfoto: Durch Ewa Draze/Shutterstock

Ich gestehe. Ich war mal ein Linker. Als Jugendlicher, in meiner Trotzphase. Und was für einer. Ein echter Linksaußen, wie viele in meinem Alter, die von den großen Brüdern aus der 68er-Generation den Kopf gewaschen bekommen hatten.

Von Thomas Böhm

Ich hatte gerade meine letzten Pubertätspickel ausgedrückt, als ich stolz mein erstes Parteibuch der Deutschen Kommunistischen Partei auf das Schülerpult knallte und unsere Lehrerin herausfordernd angrinste.

Die alte Dame war erbost, hatte sie doch auch noch ein Parteibuch, das zu meinem so überhaupt nicht passen wollte: ein Parteibuch der NSDAP. Sie durfte es nicht zeigen, aber sie trug es in ihrer Handtasche mit sich herum, wie viele andere dieser “Restbestände” aus der Nazizeit, die in unserer Schule Unterschlupf erhalten hatten. Das hatte ich beim Schnüffeln im Lehrerzimmer herausgefunden.

Da diese Lehrerin allerding in der stärkeren Position war, verlangte sie von mir, dass Parteibuch in den Mülleimer zu schmeißen. Weil das aber so schön rot war und so köstlich nach Arbeitereinheitsfront roch, verweigerte ich diesen Befehl und wurde dafür mit einem Schlüsselbundwurf bestraft.

Ein guter Wurf und ein schwerer Schlüsselbund, typisch für Lehrer. Aber er traf mich lediglich am Ohr. Trotzdem fiel ich vom Hocker und stellte mich mausetot. Der Notfallarzt kam, die Lehrerin ging und kam nicht wieder. Sie wurde vom Schuldienst suspendiert.

Mir klingelten zwar immer noch die Ohren, aber ich hatte meinen ersten politischen Sieg errungen, Völker hört die Signale.

Der zweite folgte dann zugleich. Ich war vom Bezirksvorsitzenden der DKP dazu verdonnert worden, vor einer Süßwarenfabrik Flugblätter zu verteilen. Von wegen „Der Schokoladenosterhase gehört dem Volk“ und „DDR ist süß, BRD ist bitter“. Die Arbeiter, die von der Nachtschicht so schnell wie möglich nach Hause wollten, schauten mich müde und mitleidig an, als ob ich ein Mauersegler wäre und Kurzem rüber gemacht hätte.

Aber das war mir egal. Die Gehirnschale vollgestopft mit Büchern von Marx, Engels, Lenin und Mao versperrte ich den armen Arbeitern weiterhin den Weg in den Feierabend, bis mir einer vom Wachpersonal den Mund mit Pralinen stopfte.

Von da an war ich jeden Tag um die gleiche Zeit am selben Ort und ließ mich füttern, bis der Wachmann wegen Veruntreuung von Schokoladenstückchen gefeuert wurde.

Was war ich stolz auf diesen Sieg. Hatte ich den armen ausgebeuteten Proletarier doch vom Joch befreit und gleichzeitig dem Fabrikbesitzer und Ausbeuter zugunsten des eigenen Übergewichts um einen nicht unerheblichen Teil seiner Beute erleichtern können.

So ging es munter weiter im politischen Kampf. Als Genosse „Eintrittsgeld“ verwaltete ich die Konzertkassen, wenn die Gruppe „Floh de Cologne“ auf Einladung des Bezirksvorsitzenden der DKP unsere Vereinskneipen zum Bersten brachte und als Praktikant im Archiv der Zeitschrift „Konkret“ durfte ich sogar die Bekanntschaft mit einigen radikalen Zeitgenossinnen machen, die später in den Untergrund gingen. Was mir aber wegen meiner Klaustrophobie nicht so sehr behagte.

Es war eine wilde, aufregende aber auch anstrengende Zeit. Von Berufsverboten bedroht und als Andersdenkende wie Aussätzige behandelt, gab es für uns Linke leider auch immer wieder zusätzlich Ärger in den eigenen Reihen. Wie Pilze schossen konkurrierende Organisationen aus dem Boden und machten einem dem Widerstand schwer. Marxisten, Leninisten, Maoisten, Trotzkisten – einer kommunistischer als die andere. Aber trotz permanenter Spaltungsversuche gelang vielen Wortführern schließlich der Marsch durch die Institutionen, erst die wirtschaftliche Karriereleiter, dann die politische Himmelsleiter rauf bis ganz nach oben, nach Wolkenkuckucksheim.

Ich blieb an einer der untersten Sprossen hängen, denn meine kapitalistischen Gene mussten mir ausgerechnet zu einem Zeitpunkt einen Streich spielen, an dem ich als Funktionär ebenfalls ganz hoch hinaus hätte kommen können.

Warum musste ich mich als Schulsprecher auch unbedingt für die Aufstellung eines Coca-Cola-Automaten in der Kantine stark machen! Mit meiner Zuckerlust hatte ich mich für meine Genossen mit dem Inbegriff des amerikanischen Imperialismus verbrüdert. Verrat, Verrat!

Der Rauswurf aus der Partei ließ nicht lange auf sich warten und so verlor ich meinen ersten Parteiausweis, so schnell konnte ich gar nicht die geballte Faust lösen.

Meine Trotzphase habe ich allerdings noch immer nicht überwunden und leiste weiterhin politischen Widerstand. Heute aber mehr gegen meine einstigen Genossen, die jetzt alle fett gefressen dem persönlichen Wohlstand, dem politischen Rückwärtsgang und geistigen Stillstand frönen und dabei heuchlerisch gegen den Kapitalismus wettern.

Und Andersdenkende wie Aussätzige behandeln.

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