Warum ich als Migrant versagt habe

Portugal, Landschaften

Ich war neulich in Portugal. An der wunderschönen Algarveküste. Drei Jahre lang. Hatte einfach die Schnauze voll von Deutschland. Keine Arbeit, wenig Freunde, schlechtes Klima – politisch, gesellschaftlich und natürlich wettertechnisch. Ich war zwischen Kaltfronten, Tiefdruckgebieten und Wahlversprechen über die Jahre hinweg einfach völlig zermürbt.

Von Thomas Böhm

Ich musste einfach mal an die frische Luft und mir in Portugal einen Traum verwirklichen. Den Traum von einem besseren Leben. Persönlich, politisch, gesellschaftlich, wollte es mir zwischen Hochdruckgebieten und gegrillten Sardinen so richtig gut gehen lassen. Ich war also migrantisch hoch motiviert.

Aber der Traum ist geplatzt, wie ein Wetterfrosch, den Tierquäler mit einem Strohhalm aufgeblasen haben.

Weil ich alles falsch gemacht habe, was man als Migrant überhaupt falsch machen kann.

  1. Fehler:

Da ich von der langen Anreise mit dem Flugzeug schon etwas müde war und mich natürlich erst mal in aller Ruhe ausgiebig akklimatisieren musste, habe ich es mir bequem gemacht und meine Zelte in der deutschen Community an der Algarve aufgeschlagen. Einige der Unseren waren schon sehr lange dort unten im Süden. Sie hatten sich angepasst, konnten perfekt portugiesisch lesen, schreiben und sprechen, arbeiteten fleißig und füllten somit die portugiesische Steuerkasse auf. Sie waren teilweise mit den Einheimischen liiert und hatten mit denen sogar Kinder gezeugt. Die meisten Neuankömmlinge aber waren, so wie ich, Traumtänzer und hatten es ganz eilig, glücklich und zufrieden zu werden. Ohne sich groß anzustrengen, bitte schön. Die allerletzte Generation, die hinter der ersten Generation erst mal in Lauerstellung gehen wollte.

Hat nicht funktioniert. Das Ersparte war schnell verjubelt und der Weg zum Sozialamt weder ausgeschildert, noch anständig gepflastert. Man zeigte mir freundlich aber bestimmt die Tür nach draußen. „Ohne Einzahlungen in das portugiesische Sozialsystem auch keine Auszahlung aus dem portugiesischen Sozialsystem“ lautete die einfache, aber schlüssige Begründung.

So etwas war ich das aus Deutschland nicht gewohnt. Aber andere Länder, andere Sitten.

Also musste ich mir Arbeit suchen. Unter meinesgleichen, das war einfacher und ging schneller. Ich heuerte als Animateur auf einem Touristenboot an. Deutsche Firma, deutscher Kapitän, überwiegend deutsche Touristen. So blieb ich fern der Heimat ihr doch so nah. Das war dann aber auch gleich mein

  1. Fehler:

Man hatte mich gewarnt. „Verschanze dich nicht hinter deiner eigenen Kultur, so kommst du in einem fremden Land nie wirklich an. Du musst gegenüber der portugiesischen Gesellschaft aufgeschlossen sein, dem Staat etwas geben und nicht nur die Hand aufhalten. Mögen die Portugiesen auch noch so freundlich gegenüber Ausländern sein, du bleibst ein Gast. Gern gesehen, so lange du ihnen nicht auf der Tasche liegst, aber nicht länger geduldet, wenn du anfängst zu schnorren oder zu betteln“.

So etwas kannte ich aus Deutschland überhaupt nicht. Aber andere Länder, andere Sitten.

Kaum hatte ich meinen Arbeitsplatz mit meiner Anwesenheit beglückt, gab es Probleme. Zank, Intrigen, Neid und Missgunst beherrschten die Szene. Wegen irgendeiner Liebesaffäre, mit der ich gar nichts zu tun hatte, verlor ich ganz schnell wieder meinen Job. Nicht dass ich darüber traurig gewesen wäre. Für die lausigen Euros, die ich verdient hatte, konnte ich mir gerade mal zwei Äpfel und ein Ei kaufen.

Eine deutsche Familie, im Besitz einer großen Villa, hatte dann Gott sei Dank Erbarmen mit mir und so durfte ich fortan ihre Klos putzen. Für 500 Euro. Mehr nicht. Für portugiesische Verhältnisse war das allerdings recht viel. Und außerdem konnten die deutschen Mitglieder dieser deutschen Familie alle recht gut deutsch sprechen, was mir das Klo putzen erleichterte.

Und wie soll ich sagen? Das war dann mein

  1. Fehler:

Ich schwör‘s. Ich wollte ernsthaft portugiesisch lernen. Hatte mir auch einen Sprachführer gekauft, in dem zumindest die wichtigsten Wörter „Danke“ und „Bitte“ aufgelistet waren. Aber das reichte natürlich nicht, um im Alltag klar zu kommen. Denn man kann sich noch so gut zwischen den anderen Deutschen verstecken, irgendwann erwischen dich die Portugiesen. Beim Einkaufen, in einer Behörde, auf der Bank und natürlich auch die Polizei.

Die Ordnungshüter erwischten mich am Strand, wo denn sonst. Beim Nacktbaden. Wie Gott mich geschaffen hatte, wollte ich in die Fluten springen, als mir ein uniformierter Beamten den Weg zum Meer versperrte und unmissverständlich zu verstehen gab, dass ich mich anzuziehen hätte. Das wäre in Portugal nun mal so üblich und ich hätte die Gesetze und Gebräuche gefälligst zu beachten.

Meinen Einspruch, dass ich doch einen Migrantenstatus hätte, nahm er nicht hin und behauptete, ich würde ja auch nicht in Badehose zum Nordpol ziehen und diesen bitten, die Heizung anzudrehen, weil mir kalt wäre. Stattdessen hätte ich mir sicherlich etwas Warmes angezogen.

Der Beamte konnte übrigens fließend Deutsch sprechen. Ansonsten wäre ich im Gefängnis gelandet. So durfte ich mir die erwähnte Badehose anziehen und weiter planschen.

Aber es war mir eine Warnung und höchste Zeit, nun ernsthaft portugiesisch zu lernen. Einen kostenlosen Sprachkurs wurde allerdings nicht angeboten und den Begriff „Integrations-Industrie“ war kein Bestandteil meines Büchleins „Portugiesisch für Anfänger“, was ich mir am Flughafen gekauft hatte. Also habe ich mich für einen Privatunterricht angemeldet. Und bin nie hingegangen. War mir zu teuer. Die Portugiesen nahmen darauf keine Rücksicht und redeten weiterhin so, wie ihnen der Mund gewachsen war. Fand ich ganz schön rücksichtslos.

So etwas hatte ich aus Deutschland auch nicht in Erinnerung. Aber andere Länder, andere Sitten.

Der schlimmste Fehler, mein Kapitalfehler, war aber der

  1. Fehler:

Ich habe mich beim Bürgermeister beschwert. Als streng gläubiger Atheist war ich mir das schuldig. Mir ging diese ganze Marien-Verehrung, diese ständigen Prozessionen in diesem katholischen Land dermaßen auf den Senkel. Ich wollte einfach meine Ruhe haben. Auch am Sonntag, vor allem am Sonntag. Was nicht so einfach war, da ich direkt neben der Kirche wohnte.

Also habe ich den Bürgermeister gedroht, eine Anti-Maria-Demonstration zu organisieren, wenn nicht zumindest am Sonntagmorgen die Kirchenglocken und dieser Gesang aufhören würden.

Doch der Bürgermeister blieb standhaft und erklärte mir freundlich und höflich den Weg zum Flughafen, wusste auch, wann die nächste Maschine nach Berlin gehen würde.

Ich habe ihn natürlich als ausländerfeindlich und Rassist beschimpft. Aber er hat nur gelacht.

Auch das wäre in Deutschland wohl nie passiert. Aber andere Länder, andere Sitten.

Dennoch habe ich mir seinen Rat zu Herzen genommen und bin ins Schlaraffenland zurückgekehrt. Als Migrant. Besser geht’s nicht.

Wandere aus, solange es noch geht!
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