Der dreibeinige Hund vom Bosporus

Foto: Durch Mat Hayward/Shutterstock
Foto: Durch Mat Hayward/Shutterstock

Als ich Mitte der 70er Jahre meine erste Wohnung in Neukölln bezog und dort meinen ersten Job  antrat, war alles noch in Butter. Naja, die Wohnung weniger, sie hatte ein Außenklo, auf dem ich mir im Winter den Hintern abfror und der Job in den AEG-Kabelwerken, in denen ich Nacht für Nacht flüssiges PVC einatmen durfte, war auch nicht so toll. Aber das ganze Drumherum war einfach schön. Neukölln lebte und bebte. Es roch nach Kümmel und Currywurst.

Von Thomas Böhm

In dieser Zeit lernte ich meinen ersten Türken kennen. Er hieß Ali. Ja, wirklich, er hieß Ali. Er verbrachte mit mir die Nächte in den Kabelwerken und stand mir zur Seite, als mich ein paar deutsche mit Whisky vollgepumpte Kollegen verprügeln wollten, weil ich an der Kabeltrommel einen Knoten produziert hatte.

Ali stellte sich einfach zwischen mich und die Angreifer und jagte sie zum Teufel. Anschließend nahm er seine weiße Strickmütze vom Kopf und schenke sie mir mit den Worten: „Ab sofort bist du ein Türke und stehst unter meiner Obhut.“

Gesagt, getan. In den nächsten Wochen, Monaten und Jahren wurde ich regelmäßig von Ali zum Essen nach Hause eingeladen, tanzte auf vielen türkischen Hochzeiten herum und durfte sogar die eine oder andere wunderschöne türkische Tochter zum Ringelpiez mit Anfassen in meine Wohnung schleppen. Der türkische Gemüsehändler um die Ecke hatte immer mal einen Apfel für mich übrig, meinen Hund nannten sie „Hassan“ und er schlabberte immer wieder gerne und genüsslich die Reste vom Dönerspieß auf.

Ich fühlte mich wohl, geborgen in der türkischen Gemeinde von Neukölln und trug stolz meine weiße Strickmütze durch die Gegend. Wir sprachen alle deutsch. Vom Islam oder dem Christentum war keine Rede.

Das änderte sich erst, als ich Anfang der 80er Jahre in die Türkei flog, um dort Urlaub zu machen. Gastfreundlich, wie die Menschen dort nun mal sind, luden sie mich eines Tages zum Koranunterricht ein. Das war alles sehr neu und aufregend für mich.

Hätte ich nur meinen Mund gehalten.

Zu einer fortgeschrittenen Unterrichtsstunde – ich hatte da schon jede Menge Raki intus, versuchte der Religionslehrer, mir Allah zu erklären. Er sagte:

„Schau dich um, mein lieber Schüler. In allen Wesen und Dingen dieser Welt ist Allah.“

In diesem Moment humpelte ein dreibeiniger Hund vorbei und ich fragte:

„Ist Allah auch in diesem Hund?“

Nur wenig später fand ich mich an einen Laternenpfahl auf dem Marktplatz angebunden wieder. An meiner Brust prangte ein Schild, auf dem stand: „Idiot“.

Am nächsten Morgen ließ man mich wieder frei. Wütend wie ich war, rannte ich zur nächsten Moschee, schnappte mir die Pantoffeln, die ordentlich in Reih und Glied vor dem Eingang sortiert waren und warf sie in die tosende Ägäis.

Ich habe danach nie wieder die Türkei betreten.

Musste ich auch nicht, denn ich konnte ja hier in Neukölln Urlaub machen – alles inklusive, bloß ohne teuren Flug.

Überall um mich herum erblühte die Türkei in Neukölln mittlerweile zu neuem Leben. In den Obst- und Gemüseläden konnte ich frische „anatolische“ Mangos und Kiwis ergattern, an den vielen Kebab-Imbissen durfte ich meinen sadistischen Gelüsten frönen, in dem ich mir das Fleisch von unbetäubt geschächteten Lämmern durch die Kehle trieb, ein Abstecher zum Goldankauf auf dem Weg vom Zahnarzt nach Hause füllte regelmäßig meine Brieftasche, die ich in schöner Regelmäßigkeit in den Spielhöllen wieder leerte. In den Internet-Cafés konnte ich über die fremde IP-Adresse böse Mails verschicken, beim Billigfriseur meine Glatze polieren lassen, beim Gebrauchtwagenhändler einen platten Reifen gegen einen profillosen Reifen austauschen lassen und beim Tabakhändler meine Lunge füllen. Das multikulturelle Leben war wirklich eine Bereicherung. Für alle, für die Türken und für mich.

Doch auch hier änderten sich die Zeiten und ich bekam immer mehr das Gefühl, das irgend ein Allmächtiger zwischen mir und meine türkischen Freunde eine Scheibe aus Panzerglas hochgekurbelt hätte. Die Verständigung wurde schwieriger, weil ich immer noch nicht richtig türkisch konnte, die wunderschönen jungen Frauen versteckten sich mehr und mehr unter irgendwelchen bunten Tüchern und ihre Brüder präsentierten mir lieber Solinger Stahl als ihre wunderschönen Schwestern.

Irgendwann war selbst für mich dieser Urlaub zu Ende und so zog ich von Neukölln nach Wilmersdorf, in diesen gut bürgerlichen Bezirk. Inzwischen sind auch hier die Parkplätze von vielen dicken BMWs versperrt, dafür passt jetzt Ihab, mein libanesischer Hausmeister und Drusen-Freund auf mich auf.

Am 11. September 2001, kurz nach dem Terrorangriff auf das World Trade Center in New York, bin ich noch mal nach Neukölln zurückgekehrt. Als ich sah, wie sich die Menschen auf den Straßen jubelnd um die Arme fielen, habe ich mir geschworen, diesen Stadtteil nie mehr zu betreten.

Manchmal denke ich noch ein wenig wehmütig an Ali, meinen ersten Türken, der noch vor mir die Flucht aus Neukölln ergriffen hatte, denke ich an die Zeit, als ich noch ein Türke sein durfte.

Wandere aus, solange es noch geht!
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