Alle meine Kopftücher

Foto: Durch MatiasDelCarmine/'Shutterstock
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Ich liebe Kopftücher, sie sind mir im Laufe meines Lebens immer mehr ans Herz gewachsen. Ohne meine Kopftücher komme ich mir in dieser kalten und barschen Welt verloren vor. Ich glaube an meine Kopftücher.

Von Thomas Böhm

Ich war sechs Jahre alt, als ich mich zum ersten Mal in ein Kopftuch verliebt habe. Das war das schöne und schlichte Kopftuch von Rotkäppchen, die mithilfe eines Jägers – und ich glaube heute noch auch mithilfe ihres Kopftuches – den bösen Wolf überlistet hat. Dieses Kopftuch war und ist heute noch für mich ein, ja, ich möchte fast sagen, religiöses Symbol für das Gute, das erfolgreich gegen das Böse kämpft. Ich habe mir das rote Kopftuch aus einem Märchenbuch herausgeschnitten und bewahre es immer noch in meiner Nachttischschublade auf.

Nur wenige Jahre später verliebte ich mich erneut in ein Kopftuch. Das war in Bayern, auf einer Alm. Ein junges Mädchen mit roten Wangen und strahlenden Augen trug es. Es war blau mit weißen Punkten (das Kopftuch). Noch immer träume ich von diesem Kopftuch, wie ich es dem Mädchen ganz vorsichtig abnahm und es ganz zärtlich küsste (das Mädchen). Ich habe es nie gewaschen, wollte den Duft von fettiger Milch und frisch gemähtem Gras einfach nicht verlieren. Dieses Kopftuch war und ist heute noch für mich ein, ja, ich möchte fast sagen, religiöses Symbol für die friedliche, sanfte Natur und die reine Seele eines Menschen.

Meine große Schwester trug damals auch ein Kopftuch. Sie war Stewardess bei der Lufthansa und sah mit ihrem hellblauen Kopftuch einfach schick aus, wenn sie morgens zur Arbeit ging. Auch Grace Kelly, Sofia Loren und Jacky Onassis sahen mit ihren tollen Kopftüchern klasse aus. Dieses Kopftuch war und ist heute noch für mich ein, ja, ich möchte fast sagen, religiöses Symbol für Erfolg und Karriere.

Ich trug dann ab und zu auch mal ein Kopftuch. Wenn mich Zahnschmerzen plagten. Meine Mutter tunkte dann einen Lappen in eiskaltes Wasser und band ihn mir um den Kopf. Das sah zwar nicht so klasse aus, hat aber auch nicht viel geholfen. Dieses Kopftuch war und ist heute noch für mich ein, ja ich möchte fast sagen, religiöses Symbol für den Schutz vor der bösen Macht der Schmerzen.

Dann, in meiner Pubertät wickelte ich mir eine halbe Tonne Kopftuch um den Schädel. Mit Bommeln, schwarz-weiß gemustert. Auch meinen Freunden gefiel das und sie machten es mir nach. Arafat-Tücher nannten wir diesen wärmenden Stofffetzen. Er hielt uns den pickeligen Hals warm und die Polizei von der Pelle. Dieses Kopftuch war, ja, ich möchte fast sagen, religiöses Symbol für Widerstand und Befreiung. Die Betonung liegt auf „war“.

Später mit 40 Jahren und immer noch in meiner Pubertät, spielte ich den bösen Buben und zierte mein Gesicht mit einem Piratentuch. Sah albern aus, fanden meine Freunde. Ich fand das super, deckte das Piratentuch doch mein kleines Loch in der Mitte meiner Haarpracht zu. Dieses Kopftuch war und ist heute noch für mich, ja ich möchte fast sagen, religiöses Symbol für Freiheit, Abenteuer und Diebstahl.

Als ich dann endlich erwachsen wurde und auf das Motorrad stieg, hüllte ich meine rote Birne in ein schwarzes Schutztuch. Das sollte mich vor Insekten und Vogelkot schützen, sah mächtig gefährlich aus und brachte mir in der linken Szene den einen oder anderen Applaus. Dieses Kopftuch war und heute noch für mich, ja, ich möchte fast sagen, religiöses Symbol für Kraft, Schnelligkeit und Angst vor Fliegen.

Zur Zeit trage ich kein Kopftuch, dafür fast alle weiblichen Mitmenschen in meiner Umgebung. Einige sehen ganz hübsch darin aus, andere wirken eher beängstigend, wie schwedische Gardinen oder Kopfgefängnisse.

Aber gestern ist mir ein Kopftuch begegnet, das hat mich fast das Leben gekostet. Ich war in der U-Bahn, Station Hermannstraße, Nachmittags, voll wie in einer Sardinenbüchse. Bei einem Ruckler verlor ich den Halt an der Stange über mir. Mein rechter Arm schwankte gefährlich in der Luft, in der Abwärtsbewegung blieb ich mit meinem Manschettenknopf an einem Kopftuch hängen, noch ein Ruckler und ich riss das Kopftuch mit herunter. Aus Versehen.

Das Geschrei war groß. Tumultartige Zustände. Die Frau, jetzt ohne Kopftuch, fing an zu weinen, verbarg ihren Kopf mit ihren Händen, Männer stürzten auf mich zu, bespuckten mich, beschimpften mich, prügelten auf mich ein.

Gott sei dank, war die nächste U-Bahn-Station nicht weit, ich konnte aus dem Wagen kriechen, bevor ich meinen Kopf verlor. Ich war noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen.

Also wirklich. Dann spiele ich doch lieber palästinensisches Rotkäppchen mit Zahnschmerzen.

Wandere aus, solange es noch geht!
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