Dem Heinerhofbauern sein Knecht feiert Weihnachten

Dem Heinerhofbauern sein Knecht (Foto: Pixabay)

Es ist ein schöner Weihnachtsbrauch auf dem Heinerhof, daß sich der Heinerhofbauer, die Bäuerin und dem Heinerhofbauern sein Knecht recht viele Geschenke machen. Zwei Stück sind es für jeden. Je origineller das Geschenk, desto größer das Entzücken bei der Bescherung. Aber vor die schöne Bescherung hat der Pfarrer die Christmesse gesetzt. Die Kirche liegt tief unten im Tal. Und tief ist der Schnee auf der Höhe.

von Max Erdinger

Es ist jedes Jahr dasselbe: Der Heinerhofbauer und die Bäuerin sind über Weihnachten und Neujahr zu ihrer Verwandtschaft nach Südafrika geflogen, der Knecht ist wieder ganz allein auf dem Hof. Das Wichtigste ist, daß er den Stall ausmistet, die Tiere füttert, die Kühe melkt und die Milch auf dem Faßwagen zur Landstraße zieht, wo der Molkereilaster sie einsammelt. Das dauert nicht den ganzen Tag. Sonst gibt es nicht viel zu tun im Winter.

Das heißt aber auch, daß dem Heinerhofbauern sein Knecht, wie jedes Jahr an Weihnachten, viel Zeit für die vergebliche Suche nach dem Schlüssel für den Unimog hat, weil ihn der Heinerhofbauer mit nach Südafrika nimmt, damit der Knecht nicht mit dem Unimog fährt. Der Knecht hat nur einen Mopedführerschein. Den Schlüssel für den Unimog hat er noch nie gefunden. Wo soll er also sein? – Da bleibt nur Südafrika.

So musste der Knecht  auch dieses Jahr am Heiligen Abend ein dünnes Seil um die abgefahrenen Mopedreifen flechten. Schließlich wollte er nach der Christmesse nicht den ganzen Berg zum Hof hinauf zu Fuß erklimmen. Bei dem Schnee. Die Bescherung duldete auch keinen Aufschub. Zwei Geschenke warteten unter dem Christbaum, eines vom Heinerhofbauern und eines von der Bäuerin. Der Knecht dürfe sie erst aufmachen, wenn er von der Christmesse zurück ist, hatten ihm der Heinerhofbauer und die Bäuerin eingeschärft. Der Knecht machte sich also auf den Weg. Keine Christmesse, keine Bescherung. Draußen hatte es zweistellige Minusgrade. Es war klirrend kalt.

Die Nase fühlte sich erfroren an, als der Knecht auf der Empore der kleinen Dorfkirche seinen mit Katzenfell gefütterten Helm vom Kopf nahm. Er war gerade noch rechtzeitig gekommen und hatte sich in eine der berstend vollen Kirchenbänke gezwängt. Man nickte sich gewogen zu und während der nächsten zwanzig Minuten verlief die Christmesse auch wie jedes Jahr – aber dann kam die Predigt von der Frau Pfarrerin. Sehr erbaulich, dachte sich der Knecht zuerst. Die Pfarrerin, meinte er. Sie war noch nicht lange die Dorfpfarrerin und der Knecht sah sie heute zum ersten Mal.

Doch was war das? Was hatte sie da gerade gesagt? Das Christkind hätte auch ein Mädchen sein können? Und heutzutage könnte Maria auch, statt vom Heiligen Geist, von einer Laborbefruchtung mit feministischem Geistsamen schwanger werden, so daß Jesus bis Karfreitag aussieht wie Katrin Göring-Eckardt – !? Dem Knecht fiel polternd sein Helm aus der Hand. Alle Blicke richteten sich kurz auf ihn. Sein Gesichtsausdruck sagte alles. Er fragte sich ganz offensichtlich, ob die Pfarrerin eine derjenigen zukünftigen Seligen im Himmelreich ist, die ihr irdisches Leben lang zur Armut im Geiste verdammt waren, um überhaupt selig zu werden.

Der Knecht wollte den alten Pfarrer zurückhaben, auf der Stelle. Er war nicht bei Eiseskälte den ganzen Weg durch den tiefen Schnee von der Höhe bis ins Tal hinunter auf seilumwickelten Mopedreifen bis in die Kirche gekommen, um sich solche Östrogenalien  bieten zu lassen. Da konnte die Pfarrerin zuerst freundlich wirken, wie sie wollte.

In seiner stillen Empörung bewegte der Knecht den linken Fuß und stieß versehentlich gegen den Helm, der ihm auf den Boden gefallen war. Der polterte nun ein paar hölzerne Emporenstufen hinab und klemmte sich scheppernd in der Pedalerie des Organisten fest. Prompt ließ die Orgel die größte ihrer Pfeifen anschwellen. Alle Blicke waren nun bohrend lange auf den Knecht gerichtet. Die Orgel brummte tief und laut dazu.

Der Organist bückte sich indigniert, hob den Helm auf und hielt ihn dem Heinerhofbauern seinem Knecht mit vorwurfsvoller Miene entgegen. Es war plötzlich so still, daß man die alten, ausgetrockneten Kirchenbänke unter dem Gewicht der Gläubigen knarzen hören konnte. Kein Husten, kein Papiergeraschel. Der mit Katzenfell gefütterte Helm vom Heinerhofbauern seinem Knecht schimmerte matt im stillen Licht der festlich beleuchteten Dorfkirche – und alle starrten ihn regungslos betreten an: Es war ein alter Wehrmachtshelm. Das konnte man an der Form erkennen. Daß ihn dem Heinerhofbauern sein Knecht mit brauner Rostschutzfarbe und roten Punkten angepinselt hatte, änderte gar nichts. Die alte Hinterleitnerin flüsterte entgeistert, aber vernehmlich, daß die Katze im Helm ihre alte Monerl sei, die sie schon seit drei Jahren vermisst – und bekreuzigte sich, ehe sie in Ohnmacht fiel. Vor genau drei Jahren hatte dem Heinerhofbauern sein Knecht die Helmpflicht akzeptiert. Aber das wußte gottlob niemand. Er hätte immer noch behaupten können, daß er den Helm schon seit vier Jahren hat.

Die Pfarrerin fiel nun ebenfalls mit einem Seufzer in Ohnmacht und schlug sich beim Zusammensacken die Nase an der Kanzelbrüstung blutig. Sofort eilte der Mesner zu ihr, tätschelte ihre Wangen und schüttelte die Umnachtete kräftig, bis sie, blutgesprenkelt im Gesicht, die Augen wieder aufschlug und sich benommen hochrappelte. Nach weiteren zwanzig Sekunden, in denen sie den Knecht still und wütend fixiert hatte, zischte sie vernehmlich: „Du bärtiges Nazischwein aus der Einöde!“ Dabei deutete sie mit dem ausgestreckten rechten Arm direkt zwischen die Augen des Knechts. „Du Antichrist! Hinaus aus dieser Kirche mit Dir! Göttin duldet keine Nazis und Katzenmörder im Hause der Ihren!“ Ehrfürchtiges Raunen hub an in der Gemeinde.

Dem Heinerhofbauern sein Knecht überlegte sich kurz, ob er etwas erwidern soll, etwa, daß er halt nur ein armer Knecht sei, der sich keinen teuren Integralhelm leisten kann und deswegen das nehmen muß, was gerade da ist. Und daß das eben Rostschutzfarbe, eine tote Katze und ein alter Wehrmachtshelm gewesen sei, daß er sich die Helmpflicht nicht selber ausgesucht habe und daß die Kirche früher einmal keinen Unterschied zwischen arm und reich gemacht hat. Und daß das gewesen sei, als Gott noch ein Vater gewesen ist und Jesus sein Sohn. Und daß Östrogene etwas anderes sind als Ökumene. Aber er sagte nichts, sondern nahm dem indignierten Organisten seinen gut beleuchteten Helm aus der Hand und verließ schweigend die Christmesse.

Sogar in der Eiseskälte war sein altes Moped nach dem ersten Tritt auf den Kickstarter da.  Dem Heinerhofbauern sein Knecht ließ den Zweitakter hochdrehen und verschwand lärmend in der stillen Nacht, der heiligen, den mit der Hinterleitnerin ihrer Monerl gefütterten Helm auf dem Kopf. Bis zum Hof hinauf brauchte er eine Viertelstunde. Dann endlich gab es Bescherung. Was sich der Heinerhofbauer und die Bäuerin wohl für ihn ausgedacht hatten?

Durchgefroren erreichte der Knecht die Einöde, stellte sein Moped vor der Haustür ab und ging hinein. Nachdem seine steifgefrorenen Finger etwas aufgetaut waren, legte er Feuerholz im Kachelofen nach, zündete in der Stube mit Streichhölzern die Christbaumkerzen an – und startete dann den alten Kassettenrekorder. „Stille Nacht, heilige Nacht …

Welches Päckchen sollte er zuerst aufmachen? Der Knecht entschied sich für das rote. Es enthielt ein Schächtelchen und einen Zettel von der Bäuerin. „Lieber Knecht! Ich wünsche dir frohe Weihnachten aus den sonigen Südafrika. Wir habmer gerade Hochsommer und es ist eine Mordshitze. Ich hoffe, dir gefällt mein Weihnachtsgeschenk. Es sind Euter-Kondome, damitst dir nicht immer die Händ waschen must vor dem melken. Ich habe sie selbst vorn aufgeschnitten, so kan die Milch gut in den Milcheimer fliesen. Liebe Grüße – die Bäuerin.“ Der Knecht seufzte und legte Schächtelchen samt Zettel zur Seite. Gut, daß er die Päckchen nicht gleich aufgemacht hatte, nachdem der Heinerhofbauer und die Bäuerin aus dem Haus gewesen sind. Da wären sie ja noch nicht einmal in Südafrika gewesen und der ganze Text auf dem Zettel hätte nicht gestimmt.

Was sich wohl der Bauer ausgedacht hatte? Der Knecht öffnete das grüne Päckchen. Es enthielt ebenfalls ein Schächtelchen. Aber es war schwerer als das von der Bäuerin. Der Heinerhofbauer hatte ihm eine Packung Nägel geschenkt und sie in einen Zwanzig Euro-Schein eingewickelt. Der Bauer hatte ebenfalls einen Zettel beigefügt: „Frohe Weihnachten, Knecht! Beim Müller Edi unten liegt die Luftpumpe für dein Moped bereit. Dafür sind die zwanzig Euro. Du kanst sie dir nach der Neujahrsmesse dorten abholen. Wen es an Neujahr Glateis hat, kannst du vorher die Nägel in die Reifen klopfen dann hast du Schpeiks. Den Schlüsel für den Unimog findst du nie. Bis zum Müller Edi hält die Luft schon. Schön die Kühe melken! Wos a Hitz do herunt in Afrika bei dene Neger! – der Heinerhofbauer.

Dem Heinerhofbauern sein Knecht öffnete sich ein weihnachtliches Doppelbock und seufzte. Der Kassettenrekorder war inzwischen bei „Es ist ein Ros´entprungen … “ angekommen. „Rösser haben wir früher auch noch gehabt“, dachte sich der Knecht und starrte sinnierend in den Christbaum hinein.

 

 

 

 

 

 

 

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