SPIEGEL Bento kann`s nicht lassen

Foto: Collage
Foto: Collage

Die Weihnachtszeit ist eine besinnliche Zeit. Neben den obligatorischen Geschenken, der Weihnachtsgans, den Familientreffen etc. gehören auch (liebgewonnene oder nervende) Filmklassiker dazu (von „3 Haselnüsse für Aschenbrödel“, über „Der kleine Lord“ bis zu den Terence Hill / Bud Spencer-Filmen etc.).  Damit die Deutschen vor lauter Heimeligkeit und ein paar schönen und, hoffentlich, sorglosen Tagen nicht ihre „Erbschuld“ vergessen, stöberten die  (anscheinend unterbeschäftigten) hippen Jungautoren von SPIEGEL Bento in den deutschen Filmarchiven und wurden schließlich fündig. „Triumphierend“ leitet man dementsprechend auch den Artikel „Die Feuerzangenbowle hat eine Nazi-Vergangenheit – und eine AfD-Gegenwart“ ein.

Von Nils Kröger

2017 ist wirklich kein gutes Jahr. Andauernd kommt jemand (ok, oft sind es wir) aus der Versenkung und macht einem lieb gewonnene Filme, Sprüche, Läden und Kulturgüter madig, weil sie irgendetwas mit den Nazis oder Rechtspopulisten zu tun haben. Verdammte Nazis immer!

Hoppla, da wurde wohl zu viel Glühwein mit Schuss auf dem Weihnachtsmarkt konsumiert. Das Schöne daran, Betrunkenen Mund tut Wahrheit kund. Ja, 2017 war wirklich kein gutes Jahr (vor allem für die „Qualitätspresse“). Ja, Bento kommt andauernd mit Blödsinn. Ja, Ihr habt Euch selbst reflektiert und da eingeordnet wo Euer Magazin hingehört (in der Versenkung). Ja, „linke Bessermenschen“ und „Nazijäger“ machen einem so gut wie alles madig, weil Ihr überall „Nazis“ wittert obwohl es keine mehr gibt. Ja, ohne die herbei halluzinierten verdammten „Nazis“ hättet Ihr wirklich nichts zu tun. Schreibt ab jetzt bitte immer im Delirium. Das kann die „Qualität“ des Magazins nur heben. Leider sind die reflexartig anspringenden Automatismen stärker als jeder Rausch.

Ein gutes Beispiel dafür: „Die Feuerzangenbowle“. Denn natürlich ist der Film ein tolles Stück Filmgeschichte. (…) Der Film ist bis heute beliebt – an fast jeder Uni im Land gibt es derzeit Vorführungen, inklusive Vollsuff mit der süffigen Bowle. An Heiligabend läuft er auch in diesem Jahr in der ARD zur besten Sendezeit, um 20.15 Uhr. Nur leider wird dabei – egal, ob im Fernsehen oder im Hörsaal – meist die Einordnung vergessen. Denn „Die Feuerzangenbowle“ hat eine eigene Nazi-Vergangenheit – und eine AfD-Gegenwart.

 Aha, Bento möchte also eine Art Warnhinweis mit der „richtigen“ Einordnung vor solchen Filmen. Dies ist eine charmante Idee aber bitte konsequent auf alle Filme, Serien, Nachrichten etc. übertragen z.B. bei so ziemlich allen öffentlich-rechtlich verantworteten Produktionen wie etwa „Tatort“. Könnte die Zuschauer wieder zum Lesen oder zum Pflegen von Freundschaften animieren.

Der Film erschien 1944. (…) Eine faschistische Handlung kann man der fiktiven Geschichte wohl kaum unterstellen – einige Aussagen zur Disziplin mal beiseite gestellt. Aber der Film ist halt auch nicht absolut unbedenklich. Denn die Absicht der Macher war, durch einen Moralschub den schlimmsten aller Kriege zu verlängern.

Wenn die Autoren sich nur ein wenig mit Geschichte vor 1933 (unglaublich aber wahr) beschäftigen würden, könnten sie erkennen, dass es das schon viel früher gab (nannte sich „Brot und Spiele“).

Warum wird der Film aber so oft und gerne gezeigt, wenn er doch von Nazis gefördert und gedreht wurde? Ein Problem könnte sein, dass kritische Aufarbeitungen nicht stattfinden – zumindest nicht außerhalb der Feuilletons.  

Weil sich wirklich niemand, außerhalb des Feuilletons, mit solch einem unwichtigen Problem beschäftigen möchte. Die Leute wollen einfach mal abschalten und lachen. Es stellt sich doch auch niemand die Frage, wie viel Benzin wohl eine Actionfilm-Produktion verbrannte. Nun eine Gegenfrage: Warum zeigt man denn noch Filme aller Couleur aus der DDR, wenn diese doch ebenfalls von einem Unrechtsregime gefördert und gedreht wurden?

 Die Aufführungsrechte für „Die Feuerzangenbowle“ liegen bei einer AfD-Frau: Dr. Cornelia Meyer zur Heyde sitzt im Vorstand der AfD Münster. Und die entscheidet – seit einem Deal mit Medienunternehmer Leo Kirch – alleine, wer den Film zeigen darf. Als 2013 das Deutsche Historische Museum den Film im Rahmen einer Reihe zu NS-Streifen zeigen wollte – inklusive der Einordnung – bekam das Haus keine Erlaubnis. „In meinem Ein-Mann-Betrieb entscheide ich das kraft souveräner Willkür“, sagte die Rechteinhaberin damals der Welt.

Aha, eine „böse“ AfD-Frau verhindert die „richtige ideologische“ Einordnung von einem „Nazi-Film“ durch das Deutsche Historische Museum (alleinige Trägerschaft des Bundes). Wenn das nicht Beweis genug für deren Gedankenwelt ist. Wäre Frau Meyer zur Heyde parteilos oder in einer „richtigen“ Partei, vermutlich kein Problem.

 Sie vertraue im übrigen darauf, dass Studierende, die den Film im Hörsaal sehen, sich ihre eigenen Gedanken machen können. Das wird aber schwer, wenn man ihnen nicht alle verfügbaren Informationen bereit stellt. (…)

 Das Bento mit selbständigem Denken natürlich ein Problem hat, dass zeigt nicht nur dieser Artikel deutlich. Da verlangt die Frau wirklich zu viel von den heutigen Studenten. Seinen eigenen Verstand zu benutzen und bei aufgeworfenen Fragen eventuell selbst zu recherchieren ist doch total „old school“. Könnte noch jemand auf falsche Gedanken kommen…

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.