Abt. Demokratie: Verkehrsregeln müssen täglich neu ausgehandelt werden

Freundlicher Verkehrsteilnehmer (Foto: Pixabay)

Verschiedentlich hatte ich schon einen ausgeprägten Autismus bei Automobilisten erwähnt, welcher sich gerne regelwidrig in völliger Interaktionsverweigerung äußert. Es gibt aber auch solche Automobilisten, die den Straßenverkehr mit einer soziokulturellen Veranstaltung verwechseln – und regelwidrig zwar, regelrecht zuvorkommend jedoch, das Kommunikative völlig sinnfrei in den Vordergrund rücken. Freundliche Menschen. Eine demokratische Betrachtung.

von Max Erdinger

Wollte ich heute mit dem Auto links abbiegen, erst den Gegenverkehr durchlassen, kommt mir geschmeidig ein funkelnder Benz entgegen. „Den lasse ich noch durch – und dann biege ich ab“, dachte ich mir. Ja, aber wo blieb er denn? Er kam auf mich zu und wurde dabei stetig langsamer. „Was jetzt?“, frage ich mich. „Will er fahren? Stehen bleiben? Was hat er vor?“ Dann blieb er stehen und setzte den Blinker rechts, um anzuzeigen, daß er in dieselbe Straße einbiegen möchte, wie ich. Alter Schwede! Früher geblinkt und ich wäre längst vom Acker! Nicht jedem der Seinigen gibt der Herr alle Weisheit im Schlaf. In Gottes Namen, dann bieg´jetzt ab, du Träne! Was passiert? Er gibt mir die Lichthupe und winkt freundlich. Ich möge doch nun zuerst abbiegen. Er würde ja großzügig auf seine erschlichene Vorfahrt verzichten. Waaahhh!

Auf das Spielchen lasse ich mich nicht ein. Zuletzt fährt der Konfuse los, wenn ich gerade abbiege – und dann hätte ich ihm die Vorfahrt genommen. Zu riskant. Vollidiot voraus. Lichthupe zurück: Bieg. Jetzt.Verdammt.Nochmal.Endlich.AB!

Dann bog er ab, winkte jovial durch das Seitenfenster und schlich die Bahnhofstraße vor mir her. Wir wurden von einer Weinbergschnecke zügig überholt. Im Überholverbot. Es war ein demokratisches Hochgefühl. Wir hatten Verkehrsregeln ausgehandelt. Große Ergriffenheit, innerlich so.

Es gibt auch Automobilisten, die als Zehnter in einer Reihe von elf auf der Vorfahrtsstraße grundlos den Anker werfen, um freundlich zu sein. Neun Autos waren an dem armen Wartepflichtigen schon lieblos vorbeigefahren, unmenschlich auf ihrer Vorfahrt beharrend? Da muß der sozial Kompetente ein Zeichen der Menschlichkeit setzen und voll auf die Bremse latschen, daß Nummer elf Schweißausbrüche bekommt. Dann muß er dem Wartepflichtigen zuwinken. Der schaut aber gerade nicht her, sondern in die Gegenrichtung. Weil er losfahren will, wenn Nummer zehn und elf vorbei sind. Ah, Nummer zehn und elf sind stehen geblieben. Noch einmal winken! Möchten Sie mir freundlicherweise die Vorfahrt überlassen? Auf Ihr Vorfahrtsrecht verzichten, ja? Habe ich Sie da richtig verstanden oder was soll das Winken bedeuten? Gut, dann schaue ich jetzt mal, ob von rechts was kommt. Oh je, da kommen jetzt aber viele. Danke, daß Sie mir die Vorfahrt lassen wollten, aber jetzt nützt mir das auch nichts mehr. Bedauerndes Achselzucken. Nummer zehn und elf fahren wieder an, und der Wartepflichtige bleibt ein solcher bis zum St. Nimmerleinstag.

Wir lernen: Verhandlungen über Verkehrsregeln in freundlicher Absicht sind erstens oft gefährlich, weil mißverständlich – und zweitens sind sie so überflüssig wie ein Kropf. Wie muß man eigentlich gestrickt sein, um in dem Wahn zu leben, Regeln für die Sicherheit einzutauschen gegen Quatschen über Menschlichkeit brächte irgend jemandem etwas? Diese Leute haben doch eine Massenimmigration im Schädel? Wozu gibt es die Vorfahrtsregeln überhaupt, wenn man sie täglich neu aushandeln soll? Wer Vorfahrt hat, fährt! Da gibt es nichts zu diskutieren! Menschlich ist, nicht jeden Kokolores dauernd verhandeln zu müssen. Möchten Sie zuerst? Sie vielleicht? Wollen wir gemeinsam warten, bis jemand kommt, der zuerst möchte? Wie bitte? Sie plädieren in dieser Frage für Warten? Hochinteressant, erzählen Sie mal. Es gibt nichts Schöneres, als jeden Tag die Verkehrsregeln auszuhandeln? – Eben. Sie sagen es. Hauptsache menschlich.

Warum ist es gefährlich, mit 200 Sachen über die Autobahn zu brettern? Weil es zu viele menschliche Menschen auf der Autobahn gibt, die sich gerade irgendwie fühlen. Viele fühlen sich auf der Mittelspur zuhause. Und man darf sie keinesfalls erschrecken. Weil das unmenschlich wäre. Wen interessiert, ob sie sich an die Verkehrsregeln halten? Solange sie es schön gemütlich haben. Menschliche Gesellschaft. Da verhandeln wir noch nicht mal mehr über die Regeln. Wir tun einfach so, als gäbe es keine.

Daß wir übrigens noch kein generelles Tempolimit haben, liegt höchstwahrscheinlich am Mythos von der Freiheit, den die deutsche Automobilindustrie exportiert. „Tested on the German Autobahn“ ist Werbung. Deutsche Autos sind ein Exportschlager. Kastrierte Autobahnen, kastrierter Export. Und Lobbyismus spielt in Berlin kaum eine Rolle. Daß uns die sogenannten Volksvertreter längst ein Tempolimit beschert hätten, wenn sie nicht von der Automobilindustrie – weiß der Geier, wie – eines Besseren belehrt worden wären, halte ich für wahrscheinlich. Daß die Doofen den höheren Geschwindigkeiten schutzlos ausgeliefert sind, wäre sonst nämlich ein arger Übelstand. Sie könnten aussterben. Vielleicht ließe sich über den Artenschutz ein Tempolimit erzwingen? Für den Erhalt der menschlichen Vielfalt auf deutschen Autobahnen? – Motto: „Der Depp ist ein Mensch wie du und ich“, vielleicht?  Kann man sich für: „Der Depp ist ein Mensch. Aber nicht so einer wie ich und du“, eigentlich eine Antidiskriminierungsklage einhandeln?

Nein danke. Sie haben Vorfahrt. Fahren Sie bitte. Nein, ich möchte mir Ihr Angebot, die Vorfahrt mir zu überlassen, nicht noch einmal überlegen. Fahren Sie jetzt einfach. Ich brauche auch nicht noch mehr Bedenkzeit. Ja, winke, winke …

 

 

 

 

 

 

 

 

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