Die moralische Ruine im Kanzleramt

Foto: Imago
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Die überlebenden Opfer und Angehörigen der von einem islamischen Massenmörder vor einem Jahr in Berlin getöteten Menschen werden am Montag einer Frau begegnen, die diese Begegnung so lange gemieden hat, bis sie aufgrund öffentlichen Drucks nicht länger der Konfrontation mit den menschlichen Folgen eines ungeheuerlichen Staatsversagens ausweichen konnte. Diese Frau heißt Angela Merkel und ist Bundeskanzlerin des Staates, der den Opfern so lange und so kaltherzig keine Namen, keine Gesichter, keinen Respekt, keine Großzügigkeit geben wollte – und das eigentlich immer noch nicht will.

Von Wolfgang Hübner (PI NEWS)

Das Treffen findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Wir sollen und werden also nicht sehen, wie die Begegnung verläuft. Aber wir wissen auch so, dass die schlimm geprüften Menschen, von denen viele schwerste körperliche und alle seelische Schäden erlitten haben, einer Frau in die Augen sehen müssen, die eine moralische Ruine ist. Denn wie anders könnte eine Politikerin an der Spitze des Staates charakterisiert werden, die mitsamt der gesamten politischen und medialen „Elite“ nach dem Massaker auf dem Breitscheidplatz nur um eines bemüht war, nämlich die Ursachen dieser Tat zu verschweigen, die Opfer zu anonymisieren und zu meiden.

Kurt Beck, der Beauftragte der Bundesregierung für die Opfer und Hinterbliebenen des Berliner Terroranschlags, hat kürzlich in einem Interview gesagt: „In Frankreich zeigte der Präsident nach den schrecklichen Anschlägen eine öffentliche Anteilnahme in Form eines Staatsaktes, er sprach mit den Betroffenen….. Das wäre auch von der Bundeskanzlerin erwartet worden.“ Doch Merkel hat diese Begegnung nicht nur nicht sofort gesucht, sondern auch so lange gemieden, bis es politisch einfach schädlich für sie zu werden drohte.

Die Kanzlerin der Grenzöffnung trifft sich folglich ein Jahr danach mit den Opfern nicht aus später Reue oder endlich entdecktem Mitgefühl, sondern um die Springer-Presse und andere in dieser Angelegenheit kritisch gewordene Medien zu besänftigen. Die Motive dieser moralischen Ruine im Kanzleramt für das Treffen mit den überlebenden Opfern und Hinterbliebenen könnten erbärmlicher nicht sein. Deshalb darf die Öffentlichkeit sogar froh sein, mit keinen Bildern von dem Auftritt Merkels konfrontiert sein zu müssen: Denn zu sehen wäre die verlogene Maske einer Frau, der jeder Sinn, jedes Gefühl für Empathie fehlt.

Es ist aber nicht Merkel allein, die nach der Terrortat in Berlin vor einem Jahr auf bestürzende Weise die tiefe sittliche Verwahrlosung des Staates Deutschland erkennbar gemacht hat. Wer ganz starke Nerven hat, der lese dazu die zornige Abrechnung mit dem Staatsversagen von Regina Mönch im Feuilleton der FAZ vom 18. Dezember 2017 unter der Überschrift: „Eine Wunde, die sich nun auf Anordnung schließen soll?“ Frau Mönch, die kurz vor ihrer Pensionierung steht, beweist auch mit diesem zutiefst aufwühlenden Text, dass sie eine der ganz wenigen Stimmen im medialen Gekreische und Geschleime ist, die unerschütterlich auf der Seite der Opfer und Verachteten dieses Landes steht.

Umso beschämender ist es, wie sehr sich damals all die selbsternannten „Qualitätsmedien“ nach dem Berliner Massaker zu Komplizen des politisch gewollten Anonymisierens der Opfer machen ließen. Es war auch die Komplizenschaft derer, die im Herbst 2015 eingestimmt hatten in die Willkommens-Chöre für die Heerscharen, die in der Verantwortung Merkels ins Land und die in die Sozialsysteme strömen durften. Es hat eines erschütternden Brandbriefes der überlebenden Opfer und Hinterbliebenen bedurft, um wenigstens einige dieser Medien aufzuwecken.

Die um ein ganzes bitteres Jahr verspätete Begegnung Merkels mit den Opfern vielfachen deutschen Staatsversagens kann die Wunde vom 19. Dezember 2016 weder schließen noch ihren Schmerz lindern. Dieses Ereignis kann nur daran erinnern, dass im Kanzleramt eine moralische Ruine sitzt, die den Willen und leider auch die Aussicht hat, noch weitere Jahre ein Land zu regieren, das nicht die Kraft findet, sie los zu werden. Ehrlich gesagt: Das ist ein sehr trauriger, deprimierender Befund kurz vor Ende des Jahres.

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