Michael Klonovsky: Die AfD, der Tatort und ein unzurechnungsfähiger „Spiegel“-Beobachter

Foto: Durch Charlie Rosenberg/Shutterstock
Foto: Durch Charlie Rosenberg/Shutterstock

Jetzt machen sie sogar schon beim „Tatort“ Reklame für die AfD. Im aktuellen Samstagabendkrimi muss, wie ich Spiegel online entnehme (ich habe in meinem Leben ca. zweieinhalb „Tatorte“ gesehen) der Kommissar Falke die Spitzenkandidatin einer rechtspopulistischen Partei beschützen, also quasi Frauke Petry – auch wenn die nicht mehr dabei ist, aber so schnell reagiert man beim Fernsehen allenfalls, wenn ein Belästiger exkommunziert werden muss –, worauf die Besetzung mit Anja Kling, einer attraktiven, nahezu gleichaltrigen gebürtigen Ostdeutschen hindeutet. Die Partei heißt „Neue Patrioten“ und tut etwas, was der Spiegel-Filmrezensent bei politischen Parteien anscheinend noch nie erlebt hat: „Ihre prominenten Mitglieder spielen geschickt die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen gegeneinander aus.“

Von Michael Klonovsky

Dergleichen Unholderei bleibt naturgemäß nicht folgenlos. „Die Spitzenpolitikerin erhält anonyme Morddrohungen, im Netz kursieren martialische Jagdaufrufe gegen sie, und es wird über weite Strecken des Krimis nicht klar, ob hinter der Bedrohung linksradikale Aktivisten oder Verschwörer aus den eigenen Reihen stecken. Dies ist ein ‚Tatort‘ mit unklaren Frontverläufen.“

Wie das ja auch in der Wirklichkeit nicht ganz klar ist, ob die ewigen Anschläge auf die Autos, Büros und Häuser von AfD-Leuten und die Überfälle auf Plakatkleber nicht von Verschwörern aus den eigenen Reihen organisiert werden, damit die Partei sich in der Öffentlichkeit besser als Opfer darstellen kann. Ich wette, dass dies der „Tatort“ mit den klarsten Frontverläufen seit Ewigkeiten ist, doch das nur am Rande.

„Umso stärker ist der konkrete Schlagabtausch, den sich die Galionsfigur der Neuen Rechten, Nina Schramm (Anja Kling), und der Billstedter Prolet Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) in einer Szene über den Dächern von Hamburg liefern“, fährt unser Spiegel-Beobachter fort. Und weil sich in der besagten Filmpassage „beispielhaft sowohl die Ausgrenzungsrhetorik der einen als auch die Solidaritätsbeschwörungen der anderen“ offenbare, zitiert Spiegel online sie „in ihrer ganzen Pracht und Niedertracht“. Und zwar:

„Politikerin Schramm: ‚Jetzt seien Sie doch mal ehrlich, Herr Falke. Sie werden andauernd dazu angehalten, Probleme mit bestimmten Tätergruppen zu vertuschen, weil die Politiker Angst haben. Angst vor der berechtigten Wut der Bürger vor einer verfehlten Einwanderungspolitik. Gleichzeitig streichen dieselben Politiker bei der Polizei Stellen und schaffen damit rechtsfreie Räume. Und Sie wundern sich wirklich, dass das Volk diesen Gestalten in der großen Mehrheit nicht mehr traut?‘
Polizist Falke: ‚Wo ich aufgewachsen bin, hier im wunderschönen Hamburg, in Billstedt, da gab es immer schon mehr Ausländer als Deutsche, vor allem Türken. Und natürlich habe ich immer wieder auf die Schnauze bekommen, als Ungläubiger, als Kartoffel. Wissen Sie, was ich gemacht habe? Ich habe mich im Boxclub angemeldet und da waren auch die Jungs, die mir vorher aufs Maul gehauen haben. Aber als die gesehen haben, dass ich mich da angemeldet habe, waren die ganz stolz, dass ein Deutscher mit ihnen trainieren will. Der Boxclub hieß Vorwärts-Wacker 1904 e.V. Den gibt es noch immer. Der Vorsitzende heißt Ali, ist ein Freund von mir, die Trainer heißen Yusuf, Milan und Kenbala, alle ehrenamtlich, und seit 15 Jahren trainieren da auch Mädchen, viele Muslima, einige sogar mit Kopftuch. Das ist mein Deutschland.'“

Es bedarf keiner hermeneutischen Schulung, um zu erkennen, dass diese beiden Statements nicht das Geringste miteinander zu tun haben; die Politikerin stellt eine faktische, auf Verallgemeinerbarkeit zielende Frage, die der Polizist nicht beantwortet, stattdessen moralisiert er mit autobiografischem Bezug. Das kennt man aus hiesigen Debatten zum Thema Einwanderung; Diskutant A sagt, dass laut Statistik ein Viertel aller Türkenbuben keinen Schulabschluss schaffen, Diskutant B entgegnet, das könne nicht sein, er kenne sogar türkische Professoren. Beide sagen nichts Falsches, aber der eine redet über die Obsternte, der andere über den Geschmack einer Apfelsorte. Insofern ist der „Tatort“-Dialog typisch für deutsche Debatten.

Er ist dies noch aus einem anderen Grunde, nämlich weil dem Moralisierer die bessere Position zugestanden wird. Im Spiegel-Sprech wird dessen Replik zu einer „Rede von sentimentaler Schönheit als Antwort auf subtile Infamie“ erhoben. Die Tatsachen sind für solche Gesinnungsstreber immer infam („Desto schlimmer für die Wirklichkeit!“). Zunächst einmal ist Falkes Antwort in der Tat eine Art Rede, nicht unbedingt „subtil“, sondern eher sentimental, jedenfalls kein Versuch, einen sachlichen Dialog zu beginnen, sondern ihn emotional abzuwürgen. Mit der Frage nach der Wahrscheinlichkeit, dass irgendein realer deutscher Polizist je eine solche Gauckiade absondert, wollen wir uns nicht aufhalten. Die Politikerin hat den Beamten suggestiv gefragt, ob die Polizei angehalten ist, in Statistiken die Herkunft gewisser Täter zu vertuschen, und das es sich verhält, ist bis in deutsche Mainstreammedien mehrfach durchgesickert, kann also als gesichert gelten – der Spiegel-Mann hätte vollkommen recht, das infam zu finden. Sodann spricht die Frau von einer verfehlten Einwanderungspolitik, womit bei einem deutschen Film anno 2017 nur eine spezielle Grenzöffnung bzw. -offenlassung gemeint sein kann, welche nicht nur bei hiesigen Rechtspopulisten, sondern weltweit unter Zurechnungsfähigen für Kopfschütteln gesorgt hat, und stellt die Glaubwürdigkeit der dafür verantwortlichen Politiker zur Disposition. Nur ein Medium, das sich seit einigen Jahren der Oppositionskritik verpflichtet fühlt, kann das für niederträchtig erklären, muss es vielleicht sogar.

Auf beide Aspekte geht der Polizist nicht ein. Er kontert vielmehr mit der Behauptung, in einem Hamburger Stadtteil habe es „schon immer“ mehr Ausländer gegeben als Deutsche, vor allem Türken. Dann war die Operation „Gomorrha“ 1943 wohl ziemlich türkenfeindlich, wie? Dieses „schon immer“ beschreibt das neudeutsche Geschichtsbild. „Schon immer“ beginnt etwa um 1968, alles davor war triste, graue Vorgeschichte, danach beginnt der große Aufbruch in die bunte Gesellschaft. Und Polizist Falke kann sagen, er sei dabeigewesen!

Als Zwischenschritt haben die Türken der ungläubigen Kartoffel immer mal wieder auf die Schnauze gehauen. Diese spezielle spätere Polizeikartoffel ist dann zum Boxklub gegangen, während die anderen Kartoffeln, die nicht boxen wollen, weiter auf die Schnauze bekommen haben. Dass die Türken „stolz“ waren, weil eine Kartoffel, der sie vorher auf die Fresse gehauen haben, mit ihnen trainieren wollte, leuchtet mir allerdings nicht ganz ein. Warum extra Boxhandschuhe überziehen? Aber gut, die türkischen Jungs sind insofern normal geblieben, als man sich bei ihnen Respekt verdienen kann, wenn man zurückhaut. Dass Muslimas boxen, ist längst die Regel, die Sportklubs sind voll von ihnen, jeder weiß das, und auch Boxen mit Kopftuch ist völlig normal (wenn auch etwas unpraktisch), zumindest seit es Zeina Nassar, 19, gibt. (Frauenboxen ist nicht so mein Ding, aber seitdem ich, damals noch unter Ostberliner Proleten, einmal eine Keilerei zwischen zwei Mädels erlebt habe, bin ich ganz froh, wenn sie vorher Handschuhe anziehen.) Das sozialromantische Pathos, welches der Polizist beschwört, ist gleichwohl nicht aus der Luft gegriffen. Speziell das Ruhrgebiet galt einmal als ein Musterland der Integration: von masurischen, polnischen, italienischen, türkischen Einwanderern. Der Unterschied zu heute war: Die haben damals richtig gearbeitet, als Bergleute oder Stahlkocher. Die waren echte Malocher. Die kamen nicht ins Land und richteten sich auf Hartz IV ein. Die haben sich integriert. Deshalb wurden sie auch akzeptiert. So wie heute auch jeder akzeptiert wird, der – egal woher – in dieses Land kommt, um auf eigene Rechnung zu leben und irgendetwas zum Gedeihen dieses Landes beizusteuern. Pikanterweise werden gerade solchen Einwanderern erhebliche Hindernisse in den Weg gestellt, weil die Asylindustrie an ihnen nichts verdienen kann.

Kehren wir aber zur Pracht und Niedertracht des Samstagsabendprogramms zurück und halten wir als Resümee fest: In jenem Deutschland, welches „Tatort“-Polizist Falke bzw. der von Spiegel online beklatschte Drehbuchautor, der sicherlich auch nur versucht, genug Geld zusammenzugaunern, damit er nicht in der Nähe allzu migrantischer Stadtteile siedeln muss, trendkonform für ihres halten, heißen die Bewohner Ali, Yusuf, Milan und Kenbala, tragen die Mädchen Kopftuch und nichtboxende Ungläubige bekommen was auf die Zwölf. Wenn sie mögen, bitte! Mein Deutschland ist es nicht (obwohl mir Ali, Yusuf, Milan und Kenbala menschlich und wahrscheinlich sogar intellektuell näher stehen als der durchschnittliche Spiegel online-Redakteur). Und die drei bis neun Polizisten, die bislang noch nicht AfD gewählt haben, werden hoffentlich diesen Film gucken.

Den Beitrag haben wir hier entnommen.

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