Solidarität ist, wenn ich andere mit Zwang dazu bringen will, meine Probleme zu lösen!

Foto: Durch cha cha cha studio/Shutterstock
Foto: Durch cha cha cha studio/Shutterstock

Seit letzter Woche habe ich meine Spendierhosen an.

Ich habe Leute eingeladen, mit mir zu feiern, zu Essen und zu trinken, bis der Bauch platzt. Die Musik spielt und ich verteile etwas Geld.

Von Holm Teichert

Alles, was man eben so macht, wenn man zeigen will, wer man ist und was man hat, im Grunde genommen aber genau weiß, dass es nur eine Show ist, weil ich ein niemand bin und nichts habe. Eigentlich bräuchte ich das Geld, um meinen Kindern Essen zu kaufen. Miete zu zahlen, Klamotten für die Schule, und und und.
Also all den langweiligen Kram, für die eigene langweilige Familie. Aber das Schlimme ist, dass ich bei der Familie nicht die Welle machen kann, wie in der Nachbarschaft, wenn die plötzlich sehen, wie sehr ich es krachen lasse.

Es ist eben ein Zwang des Menschen, um so mehr auf die Kacke zu hauen, um so weniger man hat.

Ich habe die Leute von der Straße, zugegeben, das war ein klitzekleiner Fehler von mir, leider nicht genau genug informiert, dass es ein Fest für lediglich einen Nachmittag war.

Irgendwie hat sich auf der Straße meiner Heimatstadt deshalb rumgesprochen, dass bei mir ohne Ende durchgefeiert wird.

Und nun kamen sie alle.

Die Penner vom HBF, die Alkoholiker vom Einkaufszentrum, die Nachbarn aus der Südstadt, die aus dem Nordviertel.

Eigentlich gibt es kaum jemanden, der nicht gekommen ist.

Nun habe ich ein klitzekleines Problem.

Der Kühlschrank ist leer gefressen, die Betten verdreckt und überbelegt, selbst auf dem Fußboden und in der Badewanne liegen Gäste und pennen.

Meine Kinder haben Angst vor den komischen Ausrufen der Gäste, die sie immer hervorstoßen, wenn sie meine Töchter oder meine Frau sehen. „Ficki-Ficki“ hallt es immer durch die Wohnung. Die ersten Kumpels mahnen mich besorgt, dass ich das Leben und die Gesundheit meiner Familie aufs Spiel setzen würde. Aber ich bitte Euch, meine alten Kumpels. Die Neidhammel. Das sind ja mal richtige Nazis. Jetzt soll ich Angst vor Gästen, die Ficki-Ficki schrein, haben? Dass ich nicht lache. Ich glaube nämlich ganz fest, dass das ein urtümlicher Schrei eines Eingeborenenvolkes ist, der mir den höchsten Respekt und die größte Dankbarkeit zollt.

Und jeder, der etwas anderes behauptet oder versucht, mir meine Gäste madig zu machen, kann sich direkt von mir verabschieden. Brauche ich nicht, diese Spaßbremsen.

Nun, bin ich zwar arm aber sexy dafür aber auch ein bisschen clever, quasi mit Merkelscher Bauernschläue beschlagen. Und so habe ich eine hervorragende Idee entwickelt, wie ich das Problem der nicht gehen wollenden Gäste löse.

Ich bin gerade durch das Treppenhaus getingelt und habe bei allen Nachbarn angeklingelt um von ihnen Solidarität einzufordern. Und so erzählte ich den Nachbarn meinen Plan:

Sie müssen mir etliche meiner Gäste abnehmen, sie mit Essen und Trinken versorgen, ihnen ein bisschen Taschengeld geben und sie zur Not auch mal medizinisch versorgen.

Ich meine, was haben meine Gäste schon an Krankheiten? Ein bisschen TBC hier, ein bisschen Aids da.

Ein bisschen Krätze da, ein bisschen bei uns längst ausgestorbene Krankheiten da. Alles halb so wild. Mit ein bisschen gutem Willen bekommen meine Nachbarn das jedenfalls hin.

Die ersten Nachbarn waren auch ganz spontan bereit, mir zu helfen.

Sie nahmen zwar nur wenige Gäste auf, der gute Wille allein zählt ja aber auch schon mal, oder?

Nun habe ich nur noch drei Probleme im Haus:

Die Frau Koslowiski, selbst aus Polen kommend, die tschechische Familie Horvek und die ungarischen Nachbarn, eine Etage über mir, weigern sich wie die Pest, mir Gäste abzunehmen.

Diese 3 besitzen sogar die Frechheit, mir einen Vogel zu zeigen und mich zu fragen, ob ich nicht mehr richtig ticke!

Ich hätte mir die Gäste eingeladen, nun solle ich mal zusehen, wie ich mit ihnen klar komme. Sie werden sich nicht die häusliche Harmonie und Sicherheit durch ungebetene Gäste dauerhaft zerstören lassen.

Also das ist der Hammer.

Da leben wir Jahre Tür an Tür und nun lassen die mich so hängen? Was habe ich nicht alles für die getan? Jeden Morgen freundlich gegrüßt habe ich. Und nach 22 Uhr auch die Haustür abgeschlossen. Ok, Haustür abschließen ist jetzt ein schlechtes Beispiel. Ich habe nämlich den Nachbarn verboten, die Haustüre abzuschließen. Sonst würden ja meine Gäste nicht mehr ins Haus kommen.

Aber dafrü sollen die mal nicht vergessen, dass ich auch jede zweite Woche meine Putzwoche mache.

Und dafür können die ja mal ein bisschen Dankbarkeit zeigen.

Und außerdem, wer gibt denn deren Rotzkindern immer mal einen von den klebrigen Discounter-Bonbons ab, wenn ich ihnen im Treppenhaus begegne?

Das bin ja wohl ich.

Aber nun ist Schluss. Entweder, die 3 werden jetzt vernünftig, oder ich grüße die ab morgen nicht mehr. Und dann rufe ich immer den Hausmeister an, wenn einer von den 3 Familien im Keller das Licht zu löschen vergisst.
Die werden schon sehen, wer hier die stärkeren Nerven hat.

Das haben die jetzt davon.

 

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