Nigel Farage: „Am Ende lassen dich alle fallen!“

Nigel Farage (Foto: Durch Stuart Boulton/Shutterstock)
Nigel Farage (Foto: Durch Stuart Boulton/Shutterstock)

In einem ergreifenden Interview berichtet der britische EU-Abgeordnete und ehemalige Führer der UKIP-Partei, Nigel Farage, über den hohen persönlichen Preis, den er für sein jahrelanges Engagement bezahlen musste.

Von Marilla Slominski

In dem Interview richtete Farage noch einige Worte an die verräterischen Tory Abgeordneten, die sich in dieser Woche gegen ihre Parteivorsitzende Theresa May stellten und sich ein Veto-Recht über den finalen Brexit-Deal sicherten. Damit hätten sie den 17,4 Millionen britischen Brexit-Wählern den Boden unter den Füßen weggezogen, so Nigel Farage.

„Waren Sie jemals auf einem Empfang und hatten ein paar Drinks mit diesen Leuten? Sie sind grauenvoll! Ich wollte nie Karriere in der Politik machen. Ich will es immer noch nicht. Der einzige Grund, warum ich hier stehe ist, weil ich es als meine Pflicht angesehen habe“, sagt der 53-Jährige, der seit 1999 Parlamentsabgeordneter ist.

Nigel Farage fühlt sich tief mit Großbritannien verbunden. Als leidenschaftlicher Kenner der britischen Militärgeschichte hat er die besten Jahre seines Lebens damit verbracht, die Truppen gegen die Europäische Union in Stellung zu bringen. Eine Mission „befeuert durch Gin und Adrenalin“, bekennt der Brexit-Mann der ersten Stunde.

Jahrelang bezeichnete ihn das britische liberale Establishment als „Clown“, „Rassisten“ und „Eigenbrödler“.

Heute gilt er als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Politiker seiner Generation, doch das hat ihn viele persönliche Opfer gekostet.

„Mein Leben ist nicht einfach. Ich muss mit einer Menge Aggression klarkommen. Ich kann nicht allein durch die Straßen Londons gehen. Die Aggression und die Unfreundlichkeit mir gegenüber sind ständig da. Ich konnte in London nie ein normales Leben führen“, so Farange. „Ich habe sogar schon darüber nachgedacht, in die USA zu gehen. Das Leben dort ist einfacher. Aber ich bin zu sehr Engländer. Ich liebe meine Spaziergänge in North Downs in der Nähe meines Zuhauses. Wir werden sehen, es ist sehr hart.“

Das sei noch milde ausgedrückt, so die britische Tageszeitung DailyMail, die sich zu dem Gespräch mit dem Ukip-Politiker in seinem Westminster Büro verabredete. Man könne Farage mögen oder nicht, aber die Bösartigkeit, mit der die Brexit-Gegner seit der Wahl der Briten für den Austritt der EU reagieren würden, sei eine „Schande“, so die Zeitung.

Nigel Farage sei niedergeschrien, verflucht und mit Eiern beworfen worden. In sein Auto wurden Beulen gehauen, die Reifen abmontiert. Er habe Todesdrohungen erhalten und es sei ihm nicht möglich, sein Appartement in Chelsea ohne Sicherheitspersonal auf ein kurzes Bier in seinem Stammlokal zu verlassen. Nicht nur er, auch seine Familie ist immer wieder Ziel der Anfeindungen.

Farage hat zwei erwachsene Söhne aus seiner ersten Ehe und zwei Töchter im Teenageralter aus seiner zweiten mit seiner deutschstämmigen Ehefrau Kirsten.

„Wir haben einen etwas seltenen Familiennamen, das macht sie schnell verletzbar. Ich sage ihnen immer, lasst euch nicht darauf ein, ignoriert es. Antwortet nicht. Sie werden nicht gewinnen, nicht wahr? Es ist alles so…so…unfair“, ringt Farage um Worte und wird still. Dieser Seeleneinblick kommt unerwartet. Der stolz daher marschierende Mann, der Freude daran hat, boshaft und wütend auszuteilen, verschwindet für einen Augenblick.

„Ich bin ok“, sagt er, doch er sieht nicht so aus. Seine Augen sind rot und seine Stimme rau. Er habe gerade wegen einer Erkältung 48 Stunden das Bett hüten müssen, entschuldigt der Politiker seine angeschlagene Verfassung.

„Selbstmitleid ist etwas für Schluckspechte, für den Morgen danach. Ich trinke nicht mehr so viel, jedenfalls kein Vergleich zu dem, was ich sonst so  getrunken habe,“ bekennt Farage, der auch Kettenraucher sein soll.

„Wenn man älter wird, ändert sich vieles. Wenn ich zurückblicke, stelle ich mir die Frage, würde ich wieder so handeln? Selbstverständlich, würde ich das. Ich bereue nur, dass ich zu wenig Zeit mit meinen Kindern verbracht habe“, bekennt der Politiker.

Es gibt Gerücht über eine Affäre, die der 53-jährige mit einer 37-jährigen ehemaligen Bedienung haben soll. Anfang des Jahres verkündete seine Frau Kirsten, sie beide würden in Zukunft getrennte Wege gehen.

Auch die Trennung von seiner ersten Familie sei unglaublich schwer für ihn gewesen: „Ich habe immer ein Leben aus dem Koffer geführt, war ständig unterwegs. Das ist nicht gut für Beziehungen, man führt ständig ein paralleles Leben zu seiner Familie. Meine Kinder zu verlassen war sehr, sehr schwierig. Ich habe es gehasst, absolut gehasst. Heute leben alle ihr eigenes Leben und ich versuche trotz allem, Anteil zu nehmen.“

Es täte ihm leid, wenn er Menschen verletzt habe, das sei nie seine Absicht gewesen, doch in den letzten zehn Jahren habe er alles für seinen Kampf hinten angestellt.

Der Politiker war ein erfolgreicher Rohstoffhändler, der das erste Mal das Gefühl hatte, in Großbritannien läuft etwas schief, als die Regierung unter John Major 1992 die Maastricht Verträge unterschreib. „Ich wusste, das ist die völlig falsche Richtung und ich konnte seitens des Establishments niemanden sehen, der aufstand und für unser Land kämpfte“, beschreibt er die Anfänge seines politischen Werdegangs.

„Viele fragen mich seither, warum machst du das alles? Warum ruinierst Du dein Geschäft? Ich antworte ihnen: weil ich weiß, dass es sonst kein anderer tut. Ich muss das einfach machen“, weiß Farage.

„Wenn ich eins in den Jahren gelernt habe, dann ist es, dass du niemandem vertrauen kannst. Am Ende lassen dich alle fallen. Es geht nur ums Geld. Die Leute wollen nur Geld mit dir machen“, so die ernüchternde Bilanz des Ausnahme-Politikers, der mit seinen Auftritten vor dem EU-Parlament für so viel Furore gesorgt hat, am Ende als Sieger aus der politischen Schlacht hervorgegangen ist und bereit war, für seine Überzeugung privat einen hohen Preis zu zahlen.

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