SPIEGEL Bento. Das neue Satiremagazin. Jetzt im Handel

Foto: Screenshot
Foto: Screenshot

„Alarm! Fluten!“ Dies schrie Martin Semmelrogge als 2. Wachoffizier im Klassiker „Das Boot“ zu Beginn einer Tauchübung. So ähnlich muss es auch in den Redaktionsräumen bei SPIEGEL Bento klingen, wenn mal wieder das „Nazi-Gespenst“ gesichtet wurde. Nachdem bereits REAL demaskiert wurde und in Demut versank, trauten sich die Redakteure nun an einen größeren Brocken: AMAZON.

Von Nils Kröger

Auf Amazon gibt es alles, was Neonazis begeistert. Wehrmachtshelme als Nachbau, Anstecknadeln des „Afrikakorps“ oder Siegelringe der „Division Großdeutschland“, einer Infanterie-Einheit der Wehrmacht. Außerdem im Onlineversand von Amazon erhältlich: T-Shirts, die SS-Stiefel als „beste Wanderschuhe aller Zeiten“ anpreisen und gefälschte Lego-Sets mit den Panzermodellen „Hetzer“ und „Tiger“. Natürlich inklusive kleiner SS-Figuren zum Spielen. Wehrmachts-Kleidung und Panzer-Lego – Amazon ist voller Nazi-Gimmicks. Und den Versandhandel scheint das nicht groß zu stören.

Warum auch? Dies ist eine amerikanische und dazu global agierende Firma. Die würden vermutlich ihre eigene Oma für gutes Geld verkaufen. Die handeln getreu dem Motto, Geld stinkt nicht. Denen ist Euer Nazi-Wahn total egal. Immerhin erkannten die Autoren, wie im Fall REAL, dass AMAZON nur als Plattform dient.

Amazon verkauft die Wehrmachts-Devotionalien nicht selbst, auf der Plattform sind sie dennoch erhältlich. Der Onlinehandel ist für Drittanbieter freigeschaltet, sie nutzen Amazon als eine Art Marktplatz für ihre eigenen Produkte. Das können Privatpersonen sein, die gebrauchte Artikel günstig weiterverkaufen wollen. Es können aber auch Handelspartner sein, die über Amazon professionell ihre Geschäfte abwickeln. Für die Wehrmachts-Artikel heißt das: Externe Händler bieten die Nazi-Fanartikel an – und nutzen Amazons Reichweite aus.

Dies, liebe Bento-Autoren, verhält sich wie mit Werbung. Alle gedruckten Medien (auch Ihr) stellen Platz für Annoncen von Werbekunden zur Verfügung, obwohl das Produkt eventuell nicht ganz der Firmenphilosophie entspricht. Das Geld wird trotzdem gerne genommen. Irgend jemand wird doch bei Euch „was mit Wirtschaft“ studiert haben, oder? Nun geht’s aber ans Eingemachte; um die „Nazi-Gegenstände“.

Die Produktbeschreibungen lesen sich so, als würde man eine Gartenstuhl-Garnitur bestellen: Beim Wehrmachts-Wanderschuh-Fan-Shirt preist der Händler den hochwertigen Druck an, auch Sonderwünsche beim Motiv würden gern entgegengenommen.

 Willkommen im Kapitalismus, Bento. Der Händler geht auf die Wünsche des Kunden ein (auch wenn diese noch so schwachsinnig sind). Schaut doch mal in die andere Richtung z.B. zur Antifa. Meint Ihr, die klöppeln ihre Kleidung selbst oder nähen ihre Transparente aus alten Laken zusammen?

Beim Lego-Panzerwagen wird kurz historisch eingeordnet – die wirken schon unangenehmer:

„Deutsche Panzerkanone aus dem 2. Weltkrieg, aufgebaut auf dem Fahrgestell des Panzerwagens Pz.Kpfw. 38 (t). Sie charakterisierte sich durch sehr gute Panzerung, Mobilität und exzellente Bewaffnung. Hetzer wurde von April 1944 bis Mai 1945 hergestellt, wobei die Gesamtanzahl der produzierten Fahrzeuge bei 2584 Stück lag.“ Das Modell verfüge über eine aufmachbare Motor-Heckklappe und Turmluke, außerdem über ein Maschinengewehr sowie Fernglas. Außerdem gibt es den Hinweis: „Nicht für Kinder unter 36 Monaten geeignet.“ Es handelt sich hier weniger um ein Kinderspielzeug und mehr um ein Sammlerstück für Verehrer des Zweiten Weltkriegs.

 Wirklich clever, liebe Autoren. Sich genau das heraus zu suchen, was ins gewünschte Weltbild passt. Aber leider stellt Ihr euch wieder selbst ein Bein. Sieht man auf die Front (Darf man das sagen?) der Verpackung, steht dort, neben dem eigentlichen Produzent, in großen Lettern „World of Tanks“. Dabei handelt es sich um ein bekanntes Multiplayer-Online-Spiel, bei denen die Protagonisten Panzer steuern und sich bekämpfen. Diese Leute sollen, nach der Ansicht von Bento, alle Verehrer des Zweiten Weltkriegs sein? Viel wahrscheinlicher ist es doch, dass der Hersteller dieser Modelle somit nur auf den „Vermarktungszug“ aufspringt um Geld zu verdienen (Kapitalismus). Nebenbei sei erwähnt, es werden auch alliierte Panzer feil geboten.

Ist Amazon ein Einzelfall? Nein, Amazon ist nicht die einzige Seite, die fragwürdige Artikel anbietet. Vergangene Woche war bekannt geworden, dass auf der Online-Plattform der deutschen Supermarktkette Real mehrere Uniformen aus dem Zweiten Weltkrieg erhältlich sind. Das Bild des „Afrikakorps Tropenhelm mit Brille“, verziert mit Reichsadler und einem Wappen in den alten Reichsfarben, ging durchs Netz – und löste Empörung aus.

Uniformen aus dem Zweiten Weltkrieg? Laut Produktbeschreibung bestanden diese „Originale“ aus 95 Prozent Polypropylen, 5 Prozent PVC, der Gürtel aus 100 Prozent PVC und die Stiefelgamaschen auch aus 100 Prozent PVC. Jetzt erklärt sich auch einem der hohe Anteil an Mikroplastik in der Umwelt. Apropos Empörung, die scheint nicht allzu groß gewesen zu sein. Die ARD Tagesschau berichtete nicht über diesen Skandal.

Auch bei anderen Produkten drückt Amazon anscheinend beide Augen zu. Nutzer berichten bento, dass sie fragwürdige Shirts mit volksverhetzenden Botschaften schon vor mehr als zwei Monaten gemeldet hatten. In einem Fall ging es um das Shirt, das SS-Stiefel als „Wanderschuhe“ anpreist. Eine Reaktion von Seiten Amazons habe es nie gegeben, gelöscht wurde der Artikel demnach auch nicht. Es gibt Shirts mit Fadenkreuz – und der Aufschrift „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt“. Oder Ringe mit den eingestanzten Wörtern „Volk“ und „Sippe“, in Runenschrift. (Welche Wörter Nazi-Vokabular sind, kannst du hier nachlesen)

Dass die Wörter Volk und Sippe in Anführungszeichen gesetzt sind und im Anschluss der Querverweis auf „Nazi-Vokabular“ erfolgt, lässt auf einen ungesunden Lebensstil schließen.

Wie reagiert Amazon? Sehr zurückhaltend. Während sich real.de von den Angeboten der Dritthändler deutlich distanzierte, gibt sich Amazon schweigsamer. Wie genau der Onlinehändler gegen die fragwürdigen Angebote vorgeht, verraten sie nicht: (…) „Wir bitten Sie jedoch um Verständnis, dass wir interne Abläufe nicht kommentieren können.“ Wer die Verkaufsbedingungen liest, findet keine weitere Informationen darüber, wie Amazon mit rechtem Gedankengut auf der Seite umgeht.

 Während sich REAL im vorauseilendem Gehorsam in den Staub warf, lässt AMAZON die „hippen“ Jungautoren ins Abseits laufen. Zerknirscht zogen sich die Autoren in ihr Schneckenhaus zurück und kamen zum sensationellen Schluss:

Verboten sind viele der Artikel nicht – denn die Verkäufer umschiffen die Rechtslage.(…)

 Eines muss man den Autoren lassen, sie kämpfen für ihre „modernen“ Ansichten und versuchen ihr Weltbild ständig zu festigen und bestätigen zu lassen. Nur ist es leider wie beim Fußball, Eigentore bringen kein Sieg und ohne Siege, droht der Abstieg. Freuen wir uns auf die nächsten IVW-Auflagenzahlen.

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.