Medienkritik: Der heilige Steinmeier

Foto: Collage
Steinmeier präsidial (Foto: Collage)

Was der Bundespräsident für ein toller Hecht ist, kann im Focus nachlesen, wem es bisher noch nicht aufgefallen ist. Eine Medienkritik.

von Max Erdinger

Also steht es geschrieben im Blatt: „In der Regierungskrise findet Frank-Walter Steinmeier seine zentrale Rolle als Wegweiser der ratlosen Parteien. Der Bundespräsident ist entschlossen, die angeschlagenen Vorsitzenden von CDU, CSU und SPD in eine Koalition der Verlierer zu zwingen. Kann das gut gehen?

Man muß wissen, daß Steinmeier jetzt nicht mehr zuvörderst SPD-Mann ist, sondern überparteilicher Bundespräsident. Als er zum ersten Mal die Eingangstür zum Schloß Bellevue durchschritt, gab es ganz kurz einen mysteriösen, sphärischen Engelsgesang und seine Parteimitgliedschaft bei der SPD löste sich in funkelnde Sternchen auf, die von ihm wegschwebten und am Himmel über Berlin verblassten. Vielleicht war das auch nur eine Illusion und Steinmeier meidet Neuwahlen wie der Teufel das Weihwasser, weil klar ist, daß die SPD erneut Federn lassen würde. Aber gut: „Er findet seine zentrale Rolle als Wegweiser der ratlosen Parteien.“

Zitat: “ … fand Angela Merkel schnell die richtigen Worte. „Er ist der richtige Kandidat in dieser Zeit“, sagte die Kanzlerin über Frank-Walter Steinmeier. Und: „Er ist ein Mann, dem Sie vertrauen können.“ Es klang wie die Schlüsselszene aus einem Kitschroman.“

Wenn eine Frau, der man keinesfalls vertrauen kann, behauptet, ein Dritter sei die Person, der man vertrauen kann, kann man ihr dann trauen? Na also. Das geht nach den Gesetzen der Logik nicht. Lügt der Kreter, wenn er sagt, daß alle Kreter lügen?

Der Focus: „Man stelle sich nur einmal vor, in dieser Lage wäre jetzt ein früherer Bischof oder eine Schriftstellerin im Schloss Bellevue“, seufzt ein CDU-Bundesminister angesichts der verfahrenen Situation. „Wir können froh sein, dass wir einen Profi und keinen politischen Laien als Bundespräsidenten haben.“

Also ich stelle mir das jetzt einfach mal vor, daß kein parteipolitischer Profi Bundespräsident geworden wäre, sondern ein parteiloser Jouwatch-Autor. Was würde der zu den Parteichefs sagen? Das hier wahrscheinlich: „Die Situation ist keineswegs verfahren, sondern Ihre persönliche Situation ist verfahren. Treten Sie zurück, Frau Merkel, Herr Schulz, und nominieren Sie in Ihren Parteien neue Kandidaten. Dann machen wir ein kurzes Wahlkämpfchen und wählen einfach neu.“

Der Bundespräsident als interessierter Zuhörer: „Er lässt sich genau erklären, warum Kompromisse in streitigen Fragen angeblich nicht möglich sind.

Da kann man mal sehen, wie weit es einen aus dem politischen Alltagsgeschäft herausschießt, wenn man Bundespräsident wird. Als Steinmeier noch SPD-Außenminister gewesen ist, hätte er sich das nicht erklären lassen müssen, sondern er hätte es selbst erklären können.

Nun aber das hier: „Inzwischen geht Steinmeier ganz in seiner liebsten Rolle als überparteilicher Krisenmanager auf. Inzwischen hat er so viel Erfahrung und Respekt gesammelt, dass er nicht nur von Amts wegen akzeptiert, sondern auch als Wegweiser ernst genommen wird. Ein Präsident gewinnt Statur.

Was soll das sein? Unfreiwillig komisch? Die ganze Verteilung der Staatsämter ein einziges Rollenspiel? So lieb hat der SPD-Mann die Rolle des Schloßherren zur schönen Aussicht  gewonnen, daß er gar zum Wegweiser geworden ist und als solcher auch noch Statur gewinnt? Märchenhaft!

Gutbürgerlich geht´s weiter beim Focus: „Nacheinander zitierte Steinmeier die Partei- und Fraktionschefs zu sich in sein gediegenes Arbeitszimmer im Schloss Bellevue und redete ihnen ins Gewissen.

„Gediegenes Arbeitszimmer“ – aha. Das ist schon interessant, wo beim Focus die Adjektive hinfallen. Vor das Arbeitszimmer nämlich. Vielleicht dachte der Autor, „gediegener Steinmeier“ sei ein bißchen dick aufgetragen? Irgendeine mystische Fähigkeit muß aber über den Bundespräsidenten in seinem gediegenen Arbeitszimmer gekommen sein, daß er bei den Partei- und Fraktionschef ein Gewissen entdeckt hat, in welches er hineinreden kann. So ein Bundespräsident, der als überparteilicher Wegweiser Statur gewonnen hat, kann sich vermutlich auch am Nordpol unter Palmen bräunen lassen.

Edle Motive allerorten: „Das Ziel des Staatsoberhaupts: Neuwahlen verhindern und damit eine Entwertung des Wählerwillens vermeiden„.

Der war gut. Selten so gelacht. Hätte Jamaika geklappt, dann wäre der Wählerwillen anscheinend nicht entwertet gewesen, wenn eine Partei, die von 91,1 Prozent der Wähler nicht gewählt worden ist (Grüne), an der Regierung beteiligt gewesen wäre. Um die Entwertung des Wählerwillens geht es also. Wer´s glaubt, wird selig.

Der Focus gibt zu bedenken: „Es wäre ein Bündnis der Wahlverlierer, eine Notgemeinschaft angeschlagener Parteichefs. Angela Merkel, Horst Seehofer, Martin Schulz – alle drei kassierten für ihre Parteien historische Niederlagen. (…) Die Kanzlerin steht von den dreien noch am besten da. Doch der Mythos Merkel, die Aura der Unbesiegbaren, hat arg gelitten. Die Union ist die größte Kraft im Reich der geschrumpften Volksparteien. Merkel selbst, so schien es einigen, hat in der Nacht, als FDP-Chef Christian Lindner den Jamaika-Ausstieg vollzog, kurz gezögert, ob sie selbst bleiben soll. Wäre das die Chance, einen selbst gewählten, eleganten Abgang zu schaffen? Doch keine 24 Stunden später verkündete die 63-Jährige mit großem Selbstbewusstsein in der ARD, dass sie es noch einmal wissen will. Für vier Jahre.“

Um hier noch einmal auf das Gewissen zu kommen, das Steinmeier entdeckt hat und in welches er angeblich hineinredet. Der Jouwatch-Autor hätte das so gemacht: „Frau Merkel, es interessiert mich einen feuchten Kehrricht, was Sie am liebsten noch einmal wissen wollen. Die Bundesrepublik ist nicht ihr persönlicher Abenteuerspielplatz. Treten Sie zurück, nehmen Sie den Seehofer mit und machen Sie den Weg frei für jemanden, der den von Ihnen verursachten Schlamassel wieder in Ordnung bringt. Außerdem rate ich Ihnen aus Gründen der politischen Hygiene, die Aufhebung Ihrer Immunität selbst zu beantragen, um sich als nächstes auch noch selbst anzuzeigen. Stellen Sie sich Ihrer Verantwortung für die Vergangenheit und lassen Sie die Finger von der Zukunft. Ihr Rollenspiel ist vorbei, Ihre Rolle wird neu besetzt.“

Der Focus: „Sollte Schulz scheitern, ist noch ein weiteres Szenario denkbar: dass nämlich die SPD einer weiteren GroKo nur unter der Bedingung zustimmt, dass Angela Merkel in einem absehbaren Zeitraum zurücktritt. CDU-Politiker finden die Vorstellung „bizarr“, sich von einem politischen Mitbewerber Vorgaben übers Personal machen zu lassen. Zumal Merkel die stärkste Waffe der CDU ist. Und die lässt man sich nicht widerstandslos vom Gegner aus der Hand schlagen.

Wenn Merkel die stärkste Waffe der Union ist, wird es Zeit für die Union, die weiße Flagge zu hissen und sich aufzulösen. Das ist wie bei der Bundeswehr. Dort sagt man auch nicht, man könne auf einen bestimmten Hubschrauber nicht verzichten, weil er von allen funktionsuntüchtigen Helikoptern derjenige sei, der am besten nicht funktioniert. Und wenn es Steinmeier überparteilich um das Wohl der Bundesrepublik ginge, anstatt darum, die Interessen von Parteifunktionären unter einen Hut zu bringen, hätte er schon längst mit der Faust auf den runden Tisch der Menschlichkeit gehauen und erklärt, daß Merkel nur noch im Weg steht und sich verdünnisieren soll. Stattdessen wird im Focus grundlos behauptet, die Situation sei verfahren, weil Merkel unter allen Umständen Kanzlerin bleiben muß. Muß sie eben nicht, ganz im Gegenteil. Merkel muß weg.

Außerdem bezeichnet man einen Koalitionär in spe nicht als Gegner, der einem die stärkste aller funktionstoten Waffen aus der Hand schlagen will. Eine Koalition der Gegner, was soll das denn sein? – Menschlich, wahrscheinlich.

 

 

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