Dem Heinerhofbauern sein Knecht über Arschlöcher

Dem Heinerhofbauern sein Knecht (Foto: Pixabay)

Dem Heinerhofbauern sein Knecht ist ein Mensch von gesundem Verstand, der sich nicht viele Gedanken darum macht, wie er etwas sagt. Es käme darauf an, was er sagt. Sagt er. Ich habe ihn gestern besucht. Der satirische Bericht vom Land.

von Max Erdinger

Ein saudummes, hinterfotziges Arschloch, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, verbreitet nicht dadurch den Lavendelgeruch eines Duftspenders, daß man es einen „Mitbürger mit sozialethisch fragwürdigem Charakter“ nennen muß, um sich keine Beleidigungsklage einzuhandeln. Wer einem saudummen und hinterfotzigen Arschloch das Recht einräumt, gegen Beleidigungen zu klagen, der macht sich der Förderung einer allgemeinen Arschlochhaftigkeit schuldig. Sagt der Knecht.

Ich wollte ihm widersprechen, aber so recht ist mir das nicht gelungen. Wer denn festlegen solle, wann jemand als Arschloch anzusehen ist, wollte ich von ihm wissen. Dem Heinerhofbauern sein Knecht antwortete, daß die allerwenigsten Leute im Dorf unten schon einmal jemanden ein Arschloch genannt hätten, der sich am Ende als wahrer Menschenfreund herausgestellt hat. Meistens hätten die friedliebenden Leute im Dorf recht gehabt mit ihrer Behauptung. Daß heutzutage ein Arschloch von sich selbst behaupten darf, es sei etwas anderes als ein Arschloch, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, macht aus einem saudummen, hinterfotzigen Arschloch ein saudummes, hinterfotziges und außerdem noch verlogenes Arschloch. Arschlöcher mag er nicht, sagt er. – Na ja, ich auch nicht.

Wenn ich so richtig nachdenke, dann fällt mir auch nicht ein, wann ich jemals ein Arschloch mit: „Sie Mitbürger samt Ihrem sozialethisch fragwürdigen Charakter“, angeredet hätte. Ich habe immer „Du Arschloch“ gesagt. Und ich habe in meinem Leben eine Menge Arschlöcher kennengelernt. Wenn Drecksäcke darunter waren, habe ich sie auch so bezeichnet, anstatt sie Arschlöcher zu nennen. Unter sozialethischen Gesichtspunkten habe ich mir da nichts vorzuwerfen. Langer Rede, kurzer Sinn: Ich konnte dem Heinerhofbauern seinem Knecht nicht stichhaltig Paroli bieten. Er sinnierte also weiter. Vom Arschloch über die Gewalt, die man einem Arschloch zivilisiertsheitshalber nicht antun darf, wie er sagt, kam er zum Haß.

Daß der Haß verboten worden ist, sei ungefähr das Dümmste, was er sich vorstellen kann. In den sozialen Medien würden sie jetzt alle verfolgen, die „Hates Bitch“ betreiben. Er hätte mal nachgeschaut, was „bitch“ bedeutet – und der Zusammenhang mit der Zensur haßerfüllter Merkelkritiker sei ihm sofort wie Schuppen von den Augen gefallen. Dem Heinerhofbauern sein Knecht sagt, den vorhandenen Hass verbieten zu wollen, sei ungefähr so blöd, wie den Schadstoffausstoß eines Autos dadurch auf Null herunterzubringen, daß man eine Plastiktüte um den Auspuff herumbindet. Der Motor ist das Arschloch, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. Der verwandelt Treibstoff in Schadstoff. Wer den Hass generiert, ist auch eines. So sieht das dem Heinerhofbauern sein Knecht.

Es gibt kleine Männer, sagt er, die kleiner sind als ihre eigenen Arschlöcher. Die verschwinden vollkommen in sich selbst, so klein sind sie, sagt er. Alles, was man von ihnen noch sieht, ist das Arschloch. Und Arschloch wirkt, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht. Das Zensurgesetz aus dem Wahrheitsministerium gebe es seit dem 1. Oktober und es gelte noch immer. Ich konnte nur erwidern, daß ich einmal überprüfen wolle, ob es tatsächlich ein Zensurgesetz gibt. Das konnte ich mir nämlich überhaupt nicht vorstellen. Und daß ich die Geschichte von den Kleinen mit den Riesenarschlöchern, in welchen sie vollständig verschwinden, für ziemlich unwahrscheinlich halte, konnte ich ebenfalls anbringen. So klein ist niemand, daß er in seinem eigenen Arschloch verschwindet. Eine maßlose Übertreibung, sozusagen.

(Das letzte „Arschloch“ in diesem Text war das zweiundzwanzigste. Ich wette, es gibt jemanden, der das nachzählt.)

Das Widerlichste an Arschlöchern, die in friedliebenden Menschen Haß produzieren, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, sind ihre Krawatten. An denen sei der Humanismus schuld, sagt der Knecht. Der Zynismus, meint er, sei ja mit dem Humanismus nicht ausgestorben, sondern er habe nur ein schlechteres Image bekommen. Arschlöcher tragen deswegen Krawatten, weil sie Zyniker sind. Sie kokettieren damit, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, daß sie Schlingen um den Hals tragen, an denen man sie jederzeit aufhängen könnte, wenn man nicht Humanist wäre. Sie verspotten einen mit ihren Krawatten, sagt er. Weil man sie nicht zuziehen darf, müsse man auch ihr saudummes Geschwätz aushalten. Arschlöcher seien schon schlimm, sagt dem Heinerhofbauern sein Knecht, aber die krawattierten seien die allerschlimmsten.

Es sei eben in einem Rechtsstaat so, daß man sich nicht zum Richter über seine Mitmenschen aufspielen dürfe, gab ich dem Knecht zu bedenken. Wäre es anders, hätten wir bald Mord und Totschlag auf den Straßen.

Damit bin ich beim Heinerhofbauern seinem Knecht aber gerade an den Richtigen gekommen. „Ah, bist du jetzt auch schon eines dieser Arschlöcher, die nicht wahrhaben wollen, daß es einen Unterschied gibt zwischen Sein und Schein, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, ja?“, blaffte er mich an. „Wir haben Mitmenschen in unserem Rechtsstaat, die sich zum Richter über Sein oder Nichtsein anderer Leute aufspielen, sie mit Lastwagen überfahren, in Musikklubs niedermetzeln oder als Selbstmordattentäter in die Luft sprengen. Wir haben Mord und Totschlag auf den Straßen, in den U-Bahnen, auf den Busbahnhöfen und in den Innenstädten. Wir haben eine Regierung, die unsere Grenzen sperrangelweit offen gelassen hat für diese Individuen! Und wir haben eine Polizei, die dem nicht mehr gewachsen ist. Dutzende haben ihr Leben bereits lassen müssen. Wir haben also einen Rechtsstaat, ja?“, schrie er mich an. Und dann sagte er es: „Du Arschloch!“.

Ich griff erschrocken und unwillkürlich an meinen Hals, dorthin, wo bei anderen Mitbürgern mit einem sozialethisch fragwürdigen Charakter der Krawattenknoten sitzt – und schluckte.

Er solle sich wieder etwas beruhigen, riet ich dem Knecht. Deswegen redeten wir ja miteinander: Um uns auszutauschen. Ja, er habe recht, sagte ich. Ein Staat, der Mord und Totschlag auf seinen Straßen und Plätzen nicht mehr unter Kontrolle hat und ganze Stadtviertel ihrer eigenen „Gerichtsbarkeit“ überläßt, dürfe sich wohl kaum noch als Rechtsstaat bezeichnen. Zumal dann nicht, wenn er diejenigen zensiert, die das laut und deutlich aussprechen. Der Knecht blickte wieder etwas versöhnlicher. Ob wir ein Schnapserl trinken wollten, fragte er. Wir wollten.

Dann fuhr er fort. Was Arschlöcher mit Krawatten recht eigentlich seien, wollte er wissen, wie um sich zu vergewissern, daß ich ihn auch verstanden hatte. Was sind Leute, fragte er, die angesichts solcher Zustände behaupten, man sei ein Haßverbrecher in einem Rechtsstaat, nur weil man zivilisiert genug ist, sie Arschlöcher zu nennen, anstatt sie an ihren Krawatten aufzuhängen? Er gab sich die Antwort selbst: Krawattierte Riesenarschlöcher seien das.

Es wurde dunkel, ich seufzte, stand auf und nahm meinen Hut. Wortlos schüttelten wir uns die Hand und ich machte mich auf den Heimweg.

 

 

 

 

 

 

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