Regierungsbildung – oder das Affentheater als solches

Foto: Durch Zhou Eka/Shutterstock
Foto: Durch Zhou Eka/Shutterstock

Ja, wat wollen se denn, wo wollen se denn hin?

Sie sitzen im Affenkäfig und lausen sich. Mehr scheint nicht möglich. Hinter den Gittern des Käfigs lauert das Publikum. Kommt nicht mal bald ein Affe nach vorne und klopft sich nach Kräften auf die Brust?

Kannzde lange warten!

Nein, die Affenvölker sind sich spinnefeind. Aber die Freßtöpfe gehören nun mal allen. Jetzt ist bloß die Frage, wer seinen Topf mit wem teilt.

Von Peter Helmes

Der Oberaffe aus der einen Gruppe kann nicht mit der Äffin aus der anderen. Die Affenkinder hüpfen verstört umeinander, finden aber weder Affenpapa noch -mama anziehend. Die Eiseskälte der Macht macht selbst vor den Kleinen nicht halt.

Auch der alleroberste Oberaffe mit den weißen Haaren kann nichts ausrichten. Er verteilt zwar fleißig Bananen, aber das geht wohl am Appetit des Affenvolkes vorbei. Sie wollen nicht Bananen, sie wollen eine Führung. Aber da ist niemand.

Die Affenmutter, die sich anbiedert, haben alle satt, den Affenvater des anderen Stammes will niemand. Er ist keine Führungskraft, sondern gemeiner Affe geblieben. Nun langsam werden die Affenvölker nervös und fragen sich, ob das hier noch die richtige Affenordnung sein soll. Gibt es hier nur Primaten – oder hat es auch eine Alternative?

Auweia, schreit ein Affe aus der hinteren Reihe. „Alternative“ ist ein böses Wort. Das gibt´s für uns nicht. Tja, und dann wird den Affen der Zucker gestrichen!

Hilft aber auch nichts. Der Affenzirkus muß neu ausgerichtet werden: Links sind die von immer. „Rechts“ gibt´s keine. Weil die, die rechts sind, nicht rechts sein dürfen erlaubt sind, und die, die bisher „rechts“ waren, längst links sind. Hasde verstanden?

Natürlich hasde nix verstanden. Aber ich will et Dir erklären. Paß off:

„Links“ sind alle die, die guten Willens sind, die Gutmenschen. Und die haben wir im über 700-bäuchigen (-köpfigen?) Parlament en masse. Das sind die, die mit Deutschland aufräumen möchten. Die Deutschland in ewiger Schuld sehen, und die deshalb Deutschland durch Übernahme unzähliger (tatsächlich unzähliger) Neubürger entdeutschen wollen, um die Schuld endlich dauerhaft zu zementieren und das deutsche Volk zu „verunmöglichen“. Und bisher Unterprivilegierten sind die, die aus eigenen Kräften nicht auf die Beine kommen, weil böse Weiße sie ewig nur ausgenutzt haben. Da müssen wir Buße tun!

Tun wir! Wir laden sie alle ein; denn unser Tisch ist reichlich gedeckt. Und deshalb will das deutsche Volk, vertreten durch die „Volksvertreter“, daß alle hier Platz nehmen und sich wohlfühlen.

Da gibt´s zur Zeit nur ein kleines Problem: „Das Volk“ fühlt sich mißverstanden und in seinem Willen mißinterpretiert. Das zeigt das Gewürge um die Bildung einer neuen Regierung:

Zehn Wochen nach der Bundestagswahl können die Deutschen zwar behaupten, daß im politischen Chaos endlich Konturen einer möglichen Regierung sichtbar werden. Aber geht man in die Details, wird´s wacklig. Beispiel: Eine tiefe Reform der Europäischen Union und des deutschen Gesundheitssystems – das sind die Bedingungen, die SPD-Chef Schulz der Kanzlerin stellt. Doch wird es damit eine erneute Große Koalition geben? Schulz muß jetzt jene in seiner Partei, die fest hinter der ersten Entscheidung der SPD stehen, nicht mehr mit Angela Merkels Union regieren zu wollen, überzeugen. Und zwar davon, daß es keinen anderen Ausweg gibt und daß man Verantwortung für das Land übernehmen muß. Um dieses Ziel zu erreichen, muß er mit Merkel hart verhandeln.

Aber die SPD muß aufpassen, daß sie den Bogen nicht überspannt. Es geht nicht um die Vorstandswahl in einem Karnevalsverein – wenngleich man manchmal diesen Eindruck hat. Vielmehr braucht die größte Volkswirtschaft in Europa eine neue Regierung. Man wartet nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa. Der Bundespräsident hat getan, was er konnte. Er lud zur Mediation, versuchte zu vermitteln, also zum Bananenverteilen. (Das sind die weiter oben erwähnten Bananen.) Nun darf man erwarten, daß die drei Parteichefs – eigentlich allesamt erfahrene Politiker – allein zurechtkommen.

Aber in einem Teil der Affenschar liegen die Nerven blank, nämlich in der SPD. Der linke Affenvolkschef, Martin Schulz, machte aus einer Zeitungsnotiz, wonach es schon grünes Licht für die Große Koalition mit der CDU/CSU gebe, eine ganze Affäre mit fast kriminalistischen Untersuchungen auf der Suche nach dem Täter, der in der CDU vermutet wird. Nichts ist vereinbart, nach wie vor gibt es mehrere Optionen, die man ausgiebig bewerten und über die erst innerhalb der SPD ohne Zeitdruck gesprochen werden soll. So lautet die Botschaft aus der SPD-Parteizentrale.

Alle Affenvölker aber haben Angst, nämlich die Angst vor Neuwahlen. Beide Seiten befürchten, Stimmen zu verlieren. Dies ist allerdings das schlechteste Motiv, um eine kraftvolle Regierung zu begründen. Denn es ist bloß passiv-abwehrend und läßt keine positive Botschaft erkennen. Man hat sich in Deutschland angewöhnt, mit einem Anflug von Pathos ein ‚politisches Projekt‘ zu verkünden, wenn man eine Exekutive bilden will. Es geht bescheidener, schließlich sind Vernunftehen manchmal dauerhafter als Liebesheiraten. Aber einen Funken Inspiration sähe man gern, um zu wissen, was die Partner verbindet außer nackter Existenzangst.

Und so werden die Affenvölker weiterhin mit ihren Bananen zufrieden sein müssen, die ihnen die Affenmutter gütigst zuweist.

Wandere aus, solange es noch geht!
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