Medienkritik: Der AfD-Parteitag in Hannover

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Fünf Schwarze beim AfD-Parteitag (Foto: Collage/Shutterstock)

„Auf einem chaotischen Parteitag zeigen sich die Risse, die durch die AfD gehen“, schreibt die WELT. Risse gehen natürlich nur durch die AfD. Bei anderen Parteien heissen solche Risse „parteiinterne Differenzen“ und gelten als Nachweis besonderer demokratischer Verfasstheit.

von Max Erdinger

Es ist natürlich so, daß sich in der AfD zwei Flügel begegnen, von denen jeder sich wünscht, der jeweils andere wäre ein bißchen anders. Vom Medien-Mainstream besonders gemobbt wird der rechte Flügel der AfD, der gerne auch einmal als der „völkisch-nationalistisch“ bezeichnet wird. Ihm zum Beispiel wird Björn Höcke zugerechnet. Besonders, seit Höcke zu bedenken gab, daß Deutschland das einzige Land der Welt sei, welches sich ein Mahnmal seiner eigenen Schande ins Zentrum der Hauptstadt stellt, ist er für den Presse-Mainstream so etwas wie Hitlers Reinkarnation. Wer einen unbestreitbaren Sachverhalt korrekt wiedergibt, muß in Deutschland mit Schmähungen rechnen.

Leider springen Teile der AfD dennoch weiter über die Stöckchen, die ihnen der Medien-Mainstream hinhält. Das halte ich für völlig sinnlos. Die Stöckchen werden danach einfach immer weiter in „Richtung Mitte“ gehalten. Es geht den Altparteien und ihren Hofberichterstattern aus dem Mainstream nicht um politische Inhalte der AfD, sondern darum, daß die AfD allein schon durch ihre schiere Existenz die Kreise des Einparteienstaats mit seinen verschiedenen Parteigliederungen stört. CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne und Linke unterscheiden sich voneinander nicht stärker, als etwa die beiden Flügel innerhalb der AfD. Die Altparteien bilden in grundsätzlichen Fragen so etwas wie ein Meinungskartell, was es wiederum rechtfertigt, von einer Einheits(alt)partei zu sprechen, die durch die AfD nun Konkurrenz bekommen hat. Konkurrenz wird bekämpft, und zwar unabhängig davon, welche Inhalte sie vertritt. In diesem Lichte muß man nach meiner Überzeugung die gesamte Berichterstattung über die AfD betrachten.

Matthias Kamann in der WELT: „Es gehört zum Wesen rechtspopulistischer Parteien, dass sie auf eine einzelne Führungsfigur fixiert sind. Sie geben sich basisdemokratisch – besonders die AfD – und inszenieren sich als Widerstandsbewegungen gegen herrschende Autoritäten. Aber sie leben quer durch Europa und viel stärker als andere Parteien von einem starken Mann, einer starken Frau an der Spitze.

Ja, Sie haben richtig gelesen. Kamann behauptet, die CDU sei eine rechtspopulistische Partei. Wäre ich Friede Springer, würde ich ihn jetzt feuern. Angela Merkel ist doch eine starke Frau, ohne die in der CDU gar nichts geht, oder? Stark realitätsverweigernd ist schließlich auch stark.

Kamann: „Diese Person ist in der AfD ein Mann, der das gar nicht so gern ist. Man kann an Alexander Gauland viel kritisieren. Aber man kann ihm nicht nachsagen, dass er unbedingt die Alleinherrschaft über die AfD beanspruche. Der 76-Jährige weiß durchaus, dass der ihm am Samstag in Hannover zugefallene Parteivorsitz in Kombination mit seiner Funktion als Bundestagsfraktionschef eigentlich zu viel ist für ihn allein, und er hat sich im Vorfeld dieses Parteitags nicht um den AfD-Chefposten an der Seite von Jörg Meuthen gerissen„.

Tja, da hätte sich Kamann fragen müssen, wie stark jemand sein kann, der gar nicht stark sein will – und ob eine Partei, die so jemanden zum zweiten Parteivorsitzenden wählt, wirklich an einem starken Mann an der Spitze interessiert sein kann. Mithin hätte er also im weiteren Verlauf seiner Überlegungen zu der Frage kommen müssen, ob die AfD wirklich eine dieser rechtspopulistischen Parteien ist, die so sehr an einem starken Mann hängen. Gauland ist ausgewiesener Demokrat. Deswegen ist er auch aus der CDU ausgetreten. Das ist alles.

Die WELT: „Georg Pazderski als Vordenker einer moderaten, sachorientierten Ausrichtung und Doris von Sayn-Wittgenstein als Symbolfigur des nationalreaktionären Grundsatzwiderstands blockierten einander“.

Das sind so typische Pressesätze, wie es sie im Lande von goldener Mitte, Mittelstreifen, Mittelmaß und Mittelstand samt der Vergötterung von Mittelmäßigkeiten aller Art zuhauf gibt. Wollen mal so sagen: Gäbe es moderate und sachorientierte Anschläge auf Weihnachtsmärkte und ebensolche moderaten und sachorientierten Messerangriffe (aktuell im Durchschnitt zehn moderate Messerattacken täglich) – jeder „nationalreaktionäre Grundsatzwiderstand“ wäre vollkommen überflüssig. Der alte deutsche Spruch, wonach auf einen groben Klotz auch ein grober Keil gehört, gilt heute als „nationalreaktionär grundsatzwiderständig“. Donald Trump wäre übrigens, wenn es nach Kamann ginge, ebenfalls „nationalreaktionär grundsatzwiderständig“, weil er als Amerikaner „America First!“ propagiert. Und zwar ungeachtet der Tatsache, daß er international überall empfiehlt, das jeweils eigene Land an erste Stelle zu setzen. Der „nationalreaktionäre“ Trump hat überhaupt nichts gegen „Poland First!“. Ich sehe das ganz anders als Kamann. In Deutschland gibt es die widerliche Unsitte, weder heiß noch kalt zu duschen, sondern lauwarm. Daß das auch noch zur Tugend verklärt wird, macht die Sache nicht besser. Wenn etwas richtig ist, dann ist es richtig, – und zwar egal, ob irgendein Warmduscher daherkommt und behauptet, es sei viel zu „nationalreaktionär“ richtig.

Gehaltsempfänger Kamann: „Jäh öffneten sich während des Wahlkrimis mit den beiden Kandidaten die Risse in der Partei, kompromisslose Fundamentaloppositionelle standen gegen kompromissbereite Realpolitiker, Radikale gegen Bürgerliche, Provokateure gegen Abwägende. Und Russophile gegen Atlantiker.“

Es ging um die Wahl zwischen Pazderski und Sayn-Wittgenstein. Nach Kamanns Insinuation steht also die Haltung des Fundamentaloppositionellen auf keinem realistischen Fundament. Den Beweis dafür bleibt er aber schuldig, genauso wie den, daß Kompromissbereitschaft der Ausweis von Realitätssinn sein soll. Für die Beurteilung der Realität ist es völlig unerheblich, worauf man sich einigen konnte. Sie richtet sich einfach nicht danach. „Russophile und Atlantiker“ ist übrigens auch so ein künstlich generierter Gegensatz an der Realität vorbei. Mit der Regierung Trump geht sowohl das eine als auch das andere. Lediglich das amerikanische, immer noch einflußreiche „liberaldemokratische“ Promi- und Medienestablishment, welches Trump das Regieren zur Hölle macht, verhindert, daß sich eine russisch-amerikanische Freundschaft entwickelt. Trump und Putin haben im persönlichen Umgang miteinander überhaupt keine Probleme. Sie mögen sich.

Den „Atlantiker“, den Kamann meint, muß man heute übersetzen mit „ewiggestriger Linksliberaler“. „Nationalreaktionärer Internationalist“ könnte man natürlich auch sagen eingedenk der Tatsache, daß jeder Internationalist in einer bestimmten Nation seinen Wohnsitz hat.

Kamann: „Während Meuthen eher aus Blässe für viele anschlussfähig ist, wirkt der charismatische Gauland wie jemand, der durch eigene Kraft die Lager verbinden kann. Also musste er durch rhetorische Verrenkungen den Eindruck erwecken, man könne Westbindung und Putinismus miteinander verbinden.

Natürlich könnte man Westbindung und Putinismus miteinander verbinden. Putin hat mehrmals erklärt, daß er sich freundschaftliche Beziehungen zu den USA wünscht. Es ist lediglich der Widerwillen gutmenschlicher Traumtänzer, wie er in Gestalt Merkels, der Grünen und der SPD – einvernehmlich mit dem linksliberalen Medienestablishment der USA –  marodierend das Land gegen die Wand fährt, welcher einer solchen beidseitigen Orientierung im Wege steht. Weder Trump noch Putin sind bekanntlich ausgewiesene Freunde des wahnhaften, linksliberalen Glaubensbekenntnisses von der Gleichheit aller Menschen und ihrer Kulturen. Wie Kamann zu dem Eindruck gelangt ist, Meuthen strahle Blässe aus, wäre mir angesichts sehr vieler, fundamental richtiger Äußerungen Meuthens völlig schleierhaft, wenn ich nicht wüßte, wem einer wie Matthias Kamann nach dem Maul zu reden hat.

Zitat: „Solche Verrenkungen wird Gauland künftig noch öfter vollführen müssen, damit man das Einerseits mit dem Andererseits zu einem „Irgendwie beides“ zusammenweben kann. Das ist politisch unbefriedigend, aber für die AfD die einzige Möglichkeit. Denn nur Gauland kann – wie schwer es ihm auch intellektuell fallen mag – diese Partei zusammenhalten. Folglich muss er den starken Mann geben, ob er will oder nicht. Denn die AfD bedarf eines starken Mannes„.

Ja, Kamann, zur Kenntnis genommen. Halten wir mal fest: Nur die CDU bedarf einer schwachen Frau, die für stark gehalten wird. Die WELT bedarf übrigens eines starken Kommentators. Wenn sie das merken, sind Kamanns Tage dort gezählt.

 

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