Medienkritik: Der WELT-Prediger

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Die Welt - Medienkritik (Foto: Collage)

Frédéric Schwilden nimmt in der WELT den Skandal um das Mahnmal neben Björn Höckes Wohnhaus zum Anlaß, um uns über den Unterschied zwischen Ethik und Moral aufzuklären. Eine Medienkritik.

von Max Erdinger

Völlig zu recht ereifert sich Schwilden über den Moralistenterror, wie er etwa in Gestalt von Margot Käßmann, Bedford-Strohm, den Grünen und überhaupt allen anderen über uns gekommen ist, die immer genau wissen, was sich gehört und was nicht – und was diejenigen für üble Subjekte sind, die ihnen ihr „Wissen“ nicht so ohne weiteres abnehmen.

Schwilden ausgezeichnet: „Mit der Moral kommt jeder, der kein überzeugendes Argument hat. (…) Moralvorstellungen sind religiöse, gesellschaftliche Gesetze, die für die Menschen, die an sie glauben, nicht verhandelbar sind. Mit der Aufklärung veränderte sich das. In Europa löste die Ethik die Moral als gesetzgebende Kraft ab. Ethik ist Moral mit Frage und offener Antwort. Ethik ist das humanistische (das heißt an Erkenntnis orientierte) Update von Moral als Handlungsanweisung.

Das bringt Schwilden ganz gut auf den Punkt. Aber dann passiert etwas Merkwürdiges: Schwilden kommt selbst ins Moralisieren.

Schwilden: „Den AfD-Politiker Björn Höcke zum Beispiel kann man vieles nennen: Rechtsradikaler, Knopfaugen-Goebbels oder Steckdosenbefruchter (die schönste aller Grundschulbeleidigungen). Man kann ihn und seine Positionen bekämpfen. Als mündiger Demokrat hat man sogar eine Pflicht (das ist der Preis für Bürgerrechte), gegen Höcke Stellung zu beziehen. Am besten benutzt man dafür Argumente.

Erstens einmal gibt es keinen endgültigen Schiedsrichter darüber, wer nach dem Austausch der Argumente gefälligst Recht zu haben hat – außer eben den Moralisten. Oder den Realisten. Der kommt aber in Schwildens Betrachtungen zum Thema nicht vor. Ich wage in dem Zusammenhang zu bezweifeln, daß die Suche nach Erkenntnis in keinem Fall eine endgültige, weil richtige Antwort liefern kann. Sehr oft dürfte das nämlich der Fall sein. Etwas, das wahr ist, ist eben wahr, Ethik und Moral hin oder her. Und wer das, was wahr ist, gegen die Lüge verteidigt, der ist eben primär weder Moralist noch Ethiker, sondern der ist hauptsächlich Realist. Ob es beispielsweise den menschengemachten Klimawandel gibt oder nicht, ist keine Frage von Moral oder Ethik, sondern eine der Realität. Da sind die Argumente irgendwann einmal ausgetauscht und es gibt jemanden, der recht hat und jemanden, der unrecht hat.

Die Bürgerrechte wiederum verwechselt Schwinden mit den Berechtigungen, die der Bürger hat – und die mal mehr oder mal weniger großzügig über ihm ausgestreut werden, je nachdem, ob der Moralist, der Ethiker oder der Realist derjenige ist, der die Macht zur Berechtigung des Bürgers hat.

Zitat: „Moralisches Handeln sagt: Der Zweck heiligt die Mittel. Der Moralist wird zum narzisstischen Diktator. Seine Weltsicht sagt: Ich und nur ich habe recht. Im Gegensatz zum aufgeklärten Ethiker, der zwar auch glaubt, recht zu haben, sich aber immer wieder aufs Neue beweisen muss (durch das Infragestellen der eigenen Position), kennt der Moralist diesen Selbstzweifel nicht. Der Moralist glaubt, eine quasi göttliche Berechtigung zum Eingreifen zu haben, da nur er als Erlöser fähig ist, die Welt zu retten. Deswegen stürmen Femen-Frauen den Kölner Dom. Deshalb versuchen Rechtsradikale, Flüchtlinge auf dem offenen Meer abzufangen und sie daran zu hindern, nach Europa zu kommen. Sie stellen sich und ihre Moral über das Gesetz.“

Erstens einmal würde ich gerne das Gesetz sehen, in dem steht, daß man eine Seenot inszenieren muß, um das moralische Erpressungspotential zu generieren, welches man braucht, um andere Gesetze zu umgehen, wie bspw. die Genfer Flüchtingskonvention, das Asylrecht, die Paßgesetze usw.usf. Zweitens hat es einen hohen moralinsauren Unwert, Identitäre als Rechtsradikale zu bezeichnen. Drittens muß einer schon ein ausgewiesener Moralist sein, um mir einen solchen Schwachsinn als von ethischen Überlegungen getragen anzudienen. Frédéric Schwilden wird hier ganz schnell selbst zum zivilreligösen Moralisten.

Schwilden: „Harvey Weinstein zum Beispiel gehört bestraft. Aber nicht, weil irgendjemand glaubt, dass es sich nicht schickt, Frauen systematisch zu belästigen, sie zu vergewaltigen und damit immer so weiterzumachen. Harvey Weinstein gehört bestraft, weil er ein Verbrecher ist.

Tja, mein lieber Frédéric, satte Bauchlandung, würde ich sagen. Wer es schon so mit den Gesetzen hat wie deinereiner, der sollte nicht behaupten, einer sei ein Verbrecher, noch ehe das richterlich festgestellt worden ist. Soll der Herr Schwilden moralisieren? Ethisch wäre nach Schwilden, zu fragen, ob Weinstein wohl ein Verbrecher ist – und die Antwort zunächst noch offen zu lassen. Denkbar wäre nämlich auch, daß Weinstein das Opfer frustrierter Weibspersonen ist, die sich für ihren eigenen Erfolg prostituiert haben, dies heute wiederum als Schmach empfinden und Weinstein den schwarzen Peter für den „Deal“ rüberschieben wollen, auf den sie sich nach persönlicher Abwägung der Vor- und Nachteile im Vollbesitz ihrer Zurechnungsfähigkeit selbst eingelassen hatten.

Zitat Frédéric Schwilden: „Das moralische Gesetz steht im krassen Gegensatz zu einem staatlichen Gesetz. Moral kennt keine Rechtsstaatlichkeit.“

Tja, und da uns der Herr Schwilden in Sachen Weinstein gerade über sein Rechtsstaatsverständis aufgeklärt hat, darf ich ihn ab hier wohl endgültig einen Moralterroristen nennen. Da kann er sich seine edle Feingeistigkeit glatt abschminken.

Schwilden: „Eine Gesellschaft, die vor allen Dingen Verstöße gegen Moral und nicht gegen Gesetze ahnden möchte, entfernt sich vom Rechtsstaat“

Gesetz und Rechtsstaat haben ja jetzt nicht zwingend etwas miteinander zu tun. Gesetze gibt es auch in Nordkorea und in Zimbabwe. Moral hingegen … na ja, eher nicht. Und Ethik ist dort sowieso unbekannt.

Frédéric Schwilden in der WELT: „Deutschland hat gerade mit der Frage „Dürfen Homosexuelle heiraten und Kinder adoptieren?“ und der Antwort darauf „Ja, weil …“ einen entscheidenden Schritt zu einer gleichberechtigten, vollends emanzipierten Gesellschaft getan. Die Moralvorstellung, Schwule und Lesben seien pervers, potenzielle Kinderschänder oder krank, ist klar in der Minderheit. Das Ja zur Ehe für alle wurde begründet.

Ja und? Das Nein zur Ehe für alle wurde ebenfalls begründet. Und, so sage ich als Realist, das Nein wurde viel besser begründet als das Ja. Außerdem hängt, was wahr ist und was nicht, was falsch ist und was nicht, keinesfalls an dem, was eine Mehrheit meint. Vor allem dann nicht, wenn diese Mehrheit zuvor von Hypermoralisten indoktriniert worden ist. Egalitaristen sind nämlich Hypermoralisten. Die Realität hängt sowieso nicht an Mehrheiten oder Meinungen. Die gibt es einfach so. Ohne alles. Unvorstellbar für einen wie Schwilden, wie es aussieht.

Zitat: „Wenn Karl Marx also in seiner Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ schrieb, „Religion ist Opium für das Volk“, dann müsste es heute heißen: Moral ist Crystal Meth für die Gesellschaft. Kurzzeitig fühlen wir uns megageil, aber am Ende fallen uns die Zähne aus.

Und das auch nur dann, wenn man auf Karl Marx etwas gibt. Tja, Herr Schwilden, da würde ich mich an Ihrer Stelle schon mal nach einem guten Dentallabor umschauen. Ein Essay so gut anzufangen und es dann bis zum Ende vor lauter Moralisiererei derartig zu versemmeln, – da kann man schon mal seiner Zähne verlustig gehen, um im Bilde zu bleiben.

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